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Reise Wandern auf Kreta

Sehen, was sonst keiner sieht: Bei einer geführten Pflanzen-Wanderung auf Kreta braucht man lange Hosen, eine gute Sonnencreme und vor allem einen scharfen Blick.

Kreta

Am Dienstagmorgen nehmen wir die Straße nach Karé. Nur Kreta-Kenner wissen, was dieser Satz bedeutet. Sie werden „Oho!“ denken, oder „Alle Achtung“. Und haben recht. Das wissen wir seit gestern, als Ineke, die mit einem Kleinwagen die Vorhut unserer Exkursion bilden wollte, fünf Minuten später wieder vor unserem Hotel in Spili stand. Die Straße, erzählte sie, sei abgerutscht, kurz hinter einer Kurve, und das offensichtlich nicht erst letzte Woche. Warum niemand ein Warnschild aufgestellt habe, fragten wir Stefanos, den Hotelbesitzer. „Wozu?“, fragte er zurück.

Pflanzen-Wanderung auf Kreta

Die Wander-Gruppe

„Jeder im Dorf weiß, dass die Straße kaputt ist.“ Wir jetzt auch. Allerdings sind wir nicht wegen der Straßen hier, sondern wegen der Wanderwege und allem, was an ihren Rändern grünt und blüht. Zehn Teilnehmer zählt unsere Gruppe, alle wollen unter Anleitung des Veranstalters „The Happy Walker“ die Wildblumen der griechischen Insel kennenlernen: außer mir acht Belgierinnen aus Flandern und ein Franzose, der seit 20 Jahren in Amsterdam lebt und als Buchhalter für einen Damenunterwäschehersteller arbeitet. Eine Konstellation, die peinlichem Schweigen beim gemeinsamen Abendessen sehr effizient entgegenwirkt.

Am Dienstagmorgen also nehmen wir die Straße nach Karé. Stellen die Autos ab und gehen los, entfernen uns vom Asphalt über staubbraune Wege und vergessene Eselpfade, die Ineke mit beherzten Stockschlägen in die dichte Vegetation freilegt. Ohne die Holländerin hätte unter dem kniehohen Gestrüpp keiner von uns eine Route vermutet.

Malve

Neben Riesenkissen von Malven wächst das Italienische Knabenkraut, eine Orchideenart.

Im Schatten uralter Olivenbäume und der ausladenden Äste kretischer Zypressen, die früher einmal die gesamte Insel bedeckt haben sollen, wachsen zartlila Malven und knallgelber Sauerklee in saftigen Teppichen. Das Programm hatte lange Hosen nahegelegt, doch die Damen aus Flandern haben sich fast ausnahmslos für die bräunungstauglichere Kurzvariante entschieden. Ein Fehler, wie sich nach wenigen Kilometern zeigt.

Zäune und Tore parzellieren das endlose Grün auf den Ebenen, die Eigentum markieren und die Ziegen davon abhalten, als glockenschwingende Meute über jeden Acker herzufallen. Nachdem wir eine Reihe von Toren geöffnet und hinter uns geschlossen haben, biegt der Weg ab und eröffnet ein Panorama, an dessen Horizont wir im diesigen Mittagslicht den 2456 Meter hohen Psiloritis erkennen, den höchsten Gipfel des Ida-Gebirges.

Blick auf die Landschaft

Viele Blumen wachsen nur auf Kreta, sonst nirgendwo in der Welt.

Vom Schnee, der im Winter auf den Gipfeln liegt, hat die Sonne aber längst nichts mehr übrig gelassen. Das Ida-Gebirge war noch vor relativ wenigen Jahrmillionen von Wasser bedeckt. Um uns den fossilen Beweis zu liefern, muss Ineke nur kurz den Straßenrand absuchen, schon zieht sie versteinerte Seesterne und Muscheln aus dem Staub.

Was wir für einen Felsbrocken hielten, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Korallenscherbe. Die Wanderung auf der Hochebene ist eigentlich ein Spaziergang auf dem Meeresgrund. Natürlich könnte man die Insel auch auf eigene Faust durchwandern. Der wilde Fenchel ist kaum zu übersehen, weil sich der Strauch mit seinen gelben Blüten hier oben dreist in jedes Landschaftsfoto drängelt. Auch der Kleinfrüchtige Affodill macht sich wichtig. Aber geführt von einem „Happy Walker“ erschließt sich uns eine neue Dimension des Schauens. Halten wir anfangs noch diskreten Abstand, wenn sich Ineke irgendwo ins Gebüsch schlägt, lernen wir jetzt schnell, dass ihren kleinen Fluchten selten Harndrang, sondern allermeistens lehrreiche Absichten zugrunde liegen. Sie scheint die ganze Insel in ihrem Gedächtnis kartografiert zu haben, abstürzende Autostraßen mal ausgenommen. Sie kennt jene Stellen, an denen wir etwas entdecken können, und sei es auch erst auf den zweiten oder dritten Blick. 

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