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Kolumne von Verana Carl Herbstfreude statt Sommerfrust

Vital-Kolumnistin Verena Carl ist bekennender Sommermuffel. Findet ihn mal zu heiß, mal zu kalt. Und dann noch diese geschmacklosen T-Shirts! Aus gutem Grund mag sie den Herbst.

Herbstblätter

Mitten in einer norddeutschen Fußgängerzone habe ich das Grauen gesehen. Es war weiblich und ziemlich hübsch. Lange schwarze Locken, lange braune Beine. Auch das T-Shirt ging in Ordnung. So lange ich es nur von vorn sah: „Willst du Schmetterlinge im Bauch?“ Warum sollte ein attraktives Mädel nicht so eine Botschaft spazieren tragen? Bis sie mir später, an der Bushaltestelle, den Rücken zudrehte. Da stand die Antwort auf die Frage: „Dann schieb dir Raupen in den Arsch.“ Message on a Trottel. In diesem Moment sehnte ich mich nach dem Herbst. Auf Norwegerpullovern steht nämlich nie was.

Seitdem sind ein paar Wochen vergangen, und ich bin froh, dass es kühler wird und neblig. Nicht nur wegen des Fremdschämens. Der Sommer hat noch andere fiese Seiten. Zum Beispiel Freibäder. Da muss man wildfremden Menschen mit einem BMI unter 21 seinen Bauch und seine Oberschenkel zeigen. Andererseits muss ich auch das ganze Jahr über nie so viel frieren wie im Sommer. Das geht allen Frauen so, die in Norddeutschland leben und im Strandkleid dem typischen Augustwetter (13 Grad, Westwind) trotzen, was sich anfühlt wie nackt im Stockholmer Frühling zu stehen. Außerdem macht der Sommer jedes Kind jeden Tag zum Schmuddelkind. Wenn ich meine beiden nach einem Nachmittag mit Wasserpumpe und Sandkasten wieder einsammle, sind sie müde und glücklich. Ich bin vor allem müde. Und liebäugle mit dem Kauf eines handlichen Hochdruckreinigers. Ab Oktober kann ich aufatmen: Dann kommen sie abends (fast) so sauber aus ihren Klamotten, wie ich sie morgens hineingesteckt habe.

Natürlich hat der Sommer seine angenehmen Seiten. Vordergründig. Urlaub gehört dazu. Das ist schön – aber nur in den zwei, höchstens drei Wochen, in denen man selbst verreist. Vorher und nachher ist das Arbeitsleben ein einziges Elend. Egal in welchem Büro man anruft, die Ansprechpartnerin ist unter Garantie auf Fuerteventura. Nachrichten kommen grundsätzlich unkommentiert zurück („Ihre E-Mails werden in der Zwischenzeit nicht gelesen. In dringenden Fällen …“). Samstags stehe ich dann zwei Stunden im Stau, wenn ich eine Freundin südlich des Elbtunnels besuchen will. 1000 dänische Wohnmobile, 2000 holländische Kombis mit Fahrradanhänger und 3000 bayerische Segler wollen mit mir über die Autobahn. Zugegeben, als Entschädigung bekomme ich im August einen freien Parkplatz direkt vor meiner Haustür. Aber wozu den wieder verlassen, wenn ich außerhalb der Stadt höchstens Tempo 30 hinlegen kann?

Aber am allermeisten nervt im Sommer eines: das ständige schlechte Gewissen. Keiner gibt es zu, alle haben es: Nicht-Gartenbesitzer, wenn sie mal abends im Wohnzimmer sitzen, statt Spaziergänge in der freien Natur zu machen. Gartenbesitzer, weil sie ihre ambitionierten Landschaftsgärtner-Pläne nicht rechtzeitig umgesetzt haben. Oder ihre Staudenbeete nicht genau so aussehen wie im Gartenmagazin. Mehr Sport müsste man auch machen, und Ausreden sind schwer zu finden. Zu kalt, zu dunkel, Auto springt nicht an? Vergessen Sie’s. Funktioniert frühestens ab November. Ist das schön, in der dunklen Sauna zu sitze und unter künstlichen Palmen an der Wellness-Bar vom Sommer zu träumen.

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Verena Carl