[Alt-Text]

Gewinnertexte Platz 1: Glückssache

Manchmal werden Märchen wahr: diesmal für die Sieger unseres Schreibwettbewerbs.
Leserwettbewerb 2015

Gewinnertext Platz 1: Glückssache

Vielleicht war es doch keine gute Idee, hierher zu kommen, ging mir durch den Kopf, als ich aus dem Schutz des Glasbaus die weitläufige Dachterrasse betrat und mich dabei an meiner perlenbestickten Clutch wie an einem Rettungsring festhielt. Um mich herum standen Menschen in Paaren oder Gruppen, vertieft in Gespräche, schwarz gekleidetes Personal jonglierte geschäftig Tabletts mit Champagnerflöten, Cocktails und Smoothies in allen Regenbogenfarben um die Gäste und die wuchtigen Terrakottatöpfe herum, in denen mannshohe Palmen wuchsen. In meinem roten Etuikleid, das mir bis gerade eben wie gemacht für eine Sommerparty schien, fühlte ich mich inmitten der Anzugträger und Kostümträgerinnen, allesamt in gedeckten Farben, in etwa so unauffällig wie ein Paradiesvogel zwischen einer Schar Graufinken.

Es war einer der letzten Altweibersommertage, ein unerwartetes Geschenk vor dem langen Winter. Die Quecksilbersäule hatte tagsüber noch einmal die 30-Grad-Marke geknackt und auf der sonnenbeschienenen Terrasse war es jetzt am frühen Abend noch immer warm, um nicht zu sagen, heiß. Mühsam fingerte ich ein Taschentuch aus meiner Minihandtasche, die zwar unglaublich schick, aber auch ebenso unglaublich unpraktisch war, denn außer meinem Handy, drei Geldscheinen, dem Hausschlüssel, den ich umständlich aus dem Etui gepuzzelt hatte, und einem Taschentuch passte nur noch ein Lippenstift hinein. Vorsichtig, bemüht mein sorgsam aufgetragenes Make-up nicht zu ruinieren, tupfte ich mir ein paar Schweißperlen von der Stirn. Die letzten goldenen Sonnenstrahlen ergossen sich über die Stadt und brachten den vor der Terrasse träge dahinfließenden Fluss zum Funkeln, als wäre er von Tausenden Diamanten übersät. Das war sie also, diese Rooftop-Bar, eine In-Lokalität, die ich nur aus der Regenbogenpresse kannte. Der Ort gefiel mir. Er hatte etwas, sogar sehr viel von dem viel zitierten federleichten Sommerflair, dachte ich und überlegte, ob ich lieber zum Champagner oder Smoothie greifen sollte.

Vor zwei Monaten war meinem Mann die Einladung zu der Sommerparty dieser renommierten Wirtschaftskanzlei ins Büro geflattert. Mein Göttergatte hatte vorgeschlagen, die Veranstaltung gemeinsam zu besuchen. Keine schlechte Idee, wir waren neu in der Stadt, seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr ausgegangen und hatten so eine angesagte Party-Location wie diese wahrscheinlich das letzte Mal zu Studentenzeiten besucht. Hoch über der Stadt, dort, wo man im Sommer den lauen Wind in den Haaren und den Sand zwischen den Zehen spüren konnte, denn es gab sogar einen winzigen Strand. Und es gab eine Tanzfläche unter freiem Himmel. Je öfter ich in den letzten Tagen in Tagträumereien über die Party versunken war, desto mehr war sie mir als das faszinierende und verlockende Gegenteil meiner momentanen Welt erschienen: aufregend, schillernd, glamourös und ein wenig abgehoben. Und auf einen Tanz unter dem Sternenhimmel hatte ich sowieso Lust. Nachdem unser drittes Kind vor gut einem halben Jahr auf die Welt gekommen war, war ich überzeugt, eine klitzekleine Auszeit vom momentan sehr strapaziösen Alltag mit drei kleinen Kindern würde mir gut tun. Mit Feuereifer und generalstabsmäßig hatte ich den Abend geplant. Die Kinder untergebracht, ein neues Kleid gekauft, den Friseur gebucht, mir sogar einen Kosmetiktermin gegönnt. Währenddessen hatte ich mich gefreut, wie ein Kind auf Weihnachten. Als der Wetterbericht dann sommerliches Wetter für diesen Tag der Tage angekündigt hatte, hatte ich gejubelt. Es war perfekt, so perfekt wie schon lange nicht mehr.

Das hatte ich auch noch vor drei Stunden gedacht, ehe das Telefon klingelte. Er schaffe es nicht, hatte mein Mann mir lapidar mitgeteilt, wir könnten nicht gehen. Augenblicklich fiel meine Vorfreude in sich zusammen wie ein Kartenhäuschen, gefolgt von dem banalen, aber leider nicht zu verdrängenden Gedanken, dass er mich damit um meinen Tanz unter dem Sternenhimmel brachte. Genau das sagte ich ihm auch. Und seine Reaktion? Er lachte, fand es … süß. Süß! Augenblicklich überkam mich eine Laune, in der ich eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brach, die zu einem kurzen, aber heftigen Streit führte. Als ich dann auch noch erfuhr, dass er Überstunden mit der Kollegin machte, die uns auf einem unserer Sonntagsspaziergänge zufällig über den Weg gelaufen war und die gefragt hatte, ob ich das Kindermädchen der Familie sei und nachdem mein Mann uns bekannt gemacht hatte, ob ich mich als Hausmütterchen auf der Ersatzbank des Lebens nicht langweilte, keimte ein weiterer Gedanke erstaunlich schnell in mir. Mehr ein Geistesblitz als eine ausgereifte Überlegung war mein rasant gefasster Entschluss, der meinem Mann ganz und gar nicht gefiel ... Es war an der Zeit, die Ersatzbank für ein paar Stunden gegen eine trendige Rooftop-Bar unter sternenbeschienenen Himmel zu tauschen, dachte ich grimmig, sollten sich die beiden von mir aus auf dem Spielfeld für Top-Anwälte in ihrer stickigen Kanzlei vergnügen.

