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Natur Der richtige Riecher

In Frankreich wühlen Schweine jetzt wieder nach Trüffeln. Mit Vertrauen, Wissen und feinen Nasen – so bringen auch wir Schätze in uns zum Vorschein.
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Cherche, Flavie! Cherche les truffes!“, (Such die Trüffel) ruft Gérard Viviant durch den Wald. Dabei könnte der 73-Jährige auch schweigen. Flavie schnüffelt ohnehin, sie liebt die Früchte des Bodens, wie sie hier im Südwesten Frankreichs im Verborgenen gedeihen. Im Périgord werden diese raren Speisepilze, die zum edelsten gehören, was in der Küche verarbeitet wird, von Trüffelschweinen – wie Flavie – aufgespürt. Sie ist somit ein echtes Naturtalent. Genau wie wir Menschen. Zwar können wir keine Trüffeln ohne tierische Hilfe finden, aber auch in uns steckt die Gabe, Schätze zu bergen.

Ida

Die Bestsellerautorin Eva-Maria Zurhorst glaubt fest daran: „In dir, tief im Inneren, findest du die Lösung für alles.“ „Ida“, kurz für „in deep all", nennt die Psychologin das Prinzip, das sie im gleichnamigen Buch ausführt (Arkana, 300 Seiten, 19,99 Euro). Es funktioniert wie bei der Trüffelsuche: mit Konzentration und Übung. Zum Beispiel so: Lenken Sie Ihre Wahrnehmung in Ihren Kopf, alles andere hat Pause. Beobachten Sie die Gedanken, wie sie kommen und gehen, ohne sie bremsen, bewerten oder analysieren zu wollen. Mit etwas Übung fällt es leicht, sorgt für eine Verlangsamung im Kopf und mit der Zeit für mehr Achtsamkeit.

Der alte Trüffelsammler muss schnell sein

Doch anders als wir braucht Flavie keine Reflexion, ihr genügt der Trieb. Trüffeln duften für sie wie das Sexualhormon des Ebers, und das erschnüffelt Flavie noch bis einen halben Meter unter der Erde. Allerdings: Zur Selbstlosigkeit neigen Säue nicht. Und der alte Trüffelsammler muss schnell sein, sobald sie wild zu scharren beginnt. Denn kommt er zu spät, futtert Flavie die Beute selbst. Früher hatte Gérard einen Landgasthof, wo der feine Fund frisch verarbeitet wurde, jetzt sammelt Viviant nur noch Trüffeln für seine Familie und Freunde, denn mehr als das Essen liebt er die Suche. Flink zieht er zuerst an der Leine und dann ein paar Maiskörner aus seiner Umhängetasche. Die hält er Flavie vor die Nase, legt sie dann etwas weiter auf den Boden. Jetzt kann er selbst graben, ganz vorsichtig mit der Hand.

Et voilà: einer der teuersten Speisepilze der Welt (bis zu 2000 Euro pro Kilo), umhüllt von Erde, ein schwarzer Klumpen, an dem Gérard Viviant, bevor er ihn vorsichtig freischabt, erst einmal schnuppert. Erdig riecht er, ein wenig modrig, intensiv. Sein erster Trüffel für dieses Jahr, die Saison hat erst begonnen. Für ein wunderbares Trüffelomelett reicht es aber. Und Flavie? Die trabt behäbig vorweg, trägt Viviant nichts nach, schließlich wird sie heute noch zwei weitere „schwarze Diamanten“ finden. Gérard und Flavie, ein Topteam. Und eines der letzten dieser Art, denn die meisten Trüffelsucher gehen inzwischen mit Hunden auf die Waldlichtungen und in die Truffières, in denen die eigenwilligen Bodenfrüchte gezüchtet werden.

Monsieur Viviant bleibt seinem Borstentier treu: „Ich würde nie mit einem Hund auf Tour gehen. Für den ist es nur ein antrainiertes Spiel. Für Schweine ist es Leidenschaft.“ Genau die sollten wir alle für uns selbst entwickeln. Nicht die Ellbogen ausfahren, sondern den Instinkt einschalten. Sich darauf konzentrieren, was uns wirklich etwas bedeutet – mit dem Vertrauen, dass Gedanken uns den Weg weisen. Wir alle haben den richtigen Riecher – wir müssen ihn nur etwas schärfen.

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