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Natur Fliegen lernen

Wenn die Zugvögel aufbrechen, ist das kein Grund, wehmütig zu werden - sondern ein Wegweiser für die eigene Route.
Zugvögel

Sie machen sich wieder auf. Sammeln sich auf Oberleitungen und Feldern, erheben sich wie auf ein geheimes Zeichen alle in die Luft – und verschwindengen Süden. Weil es Zeit ist. Und wir sitzen da und staunen. Mit Sehnsucht im Herzen, einer guten Portion Melancholie, weil sich der Sommer wieder wegschleicht, und dem Wunsch nach Freiheit. Einfach losziehen wie Zugvögel. Raus aus der Langeweile, rein ins Abenteuer. Oder besser: zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung treffen. Das wär’s.

Einfach losziehen

Vögel können das, intuitiv, wenn der Spätsommer noch aus dem Boden dampft. Etwa 70 000 Kraniche legen auf dem Weg ins südliche Winterquartier

Zwischenstopp ein am Bodden zwischen Rostock und Stralsund. Sie sind wie eine lärmende Kindergartengruppe, die plötzlich einen Bus stürmt. Am Boden klingen die großen Vögel nach übenden Trompetenschülern, in Scharen in der Luft wird aus den Rufen ein schnarrendes Sirren, das sich wie eine Glocke über die Halbinsel legt. Sie kommen, um zu verschnaufen – vor den nächsten 2000 Kilometern ihrer Reise. Tagsüber suchen sie auf dem Festland Nahrung, um die Reserven aufzufüllen. In der Dämmerung kommen sie wieder zusammen im seichten Gewässer, schlafen im Stehen, dicht an dicht. So sind sie geschützt vor Feinden wie Füchsen – denn bevor die ihre Wunschbeute erreichen, haben sich die Kraniche längst wieder in die Luft geschwungen.

Immer mehr Sippen treffen nach und nach ein. Aus Norwegen, Finnland, Dänemark, dem Baltikum. Der Bodden ist einer der größten Sammelplätze der Kraniche weltweit. Jährlich um die gleiche Zeit treibt ihre innere Uhr sie hierher, und wenn der kühle Nordwind kommt, der sie Richtung Nordafrika trägt, ziehen sie weiter. Dann fliegen sie davon, wie sie kamen, laut kreischend, der Stärkste an der Spitze, die anderen V-förmig hinterher – so haben alle freie Sicht, und im Windschatten fliegt es sich bequemer. Wird der Leitvogel müde, lässt er sich nach hinten fallen und ein anderer nimmt seinen Platz ein.

Auf sein Bauchgefühl verlassen

Das funktioniert einfach, ohne langes Hin und Her, während wir Menschen erst mal überlegen, was nun das Richtige wäre, und dennoch oft nicht in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen. Zu zögerlich, zu wehmütig, zu ängstlich. Dabei haben wir ein Bauchgefühl, auf das wir uns ähnlich verlassen könnten wie die Vögel auf ihren inneren Kompass. „Die beste Entscheidung ist nicht zwangsläufig die, bei der wir das Für und Wider bis zum Ende abwägen. Stattdessen gibt es so etwas wie die Intelligenz des Unbewussten“, sagt Gerd Gigerenzer, Professor für Psychologie und Direktor des Harding Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut. „Das Unterbewusstsein ordnet unsere Einfälle nach der Erfolgsquote in der Vergangenheit. Deshalb kommen die guten Ideen immer zuerst. Wir haben unsere Ahnung, Gewissheit ist ohnehin eine Illusion“, nimmt Gigerenzer Zauderern den Wind aus den Segeln. Also: Wonach ist Ihnen? Tun Sie es! Behalten Sie Ihr Ziel im Auge, und treffen Sie Ihre Entscheidungen, statt sich hinterher über verpasste Chancen zu grämen. Lieber „hopp oder dropp“ statt „wäre“ und „wenn“. Machen Zugvögel übrigens auch so: Einige bleiben mittlerweile in Europa, statt weiter nach Afrika oder Asien zu fliegen, weil sie damit rechnen, hier noch genügend Futter zu finden. Unkonventionell, aber meist erfolgreich: Sie sparen die Strapazen der langen Reise und sind Erster, wenn es darum geht, sich die besten Brutplätze zu sichern. Denn der nächste Frühling kommt bestimmt.