Ich konnte das auch alleine, eine schöne Zeit haben, dafür brauchte ich ihn nicht, hämmerte ich mir in den Kopf, straffte die Schultern und tat ein paar Schritte durch die Menschen. Weiter hinten leuchtete eine Frau durch das Meer der Nadelstreifen. Sie trug ebenso wie ich ein rotes Kleid, nur war ihres mädchenhafter, wie überhaupt die ganze Frau etwas sehr Jugendliches und Zierliches an sich hatte. Umringt von dunklen Anzugträgern stand sie in der Nähe der kleinen Bühne, bildete offenkundig das strahlende Zentrum des Interesses, und schien sich im Gegensatz zu mir prächtig zu amüsieren. Für einen Bruchteil einer Sekunde fing sie meinen Blick auf und verzog den Mund zu einem Lächeln, dann war sie wieder im Gespräch mit den Männern versunken. Ermutigt von ihrer Reaktion, spazierte ich bis zu der verchromten Brüstung der Terrasse, die der Reling eines Schiffes glich, und verfolgte für einen Moment die tiefer sinkende Sonne, betrachtete das Farbspektakel am Abendhimmel, das Lachen der Menschen im Ohr. „Beeindruckend, nicht wahr?“ Unbemerkt hatte sich einer der Anzugträger zu mir gesellt. „Frau Dr. Steinbeck?“ „Nein“, sagte ich kopfschüttelnd und da er bei mir stehen blieb, fragte ich: „Wer ist Frau Dr. Steinbeck?“

„Die CEO von McHardings und Partner und damit die Gastgeberin!“ Die Antwort verblüffte und beflügelte mich gleichermaßen, obwohl ich normalerweise nicht auf plumpe Schmeicheleien stand. „Trinken wir ein Glas Champagner zusammen? Oder sind Sie Abstinenzlerin?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, winkte er nach einem der Kellner. „Ich hatte ...“, setzte ich zu einer Antwort an, die wie eine Entschuldigung klang, und stoppte abrupt. Egal, was ich hatte oder nicht hatte, gerne wollte ich Champagner mit ihm trinken. Kaum hielten wir die Gläser in den Händen, stieß er mit mir an. „Auf einen schönen Abend!“ Lächelnd nickte ich, trank einen Schluck und wurde dabei das Gefühl nicht los, dass mein Gegenüber unverwandt auf meinen Ringfinger mit dem Ehering starrte. „Florian Schuster“, stellte er sich vor, schob seine Sonnenbrille ins Haar und offenbarte ein Paar beeindruckender blauer Augen. „Eva Rinke!“ Das Klingen unser Gläser schien mir trotz des Stimmengewirrs über die Terrasse zu hallen und mir entging nicht, wie sein Blick einmal taxierend über mich huschte.„Ihr Kleid gefällt mir.“„Danke!“, brachte ich überrascht hervor.„Der eindeutige Mittelpunkt der Party!“, führte er sein Kompliment weiter aus und sah mir dabei fest in die Augen. Himmel. Flirtete er mit mir? Wie auch immer, ich entschloss mich zu einem unverfänglichen weiteren „Danke“ und war geradezu erleichtert über die abendliche Brise, die jetzt aufkam, nachdem die Sonne versunken war, und mein erhitztes Gesicht kühlte. Insgeheim freute ich mich über die Aufmerksamkeit eines gut aussehenden Mannes, auch wenn sie mir etwas übertrieben vorkam, und ich überlegte, wie sich die Unterhaltung fortsetzen ließe. „Gefällt Ihnen die Veranstaltung?“ Nun gut, nicht sehr originell, aber für ein Small Talk ausreichend, tröstete ich mich und nahm einen weiteren Schluck.Bevor er antwortete, glitt ein breites Lächeln über sein Gesicht, das mich keineswegs unberührt ließ. „Schauen wir mal, wie sie sich entwickelt. Als ich Sie gesehen habe, wusste ich sofort, mit Ihnen kann man sich blendend unterhalten.“„Ach ja?“, flötete ich mit einer Stimme, die um einige Töne höher als normal klang, während ich merkte, wie mir die Hitze erneut ins Gesicht stieg. „Über was denn?“ „Über das Leben!“ Ich hielt es für angebracht, mich erst einmal auf das sichere Terrain des Small Talks zurückzuziehen. „Die Lage der Bar ist einmalig. Und auf den Rest des Abends bin ich gespannt, es soll auch eine Band geben, eine gute Gelegenheit für einen Tanz unter dem Sternenhimmel, wie im Urlaub“, plapperte ich darauf los, „romantischer geht es nicht …“ Der Alkohol bewirkte eindeutig mehr als nur die aufsteigende Hitze in mir, wenn ich so daherredete, aber die Miene meines Gegenübers drückte Interesse aus an dem, was ich sagte. „Eigentlich wollte ich mit ...“ In letzter Sekunde verkniff ich mir, mit wem ich den Abend hatte verbringen wollen. Mein Mann hatte mit dieser Situation hier gerade herzlich wenig zu tun und ihn anzubringen, war irgendwie unpassend. Heute Abend war ich einfach ich, ich alleine, weder die Ehefrau noch die Mutter von irgendjemand. Ausnahmsweise hatte ich keine Funktion zu erfüllen oder zu bedienen. Es ging ausschließlich um meine Person. Und das gefiel mir zur Abwechslung sehr gut, dachte ich verwundert. Florian Schuster lächelte charmant, winkte gleichzeitig jemandem zu und sagte dann: „Entschuldigung. Die Pflicht ruft, aber ich würde unser Gespräch gerne fortsetzen. Zu den wichtigen Themen sind wir noch gar nicht gekommen.“ Mit einem jungenhaften Augenzwinkern verabschiedete er sich. „Ich freue mich auf später!“

Nachdenklich, schon ein wenig beschwipst, trank ich meinen Champagner und, als ein Kellner mir das leere Glas abnahm, griff ich im Austausch lieber nach einem giftgrünen Smoothie. Im Westen glühte der Horizont im Widerschein der untergegangenen Sonne, darüber leuchteten ein paar Wolkenfetzen in einem dramatischen Orange-Rot. Die Hitze des Tages war einer weichen Abendluft gewichen, erfüllt von angenehmen Düften. Eine Grille, die sich auf die Dachterrasse verirrt haben musste, zirpte ihre letzte Sommermelodie. Die Tanzmusik eines voll besetzten Ausflugsdampfers, der auf dem Fluss vorbeizog, drang leise zu mir.

Nun hielt die Dame in Rot, offenbar war sie die CEO, eine kurze Ansprache und eröffnete damit offiziell die Abendveranstaltung. Kaum war der Beifall verklungen, erschien ein weiteres Heer von Kellnern mit allerlei Köstlichkeiten auf der Bildfläche. Entspannt streifte ich über die Terrasse, lächelte wildfremden Menschen zu und sie lächelten zurück, zwischendurch wechselte ich immer wieder ein paar Worte. Belangloses Geplauder. Allmählich gewann ich wieder an Sicherheit auf dem gesellschaftlichen Parkett, es ging auch ohne meinen Mann. Aber schöner wäre es mit ihm, dachte ich ein ums andere Mal. Wenn immer sich mein Weg mit Florian Schusters kreuzte, warf er mir einen aufmunternden Blick zu, der seine belebende Wirkung auf mich nicht verfehlte. Irgendwann später, als sich der Nachthimmel schon über die Stadt gesenkt hatte, zog eine Live-Performance viele der Gäste in den Glasbau. Inzwischen brannten Fackeln, leuchteten unzählige Kerzen in kleinen Gläsern mit dem Kanzlei-Logo und verwandelten die Terrasse in ein Meer von Lichtern. Ich fummelte mein Handy aus meinem Täschchen, aber es gab keine Nachricht. Ich war weder gefragt, noch in der Pflicht - ein ungewohnter Zustand für mich.

