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Reise Grönland: Hinter den Eisbergen

Grüne Wiesen, rote Häuschen, schneeweiße Berge und irgendwo trottet ein Polarbär – in Südgrönland ist definitiv alles anders. Und so still und schön, dass jeder Tag in die Seele sickert
Haus

Können Eisbären Türen öffnen? Und wenn ja, bin ich als Futter interessanter als ein Schaf oben in den Bergen? Und wie schafft es ein Polarbär auf einer Eisscholle bis hier herunter in den Süden Grönlands, wo er auf den grünen Wiesen eigentlich nichts verloren hat? Nachtgedanken in einer kleinen Gästehütte auf der größten Insel der Welt, die ziemlich menschenleer ist. Hier jedenfalls steht nur die Schaffarm von Lars und Makka Nielsen, und dann kommt erst mal gar nichts. Nichts außer Blumenwiesen, Bergen und Fjordwasser. Eine Bootsstunde entfernt liegt Qaqortoq, die Metropole des Südens mit 3300 Einwohnern. Weiter im Norden Nuuk, die Hauptstadt mit 16 000 Einwohnern. Und drum herum das ewige Eis. Bis zu dreieinhalb Kilometer dick bedeckt es die Insel, die ein selbst verwalteter und autonomer Bestandteil des Königreichs Dänemark ist. Das Eis wiegt so schwer, dass, wäre es verschwunden, sich Grönland 600 Meter in die Höhe heben würde. Aber das ist Theorie, und beim Frühstück in der Farmküche ist die Welt in Ordnung. Im Ofen schmort Moschusochse, Mutter Makka hisst draußen vor dem hübschen Holzhaus am Fjord die grönländische Flagge, und Tochter Marie, 26, schnippelt auf der Terrasse Rettich für die Suppe. Vorbereitungen fürs 40-jährige Farmjubiläum. Vater Lars, 61, beruhigt mich derweil: „Der gemeldete Eisbär ist ein armer Kerl, den es auf einer abgesprengten Scholle in den Süden getrieben hat.“

Der Klimawandel verändert alles

„Wahrscheinlich liegt’s am Klimawandel“, bemerkt Marie, die sich ebenso wie ihr Bruder Pilu, 36, Hubschrauberpilot, zu uns gesellt. „Früher hatten wir keine verirrten Eisbären. Und der Fjord fror im Winter regelmäßig zu. Dann konnten wir mit dem Schneemobil übers Eis zu den Nachbarn brausen.“ Pilu fällt beim Stichwort Schneemobil die Geschichte von den Touristen ein, die ein Auto mieten möchten – und erfahren, dass es gar keine Landstraßen gibt: „Keine 2 der insgesamt 18 Städte und 68 Orte des Landes sind miteinander verbunden. Zu viele Fjorde, zu viele Berge, zu viel Eis.“

Blaue und weiße Eisberge

Schwierig für die grönländische Wirtschaft, die eigentlich nur den Fischfang hat. Für Besucher aber ein Paradies. Unberührt und still. Das Grün der Landschaft in der gleißenden Sommersonne, das türkisfarbene Fjordwasser, die darauf schwimmenden Eisberge. Die sind weiß oder blau. „Je nachdem, ob viel Luft oder Wasser darin enthalten ist“, erklärt mir die südfranzösische Architektin Agathe Devisme, 39, die nie nach Grönland wollte. Ihre Schwester arbeitete vor Jahren hier an einem landwirtschaftlichen Versuchs- und Ausbildungszentrum und überredete sie zu einem Urlaub. Am Institut traf sie den Inuk Kalista Poulsen, 39. Jetzt will sie nie wieder weg. Aus lauter Liebe und weil ihre Farm der schönste Platz der Welt ist. Die „Iqiutaq Guest Farm“ liegt an einem anderen Fjord, und man erreicht sie ebenso wie die von Lars und Makka nur per Motorboot. Agathes Spezialität: feine französisch-grönländische Küche. Walhaut mit Engelwurz- Rosmarin-Pickles; Rentier mit wildem Sauerampfer und französischen Mini-Clafoutis, Eierteig-Küchlein; Bouillabaisse mit arktischem Saibling …

 

 

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