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Usbekistan Eine Reise entlang der Seidenstraße

Der Zauber der legendären Seidenstraße – in Usbekistan wirkt er bis heute. VITAL-Mitarbeiterin Judka Strittmatter begegnete ihm auf Basaren, in Ateliers – und im Lächeln der Menschen

Usbekistan

Abdullo Narzullaev ist ein selbstbewusster Mann. Lässig durchschreitet er seine Werkstatt in einer Seitenstraße der Stadt Gischduvan, rund 50 Kilometer vor der Handelsstadt Buchara an der berühmten Seidenstraße. Er zeigt mir Krüge, Schalen, Becher und Fantasietierchen aus Keramik. Im modernen Europa würde man diese Ausstellung „Showroom“ nennen. Aber das moderne Europa liegt Tausende Kilometer entfernt, und dort arbeitet niemand mehr mit einem Esel an der Glasurmühle und einem Erdofen.

Die Seidenstraße verband, auf verschiedenen Routen, über Jahrhunderte Konstantinopel und Kairo mit Bagdad und Teheran, führte über Buchara, Samarkand und Taschkent bis nach Peking. Heute nimmt der internationale Handel längst schnellere, bequemere Wege, doch der Mythos Seidenstraße lebt weiter. Das Teilstück durch Usbekistan, auf dem ich in den nächsten Tagen hin und her fahren werde, ist berühmt für seine Prachtbauten – und seine Töpferarbeiten. Noch existieren zwei bekannte Keramikschulen, beide mit fast tausendjähriger Handwerkstradition.

Abdullos ist eine davon. Besucher aus aller Welt gucken sich hier um, sogar Prinz Charles und Hillary Clinton waren da, alles fotografiert und ausgestellt. Abdullos Kunden sollen sehen, dass hier ein Profi töpfert. Für den passenden Prunk hängen Susanis an den Wänden, üppig bestickte riesige Wandteppiche, ebenfalls typisch für Usbekistan. „Susan“ heißt Nadel und stammt aus dem Persischen. Die Susanis entstehen  soin atemraubendem Tempo im Hof der Werkstatt: Dort arbeiten Abdullos Töchter. Sie zupfen die Fäden zum Besticken der Baumwollrechtecke aus Seidenfädenbündeln, die Abdullos Schwester Mavljuda vorher in natürlichen Essenzen färbt. Ihr Rezept: Gekochte Zwiebel- und Granatapfelschalen in einem Topf ergeben Grün, beides getrennt leuchtet Ocker oder Violett. Alles, was eine neue Nuance ergeben könnte, wirft sie in den Topf, auch Azaleenblüten und Tee. Außer den Susanis, deren Muster sie mit Kugelschreiber vorzeichnen, verzieren die Frauen die Tonprodukte. Doch sie dürfen nicht selbst an die Töpferscheibe, um zu formen. Das verbietet der Islam, obwohl er hier sehr gemäßigt praktiziert wird.

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