In einer Ecke stand hinter einer Palmenreihe versteckt eine Bank, die ich schon länger im Auge gehabt hatte und die jetzt unbesetzt war. Langsam schlenderte ich hinüber und ließ mich darauf nieder, dankbar, meinen Füßen in den High Heels eine Pause gönnen zu können. Ich sah mich einmal um und streifte dann kurz entschlossen die Sandaletten von den Füßen. Mit weit zurückgelegtem Kopf betrachtete ich die Sterne – nur die hellen waren sichtbar -, spürte die leichte Brise der lauen Nacht im Gesicht und die Sonnenwärme, die die Holzplanken gespeichert hatten, unter meinen bloßen Füßen. Ich hörte die Musik der Band im Hintergrund, leises Stimmengewirr und das anheimelnde Rascheln der Palmenblätter, die sich bei jedem Windhauch bewegten. Auf dem Fluss spiegelten sich die Lichter der Stadt. Zauberhaft – etwas Anderes fiel mir dazu nicht ein. Es war zauberhaft. Und: Zeit zu haben und alleine für mich zu sein, erschien mir gerade wie der größte Luxus auf Erden. Ich empfand etwas, was ich schon lange nicht mehr gespürt hatte: tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit für alles, was ich hatte, auch wenn ich jetzt mit etwas schlechtem Gewissen daran dachte, dass ich es nicht immer gebührend zu schätzen wusste. Und ich spürte, wie sich noch etwas hinzugesellte: Glück. Dieses bauchtiefe Gefühl von Glück, mittendrin im Hier und Jetzt. Manchmal war es so leicht, glücklich zu sein. Ich nahm einen Schluck Champagner aus dem Glas, das man mir in die Hand gedrückt hatte, und genoss diesen Moment wie ein Geschenk. Am liebsten hätte ich ihn eingepackt, in mein Handtäschchen gezwängt, um ihn mit nach Hause zu nehmen.

„Störe ich?“ Florian Schuster schaffte es immer wieder, mich zu überraschen. „Höchstens ein bisschen!“ „Ehrlich sind Sie“, gab er zur Antwort. Auch im Schein der Fackeln konnte ich seine gerunzelte Stirn erkennen. „Möchten Sie jetzt tanzen?“ Eine gute Gelegenheit wäre es, aber mit ihm ...„Nein, danke!“ In diesem Moment zischte die erste Rakete eines Feuerwerks in den nachtschwarzen Himmel, explodierte mit einem Knall und zerstob zu einem glitzernden silbrigen Funkenregen, gefolgt von einer zweiten und dritten Rakete. Im Anschluss prasselte das Feuerwerk am Boden auf der gegenüberliegenden Flussseite weiter. Unschlüssig verharrte der Mann neben mir. Ich klopfte auf den Platz an meiner Seite. „Setzen Sie sich!“ Ohne zu zögern, kam er der Aufforderung nach. „Sie sehen glücklich aus“, sagte er ohne weitere Einleitung. „Sind Sie es?“ Ich brauchte darüber nicht nachzudenken. „Ja, das bin ich.“ Für ein paar Sekunden starrte Florian Schuster auf einen kleinen Nachtfalter, der vor uns um eine Fackel flatterte, und wedelte ihn gleich darauf fort. „Beneidenswert!“ „Sind Sie es nicht?“ Irgendwie wunderte es mich nicht, dass ich ein solches Gespräch mit ihm führte.„Nicht besonders!“, kam seine prompte Antwort. Ich sah ihn fragend an, aber er ließ seinen Blick ziellos in die Ferne schweifen, während er an seinem Getränk nippte. Doch plötzlich straffte sich sein Körper, wie der eines Hundes, der einen Artgenossen entdeckt hatte. Ich folgte seinem Blick und glaubte meinen Augen nicht zu trauen.Florian Schuster erhob sich. „Wie es scheint, wartet dort jemand auf Sie. Es war schön, Sie kennenzulernen!“ So wie er es betonte, hörte es sich ehrlich, nicht nach einer bloßen Floskel, an.Langsam querte mein Mann die Terrasse und blieb dann abwartend vor mir stehen. „Ich hatte Sehnsucht nach dir!“, sagte er schließlich, als wäre er mir eine Erklärung für sein Aufkreuzen schuldig.

„Das heißt, du willst mich abholen?“, fragte ich, griff nach meinen Sandaletten und stand auf.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte dich in dieser lauschigen Sommernacht nicht alleine tanzen lassen …“

Ein warmes Gefühl durchfloss mich und unser Streit kam mir auf einmal so unendlich weit weg vor wie die Sterne.

„Oder bist du schon vergeben?“, fragte er und wies mit dem Kopf in die Richtung, in die Florian Schuster verschwunden war.

„Natürlich nicht!“

Er atmete einmal tief durch und reichte mir die Hand. „Wenn es so ist, darf ich bitten?“

Vielleicht war es doch keine gute Idee, hierher zu kommen, ging mir durch den Kopf, als ich aus dem Schutz des Glasbaus die weitläufige Dachterrasse betrat und mich dabei an meiner perlenbestickten Clutch wie an einem Rettungsring festhielt. Um mich herum standen Menschen in Paaren oder Gruppen, vertieft in Gespräche, schwarz gekleidetes Personal jonglierte geschäftig Tabletts mit Champagnerflöten, Cocktails und Smoothies in allen Regenbogenfarben um die Gäste und die wuchtigen Terrakottatöpfe herum, in denen mannshohe Palmen wuchsen. In meinem roten Etuikleid, das mir bis gerade eben wie gemacht für eine Sommerparty schien, fühlte ich mich inmitten der Anzugträger und Kostümträgerinnen, allesamt in gedeckten Farben, in etwa so unauffällig wie ein Paradiesvogel zwischen einer Schar Graufinken.

Es war einer der letzten Altweibersommertage, ein unerwartetes Geschenk vor dem langen Winter. Die Quecksilbersäule hatte tagsüber noch einmal die 30-Grad-Marke geknackt und auf der sonnenbeschienenen Terrasse war es jetzt am frühen Abend noch immer warm, um nicht zu sagen, heiß. Mühsam fingerte ich ein Taschentuch aus meiner Minihandtasche, die zwar unglaublich schick, aber auch ebenso unglaublich unpraktisch war, denn außer meinem Handy, drei Geldscheinen, dem Hausschlüssel, den ich umständlich aus dem Etui gepuzzelt hatte, und einem Taschentuch passte nur noch ein Lippenstift hinein. Vorsichtig, bemüht mein sorgsam aufgetragenes Make-up nicht zu ruinieren, tupfte ich mir ein paar Schweißperlen von der Stirn. Die letzten goldenen Sonnenstrahlen ergossen sich über die Stadt und brachten den vor der Terrasse träge dahinfließenden Fluss zum Funkeln, als wäre er von Tausenden Diamanten übersät. Das war sie also, diese Rooftop-Bar, eine In-Lokalität, die ich nur aus der Regenbogenpresse kannte. Der Ort gefiel mir. Er hatte etwas, sogar sehr viel von dem viel zitierten federleichten Sommerflair, dachte ich und überlegte, ob ich lieber zum Champagner oder Smoothie greifen sollte.

