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Natur Herzensort Garten

Was zieht uns nur hinaus ins Grüne? Und warum fühlen wir uns zwischen Blättern und Blumen so friedlich gestimmt? Über den Zauber des eigenen Stücks Grün.
Herzensort Garten

Barfuß über taufrisches Gras laufen, das Schattenspiel der Blätter betrachten, während der würzige Duft von Lavendel in die Nase steigt und ein Kleiber trilliert. Die lebendige Schönheit eines Gartens raubt uns den Atem, lässt uns die Zeit vergessen. All unsere Sinne werden umgarnt, und mit kindlichem Staunen entdecken wir, wie intensiv eine selbst gepflückte Himbeere schmecken kann. Wie die Blüten des Fliederbuschs nach einem kurzen Sommerguss duften. Wie die Blätter rauschen, wenn der Wind hindurchfährt.

Laub harken für die Gesundheit

„Es ist die Summe der kleinen Momente, die uns glücklich macht und daran erinnert, dass wir am Leben sind“, sagt Andreas Niepel, der seit 20 Jahren als Gartentherapeut an der Klinik Holthausen für neurochirurgische und neurologische Rehabilitation arbeitet und dort Patienten mit Hirnfunktionsstörungen, Mobilitätseinschränkungen und Gedächtnisproblemen betreut (www.garten-therapie.de, www.iggt.eu). Die Arbeit im Grünen gehört als fester Bestandteil zur Therapie. Zum einen geht es um das körperliche Training. Denn Gartenarbeit fördert nachweislich den Muskelaufbau, stärkt die Knochen, das Immunsystem und das Herz.

Heilige Helfer aus dem Apothekenbeet

Salbei Ein wahres Kraftpaket mit desinfizierender, anti bakterieller sowie virus- und pilzhemmender Wirkung, besonders für Hals und Rachen: mit Salbeitee gurgeln lindert zuverlässig Halsweh. Die Pflanze  viel Sonne. Thymian Wirkt anregend, antibakteriell, entzündungshemmend und hilft gegen Reizhusten und andere Erkrankungen der Atemwege. Mag einen sonnigen Standort. Pfefferminze Keimtötend, galletreibend und krampf lösend, lindert Verdauungsbeschwerden. Wächst und gedeiht in jedem Hausgarten. Schnittlauch Enthält neben viel Vitamin C auch schleim - lösende, entzündungshemmende und blutreinigende Stoffe. Mag Sonne und Halbschatten. Kamille Als Tee hilft sie bei Blähungen, Magenbeschwerden, Darmerkrankungen, grippalen Infekten und Schleimhautentzündungen. Liebt Sonne und leicht sandigen Boden.

Ob Unkraut jäten, Laub harken oder Kirschen pflücken, der Garten bietet ein abwechslungsreiches Krafttraining, das die Durchblutung fördert und das Risiko für Arterienverkalkung und Blutgerinnsel senkt. Einer Studie der Universität Arkansas/USA zufolge schützt Gartenarbeit auch vor Osteoporose: Frauen über 50, die mindestens einmal pro Woche im Garten werkeln, haben eine höhere Knochendichte als Gleichaltrige, die regelmäßig joggen, walken oder schwimmen. Die Patienten der Klinik Holthausen steigern auch noch ihre Gedächtnisleistung: Sie lernen die Arbeitsschritte und prägen sich die Namen der Pflanzen ein.

Der Garten als Ausgleich zum Alltag

Mehr als um die positiven Effekte für die Gesundheit geht es passionierten Gärtnern wohl um die wohltuende Wirkung eines Gartens auf die Seele. „Jeder Mensch braucht einen noch unbelegten, zu gestaltenden Ort“, sagt Andreas Niepel. „Empowerment“ nennen Forscher das gute Gefühl der Selbstwirksamkeit. Klar, wer schon einmal selbst gezogene Tomaten geerntet oder eine struppige Hecke gekappt hat, spürt unbändigen Stolz über sein Werk. Deutlich zu sehen, was wir mit eigenen Händen schaffen können – dieses Gefühl geht im Job-Alltag, etwa vor einem Computer mit abstrakten Programmen, oft verloren. „Gartenarbeit ist ein Gegenmodell zum Alltag. Aberwir müssen lernen, dass wir die Natur nicht steuern, sondern nur begleiten können“, so Niepel.

Selbst wer kiloschwere Fachbücher liest, beste Standorte aussucht, täglich Unkraut zupft, um den perfekten Salatkopf zu ernten – all das ist vielleicht vergebens. Ein kühler Sommer, zu viel Regen oder eine fiese Nacktschneckenplage können das sorgfältig vorbereitete Werk rigoros und rücksichtslos vernichten. Auch solche Frusterlebnisse seien heilsam, sagt Niepel: „Die Erkenntnis, dass höhere Mächte walten, auf die wir keinen Einfluss haben, kann entlastend wirken.“

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