Vor zwei Monaten war meinem Mann die Einladung zu der Sommerparty dieser renommierten Wirtschaftskanzlei ins Büro geflattert. Mein Göttergatte hatte vorgeschlagen, die Veranstaltung gemeinsam zu besuchen. Keine schlechte Idee, wir waren neu in der Stadt, seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr ausgegangen und hatten so eine angesagte Party-Location wie diese wahrscheinlich das letzte Mal zu Studentenzeiten besucht. Hoch über der Stadt, dort, wo man im Sommer den lauen Wind in den Haaren und den Sand zwischen den Zehen spüren konnte, denn es gab sogar einen winzigen Strand. Und es gab eine Tanzfläche unter freiem Himmel. Je öfter ich in den letzten Tagen in Tagträumereien über die Party versunken war, desto mehr war sie mir als das faszinierende und verlockende Gegenteil meiner momentanen Welt erschienen: aufregend, schillernd, glamourös und ein wenig abgehoben. Und auf einen Tanz unter dem Sternenhimmel hatte ich sowieso Lust. Nachdem unser drittes Kind vor gut einem halben Jahr auf die Welt gekommen war, war ich überzeugt, eine klitzekleine Auszeit vom momentan sehr strapaziösen Alltag mit drei kleinen Kindern würde mir gut tun. Mit Feuereifer und generalstabsmäßig hatte ich den Abend geplant. Die Kinder untergebracht, ein neues Kleid gekauft, den Friseur gebucht, mir sogar einen Kosmetiktermin gegönnt. Währenddessen hatte ich mich gefreut, wie ein Kind auf Weihnachten. Als der Wetterbericht dann sommerliches Wetter für diesen Tag der Tage angekündigt hatte, hatte ich gejubelt. Es war perfekt, so perfekt wie schon lange nicht mehr.

Das hatte ich auch noch vor drei Stunden gedacht, ehe das Telefon klingelte. Er schaffe es nicht, hatte mein Mann mir lapidar mitgeteilt, wir könnten nicht gehen. Augenblicklich fiel meine Vorfreude in sich zusammen wie ein Kartenhäuschen, gefolgt von dem banalen, aber leider nicht zu verdrängenden Gedanken, dass er mich damit um meinen Tanz unter dem Sternenhimmel brachte. Genau das sagte ich ihm auch. Und seine Reaktion? Er lachte, fand es … süß. Süß! Augenblicklich überkam mich eine Laune, in der ich eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brach, die zu einem kurzen, aber heftigen Streit führte. Als ich dann auch noch erfuhr, dass er Überstunden mit der Kollegin machte, die uns auf einem unserer Sonntagsspaziergänge zufällig über den Weg gelaufen war und die gefragt hatte, ob ich das Kindermädchen der Familie sei und nachdem mein Mann uns bekannt gemacht hatte, ob ich mich als Hausmütterchen auf der Ersatzbank des Lebens nicht langweilte, keimte ein weiterer Gedanke erstaunlich schnell in mir. Mehr ein Geistesblitz als eine ausgereifte Überlegung war mein rasant gefasster Entschluss, der meinem Mann ganz und gar nicht gefiel ... Es war an der Zeit, die Ersatzbank für ein paar Stunden gegen eine trendige Rooftop-Bar unter sternenbeschienenen Himmel zu tauschen, dachte ich grimmig, sollten sich die beiden von mir aus auf dem Spielfeld für Top-Anwälte in ihrer stickigen Kanzlei vergnügen.

Ich konnte das auch alleine, eine schöne Zeit haben, dafür brauchte ich ihn nicht, hämmerte ich mir in den Kopf, straffte die Schultern und tat ein paar Schritte durch die Menschen. Weiter hinten leuchtete eine Frau durch das Meer der Nadelstreifen. Sie trug ebenso wie ich ein rotes Kleid, nur war ihres mädchenhafter, wie überhaupt die ganze Frau etwas sehr Jugendliches und Zierliches an sich hatte. Umringt von dunklen Anzugträgern stand sie in der Nähe der kleinen Bühne, bildete offenkundig das strahlende Zentrum des Interesses, und schien sich im Gegensatz zu mir prächtig zu amüsieren. Für einen Bruchteil einer Sekunde fing sie meinen Blick auf und verzog den Mund zu einem Lächeln, dann war sie wieder im Gespräch mit den Männern versunken.

Ermutigt von ihrer Reaktion, spazierte ich bis zu der verchromten Brüstung der Terrasse, die der Reling eines Schiffes glich, und verfolgte für einen Moment die tiefer sinkende Sonne, betrachtete das Farbspektakel am Abendhimmel, das Lachen der Menschen im Ohr.

„Beeindruckend, nicht wahr?“ Unbemerkt hatte sich einer der Anzugträger zu mir gesellt. „Frau Dr. Steinbeck?“

„Nein“, sagte ich kopfschüttelnd und da er bei mir stehen blieb, fragte ich: „Wer ist Frau Dr. Steinbeck?“

„Die CEO von McHardings und Partner und damit die Gastgeberin!“

Die Antwort verblüffte und beflügelte mich gleichermaßen, obwohl ich normalerweise nicht auf plumpe Schmeicheleien stand.

„Trinken wir ein Glas Champagner zusammen? Oder sind Sie Abstinenzlerin?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, winkte er nach einem der Kellner.

„Ich hatte ...“, setzte ich zu einer Antwort an, die wie eine Entschuldigung klang, und stoppte abrupt. Egal, was ich hatte oder nicht hatte, gerne wollte ich Champagner mit ihm trinken.

Kaum hielten wir die Gläser in den Händen, stieß er mit mir an.

„Auf einen schönen Abend!“

Lächelnd nickte ich, trank einen Schluck und wurde dabei das Gefühl nicht los, dass mein Gegenüber unverwandt auf meinen Ringfinger mit dem Ehering starrte.

„Florian Schuster“, stellte er sich vor, schob seine Sonnenbrille ins Haar und offenbarte ein Paar beeindruckender blauer Augen.

„Eva Rinke!“

Das Klingen unser Gläser schien mir trotz des Stimmengewirrs über die Terrasse zu hallen und mir entging nicht, wie sein Blick einmal taxierend über mich huschte.

„Ihr Kleid gefällt mir.“

„Danke!“, brachte ich überrascht hervor.

„Der eindeutige Mittelpunkt der Party!“, führte er sein Kompliment weiter aus und sah mir dabei fest in die Augen.

Himmel. Flirtete er mit mir? Wie auch immer, ich entschloss mich zu einem unverfänglichen weiteren „Danke“ und war geradezu erleichtert über die abendliche Brise, die jetzt aufkam, nachdem die Sonne versunken war, und mein erhitztes Gesicht kühlte. Insgeheim freute ich mich über die Aufmerksamkeit eines gut aussehenden Mannes, auch wenn sie mir etwas übertrieben vorkam, und ich überlegte, wie sich die Unterhaltung fortsetzen ließe.

„Gefällt Ihnen die Veranstaltung?“ Nun gut, nicht sehr originell, aber für ein Small Talk ausreichend, tröstete ich mich und nahm einen weiteren Schluck.

Bevor er antwortete, glitt ein breites Lächeln über sein Gesicht, das mich keineswegs unberührt ließ. „Schauen wir mal, wie sie sich entwickelt. Als ich Sie gesehen habe, wusste ich sofort, mit Ihnen kann man sich blendend unterhalten.“

„Ach ja?“, flötete ich mit einer Stimme, die um einige Töne höher als normal klang, während ich merkte, wie mir die Hitze erneut ins Gesicht stieg. „Über was denn?“

„Über das Leben!“

Ich hielt es für angebracht, mich erst einmal auf das sichere Terrain des Small Talks zurückzuziehen. „Die Lage der Bar ist einmalig. Und auf den Rest des Abends bin ich gespannt, es soll auch eine Band geben, eine gute Gelegenheit für einen Tanz unter dem Sternenhimmel, wie im Urlaub“, plapperte ich darauf los, „romantischer geht es nicht …“ Der Alkohol bewirkte eindeutig mehr als nur die aufsteigende Hitze in mir, wenn ich so daherredete, aber die Miene meines Gegenübers drückte Interesse aus an dem, was ich sagte. „Eigentlich wollte ich mit ...“ In letzter Sekunde verkniff ich mir, mit wem ich den Abend hatte verbringen wollen. Mein Mann hatte mit dieser Situation hier gerade herzlich wenig zu tun und ihn anzubringen, war irgendwie unpassend. Heute Abend war ich einfach ich, ich alleine, weder die Ehefrau noch die Mutter von irgendjemand. Ausnahmsweise hatte ich keine Funktion zu erfüllen oder zu bedienen. Es ging ausschließlich um meine Person. Und das gefiel mir zur Abwechslung sehr gut, dachte ich verwundert.

Florian Schuster lächelte charmant, winkte gleichzeitig jemandem zu und sagte dann: „Entschuldigung. Die Pflicht ruft, aber ich würde unser Gespräch gerne fortsetzen. Zu den wichtigen Themen sind wir noch gar nicht gekommen.“ Mit einem jungenhaften Augenzwinkern verabschiedete er sich. „Ich freue mich auf später!“

Nachdenklich, schon ein wenig beschwipst, trank ich meinen Champagner und, als ein Kellner mir das leere Glas abnahm, griff ich im Austausch lieber nach einem giftgrünen Smoothie. Im Westen glühte der Horizont im Widerschein der untergegangenen Sonne, darüber leuchteten ein paar Wolkenfetzen in einem dramatischen Orange-Rot. Die Hitze des Tages war einer weichen Abendluft gewichen, erfüllt von angenehmen Düften. Eine Grille, die sich auf die Dachterrasse verirrt haben musste, zirpte ihre letzte Sommermelodie. Die Tanzmusik eines voll besetzten Ausflugsdampfers, der auf dem Fluss vorbeizog, drang leise zu mir.

Nun hielt die Dame in Rot, offenbar war sie die CEO, eine kurze Ansprache und eröffnete damit offiziell die Abendveranstaltung. Kaum war der Beifall verklungen, erschien ein weiteres Heer von Kellnern mit allerlei Köstlichkeiten auf der Bildfläche. Entspannt streifte ich über die Terrasse, lächelte wildfremden Menschen zu und sie lächelten zurück, zwischendurch wechselte ich immer wieder ein paar Worte. Belangloses Geplauder. Allmählich gewann ich wieder an Sicherheit auf dem gesellschaftlichen Parkett, es ging auch ohne meinen Mann. Aber schöner wäre es mit ihm, dachte ich ein ums andere Mal. Wenn immer sich mein Weg mit Florian Schusters kreuzte, warf er mir einen aufmunternden Blick zu, der seine belebende Wirkung auf mich nicht verfehlte. Irgendwann später, als sich der Nachthimmel schon über die Stadt gesenkt hatte, zog eine Live-Performance viele der Gäste in den Glasbau. Inzwischen brannten Fackeln, leuchteten unzählige Kerzen in kleinen Gläsern mit dem Kanzlei-Logo und verwandelten die Terrasse in ein Meer von Lichtern. Ich fummelte mein Handy aus meinem Täschchen, aber es gab keine Nachricht. Ich war weder gefragt, noch in der Pflicht - ein ungewohnter Zustand für mich.

In einer Ecke stand hinter einer Palmenreihe versteckt eine Bank, die ich schon länger im Auge gehabt hatte und die jetzt unbesetzt war. Langsam schlenderte ich hinüber und ließ mich darauf nieder, dankbar, meinen Füßen in den High Heels eine Pause gönnen zu können. Ich sah mich einmal um und streifte dann kurz entschlossen die Sandaletten von den Füßen. Mit weit zurückgelegtem Kopf betrachtete ich die Sterne – nur die hellen waren sichtbar -, spürte die leichte Brise der lauen Nacht im Gesicht und die Sonnenwärme, die die Holzplanken gespeichert hatten, unter meinen bloßen Füßen. Ich hörte die Musik der Band im Hintergrund, leises Stimmengewirr und das anheimelnde Rascheln der Palmenblätter, die sich bei jedem Windhauch bewegten. Auf dem Fluss spiegelten sich die Lichter der Stadt. Zauberhaft – etwas Anderes fiel mir dazu nicht ein. Es war zauberhaft. Und: Zeit zu haben und alleine für mich zu sein, erschien mir gerade wie der größte Luxus auf Erden. Ich empfand etwas, was ich schon lange nicht mehr gespürt hatte: tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit für alles, was ich hatte, auch wenn ich jetzt mit etwas schlechtem Gewissen daran dachte, dass ich es nicht immer gebührend zu schätzen wusste. Und ich spürte, wie sich noch etwas hinzugesellte: Glück. Dieses bauchtiefe Gefühl von Glück, mittendrin im Hier und Jetzt. Manchmal war es so leicht, glücklich zu sein. Ich nahm einen Schluck Champagner aus dem Glas, das man mir in die Hand gedrückt hatte, und genoss diesen Moment wie ein Geschenk. Am liebsten hätte ich ihn eingepackt, in mein Handtäschchen gezwängt, um ihn mit nach Hause zu nehmen.

„Störe ich?“

Florian Schuster schaffte es immer wieder, mich zu überraschen.

„Höchstens ein bisschen!“

„Ehrlich sind Sie“, gab er zur Antwort. Auch im Schein der Fackeln konnte ich seine gerunzelte Stirn erkennen. „Möchten Sie jetzt tanzen?“

Eine gute Gelegenheit wäre es, aber mit ihm ...

„Nein, danke!“

In diesem Moment zischte die erste Rakete eines Feuerwerks in den nachtschwarzen Himmel, explodierte mit einem Knall und zerstob zu einem glitzernden silbrigen Funkenregen, gefolgt von einer zweiten und dritten Rakete. Im Anschluss prasselte das Feuerwerk am Boden auf der gegenüberliegenden Flussseite weiter. Unschlüssig verharrte der Mann neben mir.

Ich klopfte auf den Platz an meiner Seite. „Setzen Sie sich!“

Ohne zu zögern, kam er der Aufforderung nach.

„Sie sehen glücklich aus“, sagte er ohne weitere Einleitung. „Sind Sie es?“

Ich brauchte darüber nicht nachzudenken. „Ja, das bin ich.“

Für ein paar Sekunden starrte Florian Schuster auf einen kleinen Nachtfalter, der vor uns um eine Fackel flatterte, und wedelte ihn gleich darauf fort. „Beneidenswert!“

„Sind Sie es nicht?“ Irgendwie wunderte es mich nicht, dass ich ein solches Gespräch mit ihm führte.

„Nicht besonders!“, kam seine prompte Antwort. Ich sah ihn fragend an, aber er ließ seinen Blick ziellos in die Ferne schweifen, während er an seinem Getränk nippte. Doch plötzlich straffte sich sein Körper, wie der eines Hundes, der einen Artgenossen entdeckt hatte. Ich folgte seinem Blick und glaubte meinen Augen nicht zu trauen.

Florian Schuster erhob sich. „Wie es scheint, wartet dort jemand auf Sie. Es war schön, Sie kennenzulernen!“ So wie er es betonte, hörte es sich ehrlich, nicht nach einer bloßen Floskel, an.

Langsam querte mein Mann die Terrasse und blieb dann abwartend vor mir stehen.

„Ich hatte Sehnsucht nach dir!“, sagte er schließlich, als wäre er mir eine Erklärung für sein Aufkreuzen schuldig.

„Das heißt, du willst mich abholen?“, fragte ich, griff nach meinen Sandaletten und stand auf.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte dich in dieser lauschigen Sommernacht nicht alleine tanzen lassen …“

Ein warmes Gefühl durchfloss mich und unser Streit kam mir auf einmal so unendlich weit weg vor wie die Sterne.

„Oder bist du schon vergeben?“, fragte er und wies mit dem Kopf in die Richtung, in die Florian Schuster verschwunden war.

„Natürlich nicht!“

Er atmete einmal tief durch und reichte mir die Hand. „Wenn es so ist, darf ich bitten?“

Vielleicht war es doch keine gute Idee, hierher zu kommen, ging mir durch den Kopf, als ich aus dem Schutz des Glasbaus die weitläufige Dachterrasse betrat und mich dabei an meiner perlenbestickten Clutch wie an einem Rettungsring festhielt. Um mich herum standen Menschen in Paaren oder Gruppen, vertieft in Gespräche, schwarz gekleidetes Personal jonglierte geschäftig Tabletts mit Champagnerflöten, Cocktails und Smoothies in allen Regenbogenfarben um die Gäste und die wuchtigen Terrakottatöpfe herum, in denen mannshohe Palmen wuchsen. In meinem roten Etuikleid, das mir bis gerade eben wie gemacht für eine Sommerparty schien, fühlte ich mich inmitten der Anzugträger und Kostümträgerinnen, allesamt in gedeckten Farben, in etwa so unauffällig wie ein Paradiesvogel zwischen einer Schar Graufinken.

Es war einer der letzten Altweibersommertage, ein unerwartetes Geschenk vor dem langen Winter. Die Quecksilbersäule hatte tagsüber noch einmal die 30-Grad-Marke geknackt und auf der sonnenbeschienenen Terrasse war es jetzt am frühen Abend noch immer warm, um nicht zu sagen, heiß. Mühsam fingerte ich ein Taschentuch aus meiner Minihandtasche, die zwar unglaublich schick, aber auch ebenso unglaublich unpraktisch war, denn außer meinem Handy, drei Geldscheinen, dem Hausschlüssel, den ich umständlich aus dem Etui gepuzzelt hatte, und einem Taschentuch passte nur noch ein Lippenstift hinein. Vorsichtig, bemüht mein sorgsam aufgetragenes Make-up nicht zu ruinieren, tupfte ich mir ein paar Schweißperlen von der Stirn. Die letzten goldenen Sonnenstrahlen ergossen sich über die Stadt und brachten den vor der Terrasse träge dahinfließenden Fluss zum Funkeln, als wäre er von Tausenden Diamanten übersät. Das war sie also, diese Rooftop-Bar, eine In-Lokalität, die ich nur aus der Regenbogenpresse kannte. Der Ort gefiel mir. Er hatte etwas, sogar sehr viel von dem viel zitierten federleichten Sommerflair, dachte ich und überlegte, ob ich lieber zum Champagner oder Smoothie greifen sollte.

Vor zwei Monaten war meinem Mann die Einladung zu der Sommerparty dieser renommierten Wirtschaftskanzlei ins Büro geflattert. Mein Göttergatte hatte vorgeschlagen, die Veranstaltung gemeinsam zu besuchen. Keine schlechte Idee, wir waren neu in der Stadt, seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr ausgegangen und hatten so eine angesagte Party-Location wie diese wahrscheinlich das letzte Mal zu Studentenzeiten besucht. Hoch über der Stadt, dort, wo man im Sommer den lauen Wind in den Haaren und den Sand zwischen den Zehen spüren konnte, denn es gab sogar einen winzigen Strand. Und es gab eine Tanzfläche unter freiem Himmel. Je öfter ich in den letzten Tagen in Tagträumereien über die Party versunken war, desto mehr war sie mir als das faszinierende und verlockende Gegenteil meiner momentanen Welt erschienen: aufregend, schillernd, glamourös und ein wenig abgehoben. Und auf einen Tanz unter dem Sternenhimmel hatte ich sowieso Lust. Nachdem unser drittes Kind vor gut einem halben Jahr auf die Welt gekommen war, war ich überzeugt, eine klitzekleine Auszeit vom momentan sehr strapaziösen Alltag mit drei kleinen Kindern würde mir gut tun. Mit Feuereifer und generalstabsmäßig hatte ich den Abend geplant. Die Kinder untergebracht, ein neues Kleid gekauft, den Friseur gebucht, mir sogar einen Kosmetiktermin gegönnt. Währenddessen hatte ich mich gefreut, wie ein Kind auf Weihnachten. Als der Wetterbericht dann sommerliches Wetter für diesen Tag der Tage angekündigt hatte, hatte ich gejubelt. Es war perfekt, so perfekt wie schon lange nicht mehr.

Das hatte ich auch noch vor drei Stunden gedacht, ehe das Telefon klingelte. Er schaffe es nicht, hatte mein Mann mir lapidar mitgeteilt, wir könnten nicht gehen. Augenblicklich fiel meine Vorfreude in sich zusammen wie ein Kartenhäuschen, gefolgt von dem banalen, aber leider nicht zu verdrängenden Gedanken, dass er mich damit um meinen Tanz unter dem Sternenhimmel brachte. Genau das sagte ich ihm auch. Und seine Reaktion? Er lachte, fand es … süß. Süß! Augenblicklich überkam mich eine Laune, in der ich eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brach, die zu einem kurzen, aber heftigen Streit führte. Als ich dann auch noch erfuhr, dass er Überstunden mit der Kollegin machte, die uns auf einem unserer Sonntagsspaziergänge zufällig über den Weg gelaufen war und die gefragt hatte, ob ich das Kindermädchen der Familie sei und nachdem mein Mann uns bekannt gemacht hatte, ob ich mich als Hausmütterchen auf der Ersatzbank des Lebens nicht langweilte, keimte ein weiterer Gedanke erstaunlich schnell in mir. Mehr ein Geistesblitz als eine ausgereifte Überlegung war mein rasant gefasster Entschluss, der meinem Mann ganz und gar nicht gefiel ... Es war an der Zeit, die Ersatzbank für ein paar Stunden gegen eine trendige Rooftop-Bar unter sternenbeschienenen Himmel zu tauschen, dachte ich grimmig, sollten sich die beiden von mir aus auf dem Spielfeld für Top-Anwälte in ihrer stickigen Kanzlei vergnügen.

Ich konnte das auch alleine, eine schöne Zeit haben, dafür brauchte ich ihn nicht, hämmerte ich mir in den Kopf, straffte die Schultern und tat ein paar Schritte durch die Menschen. Weiter hinten leuchtete eine Frau durch das Meer der Nadelstreifen. Sie trug ebenso wie ich ein rotes Kleid, nur war ihres mädchenhafter, wie überhaupt die ganze Frau etwas sehr Jugendliches und Zierliches an sich hatte. Umringt von dunklen Anzugträgern stand sie in der Nähe der kleinen Bühne, bildete offenkundig das strahlende Zentrum des Interesses, und schien sich im Gegensatz zu mir prächtig zu amüsieren. Für einen Bruchteil einer Sekunde fing sie meinen Blick auf und verzog den Mund zu einem Lächeln, dann war sie wieder im Gespräch mit den Männern versunken.

Ermutigt von ihrer Reaktion, spazierte ich bis zu der verchromten Brüstung der Terrasse, die der Reling eines Schiffes glich, und verfolgte für einen Moment die tiefer sinkende Sonne, betrachtete das Farbspektakel am Abendhimmel, das Lachen der Menschen im Ohr.

„Beeindruckend, nicht wahr?“ Unbemerkt hatte sich einer der Anzugträger zu mir gesellt. „Frau Dr. Steinbeck?“

„Nein“, sagte ich kopfschüttelnd und da er bei mir stehen blieb, fragte ich: „Wer ist Frau Dr. Steinbeck?“

„Die CEO von McHardings und Partner und damit die Gastgeberin!“

Die Antwort verblüffte und beflügelte mich gleichermaßen, obwohl ich normalerweise nicht auf plumpe Schmeicheleien stand.

„Trinken wir ein Glas Champagner zusammen? Oder sind Sie Abstinenzlerin?“ Ohne meine Antwort abzuwarten, winkte er nach einem der Kellner.

„Ich hatte ...“, setzte ich zu einer Antwort an, die wie eine Entschuldigung klang, und stoppte abrupt. Egal, was ich hatte oder nicht hatte, gerne wollte ich Champagner mit ihm trinken.

Kaum hielten wir die Gläser in den Händen, stieß er mit mir an.

„Auf einen schönen Abend!“

Lächelnd nickte ich, trank einen Schluck und wurde dabei das Gefühl nicht los, dass mein Gegenüber unverwandt auf meinen Ringfinger mit dem Ehering starrte.

„Florian Schuster“, stellte er sich vor, schob seine Sonnenbrille ins Haar und offenbarte ein Paar beeindruckender blauer Augen.

„Eva Rinke!“

Das Klingen unser Gläser schien mir trotz des Stimmengewirrs über die Terrasse zu hallen und mir entging nicht, wie sein Blick einmal taxierend über mich huschte.

„Ihr Kleid gefällt mir.“

„Danke!“, brachte ich überrascht hervor.

„Der eindeutige Mittelpunkt der Party!“, führte er sein Kompliment weiter aus und sah mir dabei fest in die Augen.

Himmel. Flirtete er mit mir? Wie auch immer, ich entschloss mich zu einem unverfänglichen weiteren „Danke“ und war geradezu erleichtert über die abendliche Brise, die jetzt aufkam, nachdem die Sonne versunken war, und mein erhitztes Gesicht kühlte. Insgeheim freute ich mich über die Aufmerksamkeit eines gut aussehenden Mannes, auch wenn sie mir etwas übertrieben vorkam, und ich überlegte, wie sich die Unterhaltung fortsetzen ließe.

„Gefällt Ihnen die Veranstaltung?“ Nun gut, nicht sehr originell, aber für ein Small Talk ausreichend, tröstete ich mich und nahm einen weiteren Schluck.

Bevor er antwortete, glitt ein breites Lächeln über sein Gesicht, das mich keineswegs unberührt ließ. „Schauen wir mal, wie sie sich entwickelt. Als ich Sie gesehen habe, wusste ich sofort, mit Ihnen kann man sich blendend unterhalten.“

„Ach ja?“, flötete ich mit einer Stimme, die um einige Töne höher als normal klang, während ich merkte, wie mir die Hitze erneut ins Gesicht stieg. „Über was denn?“

„Über das Leben!“

Ich hielt es für angebracht, mich erst einmal auf das sichere Terrain des Small Talks zurückzuziehen. „Die Lage der Bar ist einmalig. Und auf den Rest des Abends bin ich gespannt, es soll auch eine Band geben, eine gute Gelegenheit für einen Tanz unter dem Sternenhimmel, wie im Urlaub“, plapperte ich darauf los, „romantischer geht es nicht …“ Der Alkohol bewirkte eindeutig mehr als nur die aufsteigende Hitze in mir, wenn ich so daherredete, aber die Miene meines Gegenübers drückte Interesse aus an dem, was ich sagte. „Eigentlich wollte ich mit ...“ In letzter Sekunde verkniff ich mir, mit wem ich den Abend hatte verbringen wollen. Mein Mann hatte mit dieser Situation hier gerade herzlich wenig zu tun und ihn anzubringen, war irgendwie unpassend. Heute Abend war ich einfach ich, ich alleine, weder die Ehefrau noch die Mutter von irgendjemand. Ausnahmsweise hatte ich keine Funktion zu erfüllen oder zu bedienen. Es ging ausschließlich um meine Person. Und das gefiel mir zur Abwechslung sehr gut, dachte ich verwundert.

Florian Schuster lächelte charmant, winkte gleichzeitig jemandem zu und sagte dann: „Entschuldigung. Die Pflicht ruft, aber ich würde unser Gespräch gerne fortsetzen. Zu den wichtigen Themen sind wir noch gar nicht gekommen.“ Mit einem jungenhaften Augenzwinkern verabschiedete er sich. „Ich freue mich auf später!“

Nachdenklich, schon ein wenig beschwipst, trank ich meinen Champagner und, als ein Kellner mir das leere Glas abnahm, griff ich im Austausch lieber nach einem giftgrünen Smoothie. Im Westen glühte der Horizont im Widerschein der untergegangenen Sonne, darüber leuchteten ein paar Wolkenfetzen in einem dramatischen Orange-Rot. Die Hitze des Tages war einer weichen Abendluft gewichen, erfüllt von angenehmen Düften. Eine Grille, die sich auf die Dachterrasse verirrt haben musste, zirpte ihre letzte Sommermelodie. Die Tanzmusik eines voll besetzten Ausflugsdampfers, der auf dem Fluss vorbeizog, drang leise zu mir.

Nun hielt die Dame in Rot, offenbar war sie die CEO, eine kurze Ansprache und eröffnete damit offiziell die Abendveranstaltung. Kaum war der Beifall verklungen, erschien ein weiteres Heer von Kellnern mit allerlei Köstlichkeiten auf der Bildfläche. Entspannt streifte ich über die Terrasse, lächelte wildfremden Menschen zu und sie lächelten zurück, zwischendurch wechselte ich immer wieder ein paar Worte. Belangloses Geplauder. Allmählich gewann ich wieder an Sicherheit auf dem gesellschaftlichen Parkett, es ging auch ohne meinen Mann. Aber schöner wäre es mit ihm, dachte ich ein ums andere Mal. Wenn immer sich mein Weg mit Florian Schusters kreuzte, warf er mir einen aufmunternden Blick zu, der seine belebende Wirkung auf mich nicht verfehlte. Irgendwann später, als sich der Nachthimmel schon über die Stadt gesenkt hatte, zog eine Live-Performance viele der Gäste in den Glasbau. Inzwischen brannten Fackeln, leuchteten unzählige Kerzen in kleinen Gläsern mit dem Kanzlei-Logo und verwandelten die Terrasse in ein Meer von Lichtern. Ich fummelte mein Handy aus meinem Täschchen, aber es gab keine Nachricht. Ich war weder gefragt, noch in der Pflicht - ein ungewohnter Zustand für mich.

In einer Ecke stand hinter einer Palmenreihe versteckt eine Bank, die ich schon länger im Auge gehabt hatte und die jetzt unbesetzt war. Langsam schlenderte ich hinüber und ließ mich darauf nieder, dankbar, meinen Füßen in den High Heels eine Pause gönnen zu können. Ich sah mich einmal um und streifte dann kurz entschlossen die Sandaletten von den Füßen. Mit weit zurückgelegtem Kopf betrachtete ich die Sterne – nur die hellen waren sichtbar -, spürte die leichte Brise der lauen Nacht im Gesicht und die Sonnenwärme, die die Holzplanken gespeichert hatten, unter meinen bloßen Füßen. Ich hörte die Musik der Band im Hintergrund, leises Stimmengewirr und das anheimelnde Rascheln der Palmenblätter, die sich bei jedem Windhauch bewegten. Auf dem Fluss spiegelten sich die Lichter der Stadt. Zauberhaft – etwas Anderes fiel mir dazu nicht ein. Es war zauberhaft. Und: Zeit zu haben und alleine für mich zu sein, erschien mir gerade wie der größte Luxus auf Erden. Ich empfand etwas, was ich schon lange nicht mehr gespürt hatte: tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit für alles, was ich hatte, auch wenn ich jetzt mit etwas schlechtem Gewissen daran dachte, dass ich es nicht immer gebührend zu schätzen wusste. Und ich spürte, wie sich noch etwas hinzugesellte: Glück. Dieses bauchtiefe Gefühl von Glück, mittendrin im Hier und Jetzt. Manchmal war es so leicht, glücklich zu sein. Ich nahm einen Schluck Champagner aus dem Glas, das man mir in die Hand gedrückt hatte, und genoss diesen Moment wie ein Geschenk. Am liebsten hätte ich ihn eingepackt, in mein Handtäschchen gezwängt, um ihn mit nach Hause zu nehmen.

„Störe ich?“

Florian Schuster schaffte es immer wieder, mich zu überraschen.

„Höchstens ein bisschen!“

„Ehrlich sind Sie“, gab er zur Antwort. Auch im Schein der Fackeln konnte ich seine gerunzelte Stirn erkennen. „Möchten Sie jetzt tanzen?“

Eine gute Gelegenheit wäre es, aber mit ihm ...

„Nein, danke!“

In diesem Moment zischte die erste Rakete eines Feuerwerks in den nachtschwarzen Himmel, explodierte mit einem Knall und zerstob zu einem glitzernden silbrigen Funkenregen, gefolgt von einer zweiten und dritten Rakete. Im Anschluss prasselte das Feuerwerk am Boden auf der gegenüberliegenden Flussseite weiter. Unschlüssig verharrte der Mann neben mir.

Ich klopfte auf den Platz an meiner Seite. „Setzen Sie sich!“

Ohne zu zögern, kam er der Aufforderung nach.

„Sie sehen glücklich aus“, sagte er ohne weitere Einleitung. „Sind Sie es?“

Ich brauchte darüber nicht nachzudenken. „Ja, das bin ich.“

Für ein paar Sekunden starrte Florian Schuster auf einen kleinen Nachtfalter, der vor uns um eine Fackel flatterte, und wedelte ihn gleich darauf fort. „Beneidenswert!“

„Sind Sie es nicht?“ Irgendwie wunderte es mich nicht, dass ich ein solches Gespräch mit ihm führte.

„Nicht besonders!“, kam seine prompte Antwort. Ich sah ihn fragend an, aber er ließ seinen Blick ziellos in die Ferne schweifen, während er an seinem Getränk nippte. Doch plötzlich straffte sich sein Körper, wie der eines Hundes, der einen Artgenossen entdeckt hatte. Ich folgte seinem Blick und glaubte meinen Augen nicht zu trauen.

Florian Schuster erhob sich. „Wie es scheint, wartet dort jemand auf Sie. Es war schön, Sie kennenzulernen!“ So wie er es betonte, hörte es sich ehrlich, nicht nach einer bloßen Floskel, an.

Langsam querte mein Mann die Terrasse und blieb dann abwartend vor mir stehen.

„Ich hatte Sehnsucht nach dir!“, sagte er schließlich, als wäre er mir eine Erklärung für sein Aufkreuzen schuldig.

„Das heißt, du willst mich abholen?“, fragte ich, griff nach meinen Sandaletten und stand auf.

„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wollte dich in dieser lauschigen Sommernacht nicht alleine tanzen lassen …“

Ein warmes Gefühl durchfloss mich und unser Streit kam mir auf einmal so unendlich weit weg vor wie die Sterne.

„Oder bist du schon vergeben?“, fragte er und wies mit dem Kopf in die Richtung, in die Florian Schuster verschwunden war.

„Natürlich nicht!“

Er atmete einmal tief durch und reichte mir die Hand. „Wenn es so ist, darf ich bitten?“

Von Bettina Schneider

 

Schlagworte: