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Gewinnertexte Platz 1: Der Schatz der Felseninsel

Manchmal werden Märchen wahr: diesmal für die Sieger unseres Schreibwettbewerbs.
wurstwetbewerb_2014

Einst lebte auf einer fernen Felseninsel im südlichen Meer ein König. Sein Volk verehrte ihn, denn er regierte klug und gütig. Er hörte aufmerksam zu, wenn seine Untertanen von ihren Sorgen berichteten, und er half  mit dem Rat seines scharfen Verstandes und mit der Tat seiner kräftigen Hände. Denn das Arbeiten war ihm nicht fremd. Wenn im Frühling der Baum, den die Königin vor langer Zeit gepflanzt hatte, im Burghofs blühte und die sanfte Seebrise die Blütenblätter auf die Menschen herab regnen ließ, dann lachte der König still und die Linien um seine Augen kräuselten sich. Solcher Art war die Weisheit des Königs, und sein Volk liebte ihn dafür.

Es war ein einfaches Leben, das die Menschen auf der Felseninsel führten. Sie ernährten sich von der Arbeit ihrer Hände und den Gaben der Insel. Ihre Schafe schenkten ihnen Wolle, aus der sie Garn sponnen und ihre Kleidung fertigten. Sie fingen Fische im Meer, bauten Wein an den sonnigen Hängen des großen Felsengebirges an, backten kräftiges Brot aus dem goldenen Getreide, dass auf den Feldern an den Rändern der klaren Gebirgsbäche wuchs, und machten Butter und Käse aus der Milch ihrer Kühe.

Das Beste aber – so sagten die Inselmenschen – war ihre Wurst. Diese Wurst hatte unter dem besonderen Schutz der verstorbenen Königin Marvella gestanden – Gott möge ihrer gütigen Seele gnädig sein. Marvella hatte gesagt, in dieser Wurst finde man die Seele der Insel, und die Inselbewohner gaben ihr Recht:  Die Wurst schmeckte nach dem rauen Salz des Meeres, dem würzigen Wind aus den Bergen, der wärmenden Frühlingssonne auf den Berghängen, dem Duft der Fichtennadel und der Blüte des Rosmarins. Vielleicht lag es daran, dass die Schweine frei in den Wäldern der Insel lebten, sich von Kastanien, Eicheln und den vielfältigen  Kräutern der Insel ernährten und zudem wild und störrisch waren. All dies verlieh der Inselwurst ihre Kraft und ihr besonderes Aroma. Vielleicht lag es aber auch an jener besonderen Kräutermischung, die Marvella selbst zusammengestellt hatte und ohne die die Herstellung der Wurst nicht mehr denkbar war. Marvella, die in jeder Hinsicht zauberhaft gewesen war, hatte die Zusammensetzung dieser speziellen Mischung nur an wenige besonders kräuterkundige Inselmänner und -frauen weitergegeben. Diese durften das Rezept für die Mischung nur dann, wenn sie das Herannahen ihres eigenen Todes fühlten, an die ihnen jeweils am Nächsten stehenden Nachfahren weitergeben. Diese wiederum waren – in den wenigen Fällen, wo das bereits geschehen war –  ebenfalls zu strengstem Stillschweigen verpflichtet und wussten, dass auch sie mit der Weitergabe des Rezepts bis zu ihrem eigenen Tod warten mussten. Die Inselmenschen waren mit dieser Regelung vollkommen zufrieden. Und wenn sie am Abend nach getaner Arbeit zusammensaßen, ihr Brot mit ihrer Wurst aßen und einander von den Erlebnissen des Tages erzählten, waren sie rundherum glücklich und es fehlte ihnen an nichts.

Die Kunde von dem glücklichen Leben des Inselvolkes war auch schon in weit entfernten Ländern vernommen worden. Nirgendwo sonst – so erzählte man sich – gab es ein Volk, das so reich an Zufriedenheit war wie die Inselmenschen.

Dem König – Golo war sein Name –  war dies eine stete Quelle der Sorge, wusste er doch aus leidvoller Erfahrung, dass nicht alle Menschen so genügsam und friedliebend waren wie sein Inselvolk. Vor Jahren hatte ein schlimmes Unglück die Insel heimgesucht und dem König das Liebste geraubt, das er hatte: seine Königin, die schöne, gütige und wundertätige Marvella.

In einem finsteren Land hoch oben in der Zone der Kälte nämlich lebten die Männer des Nordens, starke, listige und mutige Krieger, die auf ihren zahlreichen Beutezügen so viel Gold und Gut geraubt hatten, dass es auf der Welt kein reicheres Land gab. Als die Männer des Nordens von der Felseninsel im südlichen Meer und dem zufriedenen Leben der Inselmenschen hörten, glaubten sie, dass dieses Glück nur durch einen verborgenen Schatz entstanden sein konnte, und sie machten sich auf, diesen Schatz zu rauben.

Königin Marvella war damals – es war eine milde Sommernacht gewesen, und sie hatte vom Turm der Felsenburg den Sternenhimmel beobachten wollen –  die Erste gewesen, die die schwarzen Schiffe der Männer des Nordens am Horizont gesehen hatte. Sofort alarmierte sie König Golo, der schnell mit den königlichen Wachen aufbrach, um die Inselbewohner in den weiter entfernten Dörfern zu warnen; Königin Marvella selbst machte sich auf zum Küstendorf unterhalb der königlichen Burg, lief von Haus zu Haus und wies jeder Inselfamilie den Weg zum Versteck in den geheimen Felsenhöhlen. Dieser Weg führte vom Küstendorf über einen schmalen Felspfad hoch hinauf in die Berge. Doch die Männer des Nordens waren schon gelandet und folgten ihnen schnell. Die Dorfbewohner mit ihren Kindern dagegen kamen nur langsam voran.  Marvella ging als letzte mit ihrem Sohn, dem kleinen Prinzen Lasco, der gerade sieben Jahre alt war. Viel zu schnell kamen die Krieger des Nordens näher und begannen, Pfeile auf die Inselmenschen abzuschießen.

Als Marvella begriff, dass sie dem Pfeilhagel nicht entkommen konnten, blieb sie auf dem schmalen Pfad stehen,  richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, um für ihre Schutzbefohlenen ein Schild zu bilden, und befahl diesen streng, weiterzulaufen und sich in Sicherheit zu bringen. Die Dorfbewohner taten wie ihnen geheißen. Auf Marvellas strikten Befehl nahmen sie auch den kleinen Prinzen mit, obwohl dieser verzweifelt bis zuletzt versuchte, sich am Gewand seiner Mutter festzuklammern. Aber die starken Inselmänner rissen ihn los und trugen ihn fort, und nicht nur der kleine Lasco weinte dabei bittere Tränen der Verzweiflung. Während die Dorfbewohner den Bergpfad hinaufliefen und sich ihrem rettenden Versteck näherten, schirmte Marvella sie ab, so gut es ging, bis sie von Pfeilen durchbohrt war, ihre Kräfte sie verließen und das Leben aus ihr floh. Doch sie fiel nicht nieder, wie die Verfolger erwartet hatten, sondern blieb aufrecht stehen. Sie verwandelte sich vor den Augen der Männer des Nordens in einen harten, steilen Granitfelsen, der das Verfolgen der Dorfbewohner unmöglich machte. Durch Marvellas Verwandlung entkamen die Insulaner ihren Verfolgern und konnten sich in die Höhlen retten. Sie blieben von da an unauffindbar für die Männer des Nordens.

Als man König Golo vom heldenhaften Opfer Marvellas und der wundersamen Rettung der Insulaner berichtete, gefror ein Teil seines Herzens vor Gram. Der andere Teil jedoch war voller Bewunderung und Dankbarkeit für ihre großherzige Tat und gelobte dem Andenken der edlen und gütigen Frau, nicht in Kummer und Untätigkeit zu verharren, sondern sich ihres Opfers würdig zu erweisen, das Leben der Insulaner zu sichern, ihren gemeinsamen Sohn zu trösten und ihn zu einem würdigen Nachfolger seiner Eltern zu erziehen.

Die erzürnten Männer des Nordens aber verwüsteten das ganze Küstendorf, plünderten und brandschatzten die Felsenburg, suchten alle Inseldörfer und jeden ihnen sichtbaren Winkel der Insel nach den Bewohnern und ihrem Schatz ab. Doch sie konnten nichts finden. Nach Tagen vergeblicher Suche bestiegen sie übel gelaunt ihre schwarzen  Schiffe und verließen die Felseninsel, nicht ohne Rache für ihre vergebliche Fahrt zu schwören.

Lange dauerte es, bis die Inselbewohner die Spuren der Verwüstung durch die Männer des Nordens getilgt hatten. Aber Königin Marvella hatte ihnen Mut und Hoffnung hinterlassen, dies gab ihnen die Kraft für den Neuaufbau, so dass ihre Dörfer und ihre Behausungen noch heller, wohnlicher und gemütlicher wurden als vorher. Und sie hatten ja die Wurst, in der sie bis ans Ende ihrer Tage nicht nur ihre Insel schmecken, sondern auch der Seele ihrer verehrten Königin Marvella begegnen konnten. Auch die Felsenburg wurde in luftiger Höhe auf dem Felsenberg, der das Meer überblickte und den Küsteneinschnitt zum fruchtbaren Tal überwachte, neu errichtet. Der Brand hatte den Baum in der Mitte des Burghofs nicht zerstören können. Und als im Frühjahr nach dem Überfall die Blütenpracht erneut auf den König herabregnete, rollten Tränen seine Wangen hinunter.

Doch irgendwann fand der König sein Lachen wieder. Er besuchte oft das Felsengrab der Königin, ihr Vorbild und die Erinnerungen an die schönen gemeinsamen Jahre lehrten ihn, sich an den Frühlingsblüten, am seidigen Wind und am Wunder des Lebens erneut zu erfreuen. Wenn er sich des Nachts auf seinem einsamen Lager ruhelos hin und her wälzte, dachte er an die Spur, die Marvella in den Herzen der Insulaner hinterlassen hatte, und die vielen Kinder, die Marvella vor den Männern des Nordens bewahrt hatte. Er erzählte Marvella im Herzen vom Heranwachsen dieser Kinder, berichtete von ihren Streichen, vom Alltagsleben, von Menschen, Tieren und Pflanzen auf der Insel. Dann wusste er, dass alles gut war. Marvella hatte ihren Frieden.  

So vergingen die Jahre. Das Haar des Königs wurde silbern und aus dem kleinen Prinzen Lasco ein großer junger Mann. Prinz Lasco war seines Vaters Freude und Kummer zugleich. Er war klug und hatte seinen Verstand und seinen Körper mit der Hilfe weiser Lehrmeister gebildet, er half seinem Vater umsichtig bei tagtäglichen Verwaltungsarbeiten, und die Schönheit seiner Mutter spiegelte sich in seinen goldenen Locken und im tiefen Blau seiner Augen. Aber während Königin Marvellas Augen wie das Meer bei Sonnenuntergang geleuchtet hatten und die Wärme der untergehenden Sonne in Marvellas Freundlichkeit  spürbar geworden war, vermochte nicht ein einziger Sonnenstrahl der Lebensfreude das umwölkte Antlitz des jungen Prinzen zu durchdringen. Es gab nur wenige Menschen, die sich noch daran erinnern konnten, dass der junge Prinz als Kind übersprudelte von Kichern und Lachen. Damals hatte niemand in seiner Nähe ernst bleiben können. Aber seit dem Tod seiner Mutter hatte der Prinz das Lachen verlernt. Darüber war der König sehr traurig.

Eines Abends saß der König gedankenverloren auf seinem Lieblingsplatz am Kaminfeuer und lauschte den knisternden Flammen, die flackernde Schatten an die felsige Hinterwand seines Gemachs warfen. Er atmete das scharf-würzige Aroma des Holzfeuers ein und fühlte eine tiefe innere Ruhe.

Plötzlich vernahm er unten im Burghof Tumult. Unter den vielen aufgeregten Rufen erkannte er die Stimmen seiner Leibgardisten. Es schien sich um eine Angelegenheit von großer Wichtigkeit für die Wächter zu handeln. „Sire – Sire!“ Der Capitano konnte nicht abwarten, seinen Herrn zu alarmieren, und rief schon auf der Treppe nach ihm. Mit einem Krachen wurde die Tür zum Gemach des Königs aufgestoßen, die Wächter mit dem Capitano als Anführer stürmten herein, zerrten zwei Bündel hinter sich her und stellten diese vor dem König ab. Golo sah, dass es sich um zwei mit dicken Stricken umwickelte Personen handelte. Seine Wächter hatten ihm Gefangene gebracht. „Sire, diese beiden Fremden haben wir unten in der Cala Calamita gestellt.“ Die Cala Calamita war eine kleine Felseneinbuchtung mit einem natürlichen Felsvorsprung als Anleger. Sie wurde von den Inselbewohnern als Nothafen benutzt, weil man dort selbst bei starken Stürmen noch sicher an Land gelangen konnte. „Und?“ fragte Golo. „Sie haben dort mit einem schwarzen Schiff angelegt!“ Die Stimme des Capitano wurde heiser vor Aufregung. „Sie sind mit einem Schiff der Männer des Nordens hier! Sie sind Spione! Sie sind unsere Feinde!“ „Sind noch mehr Männer des Nordens auf dem Schiff?“ fragte Golo. „Nein“, sagte der Capitano mit immer noch nervös belegter Stimme. „Wir haben das ganze Boot abgesucht. Die beiden hier sind allein gekommen. Sie wollten sich wohl heimlich an Land stehlen“.

Golo betrachtete sich die beiden gefesselten Bündel genauer. Sie waren groß, aber nicht so groß wie seine Wächter. Sie wirkten kräftig, aber sie besaßen nicht die Stärke seiner Leibgardisten. Sie konnten sich wegen der Fesseln nicht bewegen, hielten aber seinem forschenden Blick finster und trotzig stand. Doch er entdeckte darin nicht die Aggressivität und Kampfbereitschaft seiner Männer. Golo lächelte. „Capitano, beruhige dich. Es sind doch nur Frauen.“ Die Stimme des Capitano zitterte. „Sire, seht Ihr denn nicht? Es sind HEXEN!“ Nun wurde Golo ungehalten und – auch wenn er sich das nicht eingestehen mochte – etwas unruhig. „Capitano, die beiden Frauen wurden von dir und deinen Männern gefangen genommen. Sie sind gefesselt. Es besteht keine Gefahr mehr. Und wir sollten jetzt herausfinden, was sie hier wollen.“

„Ich dachte schon, Ihr würdet nie darauf kommen, uns das zu fragen“, sagte die ältere der beiden Frauen. Sie sprach mit einer dunklen, etwas rauchig klingenden Stimme, in der Belustigung mitschwang. Ihr spöttisches Lächeln schien von ihrem vorwitzigen, nach allen Seiten wirr und kraus abstehenden fuchsroten Haar geradezu reflektiert zu werden. Zugleich schaute sie Golo offen, sehr aufmerksam und forschend an. Ihre Augen hatten die Farbe und Leuchtkraft von Bernstein, und es war ihm plötzlich, als blickte sie direkt auf den Grund seiner einsamen Seele. Auf einmal lösten sich vor seinen Augen die Fesseln auf, die Frau breitete ihre Arme aus und streckte ihm ihre Hände entgegen. Für einen flüchtigen Moment umschlossen ihre Finger die seinen und drückten sie zart. Im nächsten Moment war die Frau wieder fest in Fesseln eingeschnürt. Hatte er nur geträumt? … Hatte sie gezaubert? … Ihre Bernsteinaugen hatten sich tief in seine Seele eingebrannt.

„Wer seid Ihr?“ fragte er. Und seltsam – noch bevor die Frau zu sprechen begann, wusste er bereits Teile der Antwort: „Onda, die Schwester von Rotbart, dem König des Nordens.“ „Warum seid Ihr hier?“, fragte er. Auch diesmal war ihm, als ahnte er bereits die Antwort. „Sagt Ihr es mir“, sagte Onda und wandte den Blick nicht von ihm ab. Golo richtete seine Aufmerksamkeit auf die andere Gestalt, um nicht in Ondas Bernsteinaugen zu versinken. „Wer ist das Mädchen an Eurer Seite?“ fragte er.  „Meine Nichte“, antwortete Onda. „Rotbarts Tochter?“ fragte Golo ungläubig. „So ist es“, sagte das junge Mädchen mit trotzigem Stolz. Ihre funkelnden dunklen Augen bildeten einen eigenartigen Kontrast zu ihrer hellen zarten Haut und dem weichen langen honigblonden Haar. „Ich bin Merle, König Rotbarts einzige Tochter.“ „Hat Rotbart euch geschickt?“ fragte Golo. Erneut ahnte er Ondas Antworten voraus. „König Golo, könnt Ihr Euch vorstellen, dass Ihr Prinz Lasco zu Rotbart schicken würdet?“ Wieder lag dieser spöttische Unterton in Ondas Stimme. „Nein“, sagte Golo leise. „Und Marvella? Könnt Ihr Euch vorstellen, dass sie sich heimlich zu Rotbart auf den Weg gemacht hätte?“ Diese Frage traf Golo wie ein Schlag, doch er schreckte nicht zurück, sondern antwortete ehrlich: „Ja“. „Und was hätte sie dort gewollt?“ Ondas Frage war anzuhören, dass sie auch diese Antwort schon kannte. Daher sagte Golo nichts.

„Merle und ich haben dasselbe Ziel“, sagte Onda. „Rotbart versteht das nicht und darum haben wir uns ohne seine Erlaubnis auf den Weg gemacht. So werden wir nun hüben wie drüben als Verräter angesehen.“ Die ruhige Sicherheit, mit der sie das sagte, klang nicht, als fühlte sie sich wie ein Opfer, sondern als habe sie genau das einkalkuliert. „Woher wisst Ihr, was Marvella wollte? Seid Ihr Marvella je begegnet? Und ich weiß nichts davon?“ Golo fühlte sich seltsam erschüttert. Onda schaute einen Moment  verlegen zu Boden, erhob dann den Blick wieder und sah Golo erneut offen in die Augen. „Lasst es mich so ausdrücken: Frauen wie Marvella und ich kennen sich eben.“ Golo hatte für einen Moment das Gefühl, als würde ihm schwindelig. Oder war nur der Boden unter seinen Füßen in eine wellenartige Bewegung geraten? Dass Marvella über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt hatte, war ihm nicht verborgen geblieben, aber stets hatte sie es verstanden, ihm Erklärungen dafür zu geben, ohne dass er sich hätte  fragen müssen, ob da das Maß des menschlich Machbaren überschritten wurde. Was Marvella in ihrer Güte ihm und den Insulanern  ersparen wollte, wurde nun von Onda schonungslos offengelegt. Sogar sein Capitano hatte es erkannt. Onda war eine Hexe – und Marvella, so die einzig mögliche Schlussfolgerung, war ebenfalls eine gewesen.

Erschüttert setzte Golo sich wieder auf seinen Lieblingsplatz am Kaminfeuer und schaute den Flammen beim Flackern zu. „Braucht Ihr noch Zeit, Eure Erkenntnisse zu verarbeiten, oder können wir schon an Lösungen unseres gemeinsamen Problems arbeiten? Vielleicht bei einem Nachtmahl?“ fragte Onda belustigt. „Merle und ich sind nämlich sehr hungrig.“ Golo hätte jetzt gern seine Gedanken seine Gedanken in Ruhe geordnet, aber er sah ein, dass er sich der augenblicklichen Situation und ihren Erfordernissen stellen musste. Die Zeit des Nachdenkens würde später noch kommen.  

„Bindet sie los“, ordnete er an. „Aber -“, begann der Capitano, führte seinen Satz jedoch nicht zu Ende, denn Golos abwehrende Handbewegung erlaubte keinen Widerspruch. Er tat wie ihm geheißen, und kurze Zeit später rieben die beiden Frauen sich Handgelenke und Arme, streckten und dehnten sich ein wenig und nahmen dann auf  den Sitzkissen am Kaminfeuer Platz. Der Capitano beruhigte sich, als er sah, dass tatsächlich nichts Gefährliches geschah. Golo wies die Dienstboten an, ein abendliches Mahl in seinem Gemach anzurichten. Darüber hinaus schickte er aber auch einen Diener mit einer Kurzbotschaft über die Ereignisse zu Prinz Lasco. Diesen unheimlichen Frauen wollte er sich nicht mehr länger allein gegenüberstehen.

„Aus Eurer Bereitschaft, uns Gastfreundschaft zu gewähren, schließe ich, dass Ihr zu Beratungen über den Frieden bereit seid.“ Onda wärmte sich ihre Finger am Kaminfeuer. „Wie kann ich über Frieden berate, wenn ich nicht die Absicht habe, einen Krieg zu beginnen?“ konterte Golo. „Der Krieg wird kommen“, sagte Onda, und diesmal ohne rauen Spott, sondern mit heiserer Besorgnis. „Mein Bruder pflegt nicht danach zu fragen, ob die anderen Völker mit ihm Krieg führen wollen. Er hat eher die Angewohnheiten, sie mit seinen Männern einfach zu überfallen.“ „Was gibt es dann zwischen uns zu beraten? Wir können es wohl nicht verhindern, oder habt Ihr einen Plan?“ Golo hatte entdeckt, dass er zu Ruhe und Sicherheit zurückfand, wenn er in die Flammen schaute. „Einen Plan würde ich das nicht nennen“, sagte Onda, „es ist eher eine Idee, aus der sich mit Eurer Hilfe vielleicht ein Plan entwickeln könnte.“ Jetzt wurde Golo so neugierig, dass er Onda unwillkürlich ansah. Und wiederum fesselten ihre eigenartigen Augen seinen Blick. Auf einmal spürte er, dass es keinen Unterschied machte, ob er Onda oder das Kaminfeuer ansah – beides erfüllte ihn mit einer tiefen Wärme.

Inzwischen hatten die Diener Teller mit Brot, Butter und Wurst gebracht und Wein eingeschenkt. „Greift zu, stillt euren Hunger und lasst Euch das einfache Essen unserer Insel schmecken“, sagte Golo. Mit stiller Freude sah er zu, wie die beiden Frauen mit dem Essen begannen, Brot mit Butter bestrichen, dazu große Scheiben von der Wurst nahmen, Stücke abbissen und kauten. So entging ihm auch nicht, dass Merle mit großem Appetit aß, ihre Wangen sich röteten und sie sich wohler und wohler zu fühlen schien, während Onda nach den ersten Bissen von der Wurst ganz still und in sich gekehrt, geradezu nachdenklich wurde und die Wurst eher meditativ betrachtete, als dass sie von ihr aß. „Schmeckt Euch unsere einfache Kost nicht?“ fragte Golo. „Einfach? Ihr nennt das einfach?“ Aus Ondas Ausruf klang etwas heraus, das Golo bis dahin noch nicht bei ihr gehört hatte: Erstaunen. Onda fuhr fort: „Ich nenne das Magie in höchster Vollendung!“ Jetzt war es an Golo, erstaunt zu sein. „Das ist doch nur unsere Insel. So schmeckt eben die Wurst auf unserer Felseninsel, sie ist gewürzt mit den speziellen Kräutern der Insel“, sagte er.

„Und das Rezept für die Mischung dieser Kräuter stammt von Marvella“, sagte Onda. Golo begriff. Was für ihn und alle anderen Inselbewohner selbstverständlich war, war für Menschen von außerhalb etwas Besonderes: ihre Wurst, die so einfach, so köstlich, so typisch für die Insel war, hatte zugleich wegen all dieser Eigenschaften auch magische Kräfte.

„Das könnte uns helfen, den Frieden zu bewahren“, sagte Onda. Jetzt musste Golo herzhaft lachen. „Unsere Wurst als Friedensretter? Das müsst Ihr mir erklären.“ Onda antwortete mit einer Gegenfrage: „Habt Ihr Euch je gefragt, warum Rotbart mit seinen Männern eure Insel damals überfallen hat? Warum er schon so viele Raubzüge unternommen hat, warum er so reich ist und dennoch immer neue Beute machen will?“ „Nein, das habe ich mich nie gefragt“, sagte Golo. „Er wird Gründe haben, aber ich bin sicher, dass ich sie nicht verstehe.“  Onda legte den Kopf schräg und sah nachdenklich in die Flammen. „Ihr seid sehr weise, König Golo“, sagte sie. „Ich werde versuchen, Euch meines Bruders Not zu erklären. Mein Bruder ist getrieben von einer tiefen Sehnsucht, einem Wunsch, einer Vision. Er glaubt, er finde die Erfüllung seiner Sehnsucht, wenn er reicher und mächtiger wird als jeder andere König in unserer Hemnisphäre und wenn er schließlich Eure Insel des Schatzes beraubt hat, der die Menschen hier so glücklich und zufrieden macht. Deshalb wird er nicht aufgeben, bis er diesen Schatz gefunden hat“.

„Es gibt keinen Schatz auf dieser Insel!“ rief Golo ärgerlich aus, „er hat umsonst gemordet!“ „Ja, ich weiß“, sagte Onda, „Und ich habe versucht, meinem Bruder das zu erklären. Aber er will davon nichts hören. Er kann sich nicht vorstellen, dass Menschen ohne Macht und Gold glücklich sein können. Er WILL sich das nicht vorstellen“, fuhr sie fort, „denn dann müsste er zugeben, dass er die Erfüllung und den Sinn seines Lebens nicht zusammenstehlen, sondern nur als Geschenk empfangen kann“. Ihre Bernsteinaugen schienen sich auf Golos Anblick auszuruhen. „Was also schlagt Ihr vor?“ fragte er. „Mein Bruder muss Eure Insel kennen lernen“, antwortete Onda, „er muss erleben, was Eurer Leben ausmacht, warum Ihr so zufrieden und glücklich leben könnt. Anders wird er es nie verstehen“. „Oh, ich will ihn gern auf meine Felsenburg einladen“. Jetzt war es an Golo, zu spotten. „Aber ich bezweifele, dass er diese Einladung annehmen wird“. „Nein, freiwillig sicherlich nicht“, sagte Onda. Golo wurde misstrauisch. „Was wollt Ihr damit sagen? Erwartet Ihr, dass wir Euren König aus Eurem eigenen Land rauben? Diesem Risiko setzte ich meine Männer nicht aus“. „Das ist auch nicht nötig“, sagte Onda, „er ist bereits hier“. „WAS?“ Golo war aufgesprungen. Er konnte nicht glauben, richtig gehört zu haben.

„Ihr habt mich rufen lassen, Vater?“ Der junge Prinz hatte in diesem Moment den Raum betreten. Golo fasste sich wieder. „Dies ist mein Sohn Lasco“, stellte er seinen Sohn den beiden Frauen vor und fuhr fort, „Lasco, wir haben königlichen Besuch aus dem Reich des Nordens. Onda und Merle, Schwester und Tochter von König Rotbart, geben uns die Ehre“.  „Seid gegrüßt, Prinz Lasco“, sagte Onda und schenkte dem Prinzen ein warmes freundliches Lächeln, „ich freue mich, Euch kennen zu lernen und in Euch dem Angesicht Eurer verehrten Mutter zu begegnen“.  „Ihr kanntet meine Mutter?“ Lasco klang erstaunt – und auch sehr jung und verletzlich. „Wir sind uns nicht oft begegnet“, sagte Onda, „aber sie war eine der bemerkenswertesten Frauen, die ich je kennen lernen durfte“. „Warum seid Ihr hier?“ fragte Lasco, und er hörte sich plötzlich zornig an. „Wer hat Euch erlaubt, von meiner Mutter zu sprechen? Wollt Ihr uns verhöhnen? Es waren schließlich Eure Männer, die meine Mutter in den Tod geschickt haben“. „Wir kommen in friedlicher Absicht“, schaltete Merle sich in das Gespräch ein, „wir möchten verhindern, dass noch mehr Menschen sterben müssen“. „Ach, auf einmal entdecken die Menschen des Nordens ihre Friedensliebe? Seid beruhigt: Wir haben nicht vor, in einen Krieg gegen Euch zu ziehen. Lasst uns einfach in Ruhe und Frieden und verschwindet, dann ist alles in Ordnung“. Der junge Prinz war wirklich aufgebracht und betrachtete die fremde Prinzessin mit wütendem Blick.

„So einfach ist das leider nicht“, sagte Onda. „Ich fürchte, schon bald werden die Männer des Nordens schwer bewaffnet mit ihren Schiffen hier eintreffen. Sie wollen nämlich ihren König befreien. Sie glauben, Ihr hättet ihn entführt und würdet ihn hier auf der Insel gefangen halten“.  „Ihr wisst so gut wie ich, dass das nicht stimmt“, stellte Golo fest. Er wurde ungehalten. „Hättet Ihr die Güte, mir endlich zu erklären, was passiert ist und wo Rotbart jetzt ist?“ „Wir haben  ihm einen Trunk gereicht, der ihn für die Dauer unserer Fahrt hierher in einen tiefen Schlaf versetzt hat. Freiwillig wäre er wohl kaum mitgekommen, wie Ihr selbst vorhin so trefflich bemerktet“, sagte Onda, gewohnt spöttisch. „Und Ihr seid sicher, dass es den Frieden fördert, wenn seine Männer ihm folgen, um ihn mit Waffengewalt zu befreien?“ Auch Golo vermochte durchaus zu spotten. „Ja, es wird den Frieden fördern, wenn Rotbart seinen Kriegern erklärt, dass er hier auf der Insel euer Gastfreundschaft genossen und zu schätzen gelernt hat und dass er zu Eurem Freund geworden ist“. „Das wird wunderbar funktionieren“, sagte Golo und übertrieb ein bisschen mit seiner ironischen Heiterkeit,  „vor allem, weil Ihr ihn vorher nicht um seine Meinung gefragt habt“. 

„Ihr habt Euren Bruder gegen seinen Willen hierher zu uns gebracht?“ Lasco sah Onda fassungslos an. Dann wandte er sich zu Merle. „Ihr habt Euren Vater verraten? Pfui! Selten habe ich etwas so Abscheuliches gehört! Wie konntet Ihr nur?“ Ihm war die Entrüstung deutlich anzumerken. Für einen Moment senkte Merle beschämt und kleinlaut den Blick, schaute dann aber wieder hoch und blickte dem Prinzen trotzig in die Augen. „Ich wünsche mir nichts mehr, als dass mein Vater Frieden findet“, sagte sie, und ihre Stimme klang dabei leise, zitternd und sehr aufrichtig. „Doch er scheint getrieben und gehetzt, er glaubt, wenn er nur alle Schätze der Welt zusammen raubt, dann wird sich seine Sehnsucht erfüllen. Ich weiß nicht, ob der Weg, den Onda und ich gewählt haben, der richtige ist. Aber ich weiß, dass ich nicht mehr mitansehen kann, dass er andere Länder überfällt und ausraubt, denn mit jedem weiteren Land wird der dunkle Schatten auf seiner Seele größer. Meine Mutter starb schon kurz nach meiner Geburt, weil sie die Hartherzigkeit meines Vaters nicht mehr ertrug. Ich möchte doch nur, dass die Seele meines Vaters wieder rein und hell und leicht wird, dass er endlich glücklich sein kann, ohne anderen Menschen Leid zuzufügen. Findet Ihr das so falsch?“ Die Tränen, die in Merles großen dunklen Augen standen, lösten sich nacheinander und rollten ihre Wangen hinunter. Lasco  stand regungslos da und sah eine Weile wie gefesselt zu, wie Merles Tränen herabfielen. Dann plötzlich zog er ein blütenweißes Tuch aus der Tasche seines Wamses und hielt es Merle entgegen. Merle nahm das Tuch aus seinen Händen, tupfte die Tränen damit ab und schnäuzte sich geräuschvoll.  

„Ich glaube Euch, dass Ihr in bester Absicht gehandelt habt“, sagte Golo, „aber ich bin nicht glücklich über die Situation, in die Ihr uns alle gebracht habt. Rotbart ist gegen seinen Willen auf unsere Felseninsel entführt worden. Seine Männer sind unterwegs, um ihn zu befreien. Sie werden die Felseninsel zerstören, wenn wir nicht so schnell wie möglich seine Freundschaft gewinnen. Und die Chance, dass uns das gelingt, ist gering, da Rotbart keine Freunde, sondern nur Opfer kennt. Entspricht diese Zusammenfassung ungefähr dem Ernst der Lage, Onda?“  „Vollkommen“, erwiderte Onda, „daher sollten wir keine Zeit verlieren und Rotbart endlich hierher holen“. „Aber wo ist er denn?“ fragte Golo. „In unserem Schiff“, sagte Onda. „Unmöglich“, sagte Golo, „das haben meine Männer komplett abgesucht“. „Ach, sie haben auch den doppelten Boden gefunden?“ fragte Onda mit gespielter Überraschung, „das hätte ich Eurem Capitano gar nicht zugetraut. Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, König Golo: der Capitano erschien mir etwas einfältig“. Golo stimmte ihr zwar zu, aber war entschlossen, dies nicht zuzugeben. „Ich werde mich mit meinen Männern auf den Weg zu Eurem Boot in der Cala Calamita machen“, sagte er, „und mein Sohn wird Euch derweil ein guter Gastgeber sein“.  „Mit Verlaub, König Golo: ich halte es für keine gute Idee, wenn Ihr uns hier zurücklasst. Ihr solltet uns mitnehmen“, sagte Onda. „Und warum sollte ich das tun?“ fragte er gereizt. Onda dagegen ließ sich entspannt in ihr Sitzkissen zurückfallen, nahm sich noch ein großes Stück Wurst,  und sagte gelassen: „Ach, geht nur. Ihr werdet es schon noch merken“.

Golo drehte sich um und verließ wortlos den Raum. Ihm war unbehaglich zumute, denn sein Respekt vor Onda und ihren Fähigkeiten war im Laufe ihres Gesprächs mehr und mehr gewachsen. Aber er hatte das Gefühl, dass seit der Ankunft der beiden Frauen aus dem Norden das Gefüge seiner Felseninselwelt aus den Fugen geraten war und dass er nun deutlich machen wollte, wer das Sagen auf diese Insel hatte. Zusammen mit dem Capitano und einem Trupp seiner Männer machte er sich dann auf den Abstieg über den Klippensteig hinab zur Cala Calamita, wo das schwarze Schiff mit starken Seilen fest mit dem Ufer verbunden war und von Inselmännern bewacht wurde.

Das Deck des Schiffes bestand aus festgefügten Planken. Über eine Luke und eine kleine Leiter gelangte man in das Innere des Schiffes, das aus einem einzigen, leeren Raum bestand, dessen Boden ebenfalls von festgefügten Planken gebildet wurde. Da sie nun wussten, dass sich irgendwo ein Zustieg zu einem weiteren Deck befinden musste, suchten sie den Boden sorgfältig ab. Aber so sehr sie sich auch bemühten, sie konnten nichts finden. „Wir hacken den Boden auf“, sagte der Capitano. Golo nickte zustimmend. Die Männer nahmen Äxte und versuchten mit aller Kraft, den Boden aufzuhacken. Aber ihre Anstrengungen waren vergeblich. Das Holz, das unter ihren Tritten weich und nachgiebig erschien, widerstand selbst den stärksten Hieben von Golos Männern. „Bringt Onda hierher“, entschied Golo missmutig.

Als seine Männer nach einiger Zeit mit der rothaarigen Frau zurückkehrten, vermied Golo es, sie anzusehen. „Wenn Ihr die Güte hättet, uns die Öffnung zu zeigen?“ Golo versuchte, neutral zu klingen. „Ach, Ihr findet sie nicht?“ fragte Onda mit gespielter Überraschung. Aber die Frau tat, worum Golo sie gebeten hatte: Leichtfüßig schritt sie auf das Boot, tänzelte ein wenig hin und her und sagte dann: „Schaut doch – hier könnt Ihr eine Falltür sehen“. Wo Golo vorher nur durchgehende Holzbohlen wahrgenommen hatte, zeichneten sich nun deutliche Linien einer Falltür ab, und auch ein Ring zum Hochziehen war plötzlich sichtbar.  „Wie konntet Ihr das nur übersehen?“ Onda stellte die Frage mit einem breiten Lächeln. Golo lächelte säuerlich zurück. „Ja, wie konnten wir nur?“ Dann zog er mit einem Ruck die Falltür auf und leuchtete mit seiner Fackel in den darunter liegenden Raum. In einer Ecke lag eine zusammengekrümmte, reglose, aber nicht gefesselte Gestalt. „König Rotbart“, rief Golo laut. Aber die Gestalt rührte sich nicht. „Er schläft“, sagte Onda. „Das sehe ich“, sagte Golo gereizt. „Was muss ich tun, um ihn zu wecken?“ „Ihr könntet ihm ein Stückchen Wurst unter die Nase halten“, schlug Onda lächelnd vor. Wortlos gab Golo dem Capitano die Fackel in die Hand, befahl ihm zu leuchten und kletterte die steile Treppe hinunter in den Bauch des Schiffes. Er begab sich zu der zusammengekrümmten, leblose Gestalt und betrachtete sie: Ein Mann, sehr hochgewachsen, sofern man dies angesichts seiner liegenden Position beurteilen konnte, wirre rote Haare, die von vielen grauen Fäden durchzogen wurden, ein Bart, der seinem Träger den Namen gegeben hatte, aber inzwischen mehr grau als rot war, Beine wie Baumstämme, Arme wie knorrige Äste. Einzig die Haut um seine geschlossenen Augen wirkte auf seltsame Art zart und weich, wie die seiner Tochter. Er schien sich in einem todesähnlichen Schlaft zu befinden. „König Rotbart“, rief Golo erneut. Aber es erfolgte abermals keine Reaktion. Golo fasste Rotbarts Schulter und schüttelte ihn, erst sanft, dann fest. Aber nichts geschah. Golo richtete sich auf. Er war plötzlich zornig. „Onda, kommt sofort her!“ befahl er streng. „Macht diesem Spuk ein Ende!“

Nur ein kleines Zusammenzucken deutete an, dass Onda erschrocken war über Golos Ausbruch. Langsam und mit gleichmütiger Miene kletterte sie die Leiter hinunter und trat neben ihren Bruder. Sie bückte sich und hauchte ihm einen Kuss auf die Schläfe. Sofort schlug Rotbart die Augen auf. Er drehte sich um, richtete sich auf und warf einen Blick auf Golo und Onda. Die Verwunderung in seinem Blick wich einem jäh aufflammenden Zorn. „Was zum Teufel –“ „Es gibt keinen Grund zu fluchen“, unterbrach ihn seine Schwester, „ich habe dich auf die Felseninsel gebracht, damit du die Menschen hier kennen lernst und von ihnen erfährst, wie man glücklich lebt“. Golo fügte hinzu: „Seid mir willkommen, König Rotbart!“ Daraufhin stieß Rotbart einen weiteren wilden Fluch aus und rief: „Euer Volk wird mich in der Tat kennen lernen. Meine Krieger werden mir folgen und mich befreien, und wir werden Eure Männer, Frauen und Kinder niedermachen und Euren Schatz rauben. Euer Inselvolk wird von der Welt vergessen sein, sobald der Regen die Insel von Eurem Blut rein gewaschen hat!“

„Dich hierher zu bringen war allein meine Idee, König Golo hat nichts damit zu tun“, sagte Onda, in ihrer Sicherheit merklich erschüttert.  „Wenn Ihr Euch nicht als mein Gast betrachten wollt, steht es Euch frei, mit Eurem Schiff wieder nach Hause zu fahren“, sagte Golo, „ich habe nicht die Absicht, Euch gefangen zu halten, daher brauchen Euch Eure Krieger nicht zu befreien. Und wenn Ihr fahrt, vergesst bitte nicht, Eure Schwester und Eure Tochter mitzunehmen – ich hatte genug Ärger mit den beiden“. „Merle ist auch hier?“ Rotbart war außer sich vor Zorn. „Bringt mich zu ihr – sofort!“ „Wenn Ihr mir auf meine Burg folgen wollt“. Golo bewahrte äußerlich Ruhe, aber er machte sich große Sorgen darüber, wie die Situation und sein Volk zu retten wären. Zudem war er wütend auf Onda.

Langsam bewegte sich der Fackelzug den Felsstieg und schließlich den Burgberg hinauf. Oben angekommen, geleitete Golo Rotbart und Onda in den großen Saal, dessen bis auf den Boden reichende Fenster Richtung Osten zeigten. Diese ließen den Blick frei auf die Andeutung der ersten Morgenröte über dem Meer. Im großen Saal warteten auch Lasco und Merle. „Vater“, rief Merle und lief Rotbart mit ausgebreiteten Armen entgegen. Aber dieser hob abwehrend die Hände. „Auch du!“ rief er. „Auch du hast mit verraten. Ich habe keine Tochter mehr“. „Aber ich wollte doch nur, dass du Frieden findest“. Merle schluchzte. Lasco legte beschützend den Arm um ihre Schultern, drückte sie an sich und strich ihr tröstend über den Kopf. In seinem früher so finsteren und trüben Gesicht leuchteten nun Wärme und tiefstes Mitgefühl, was Golo trotz der misslichen Lage, in der sie sich befanden, mit großer Freude erfüllte. Von ähnlichen Empfindungen war Rotbart weit entfernt. „Weibische Dummheit!“ Rotbarts Gebrüll hallte von dem Deckengewölbe des großen Saals wider. „Frieden finde ich erst wieder, wenn die Inselmenschen – und du und deine Tante mit ihnen – erschlagen sind und ich mich des Schatzes bemächtigt habe“. „Dann werdet Ihr nimmer Frieden finden, auch wenn Ihr uns alle tötet, denn es gibt keinen Schatz auf dieser Insel“, sagte Golo ruhig. „Ich könnte Euch aber Frühstück anbieten – Ihr seid doch sicher hungrig nach der langen Reise“. „Ich werde erst einen Bissen zu mir nehmen, wenn ich diese Insel und ihre Bewohner in meiner Gewalt habe, das schwöre ich bei den Göttern des dunklen Land im Norden“. In Rotbarts Aussage lag eine feierliche Entschlossenheit, und die darin enthaltene Drohung wurde dadurch noch furchteinflößender.

In diesem Augenblick ertönte der Klang eines Horns – er zerschnitt die graue Morgendämmerung, schallte über die gesamte Felseninsel und durchdrang die Wände eines jeden Hauses auf der Insel. Golo, sein Sohn und seine Männer wurden blass. Sie alle wussten, was das bedeutete. „Die Wachposten haben die Schwarze Flotte am Horizont gesichtet. Die Männer des Nordens werden bald hier sein. Was sind Eure Befehle, Sire?“ fragte der Capitano. Golo sah ihn an und rang nach einer Antwort. Doch er wusste keine. Rotbart dagegen triumphierte. „Mein Wunsch geht schneller in Erfüllung als ich dachte. Auf meine Krieger ist Verlass. Sie werden mich noch heute befreien“. „Ihr seid mein Gast, König Rotbart, nicht mein Gefangener“, sagte Golo und nahm eine gefasste Haltung ein. „Ihr könnt meine Burg verlassen und Euch begeben, wohin ihr wollt. Wenn Ihr Eure Flotte am Hafen erwarten wollt, zeigen meine Männer Euch den Weg. Capitano, geleitet König Rotbart hinunter zum Hafen“, ordnete Golo an. Rotbart war vor Staunen erstummt. „Majestät, wenn Ihr mir bitte folgen wollt“, sagte der Capitano zu Rotbart, ohne auch nur einen Anflug von Unsicherheit oder Verwirrung zu zeigen. Golo war zum ersten Mal von ihm beeindruckt. Er hatte den Mann vielleicht doch unterschätzt.   

Nachdem Rotbart mit dem Capitano und der Garde mit schweren, lauten Schritten abgezogen war, war es auf einmal sehr still im Großen Saal, der langsam von der orangeroten Morgensonne mit goldenem Schein erleuchtet wurde. Golo blickte hinaus auf das Meer, das im frühen Sonnenglanz türkisblau schimmerte. Am Rand des lichten Meeres war nun auch für Golos inzwischen nicht mehr ganz so starkes Augenlicht erkennbar, dass eine Flotte aus schwarzen Segeln sich sehr schnell der Insel näherte. „Darf ich einen Vorschlag machen?“ fragte Onda leise. Der Klang ihrer Stimme ließ Golo aufatmen. Wortlos signalisierte er Zustimmung und neigte sein Ohr der rothaarigen Frau zu. Sie flüsterte ihm einige Sätze ins Ohr, die ihn offensichtlich erstaunten. „Seid Ihr sicher?“ fragte er ungläubig. Onda nickte stumm. „Warum sollte ich Euch erneut trauen?“ Golo hatte seinen Zorn noch nicht völlig überwunden. „Welche Alternativen stehen Euch offen?“ fragte Onda, und sie klang diesmal sehr demütig und besorgt.

Golo nahm sich die Zeit, nahe an eines der Fenster zu treten und das Herannahen des schwarzen Geschwaders zu beobachten. Die Schiffe hatten sich der Insel mit hoher Geschwindigkeit genähert – bis zum jetzt sonnenübergossenen Horizont war das Meer mit schwarzen Segeln bedeckt. Tiefe Beunruhigung erfüllte Golos Herz. Und doch hatten Ondas Worte verhindert, dass er mutlos war – ja, er fühlte sogar, wie eine aberwitzige Hoffnung in ihm hochstieg. Taugte Ondas Idee wirklich als Plan? Konnte das funktionieren?

„Lasco“, wendete er sich an seinen Sohn, „ich brauche deinen Rat“. Lasco, der immer noch den Arm um Merle gelegt hatte, wechselte ein paar Worte mit dem jungen Mädchen, die Golo nicht verstand. Er sah, dass Lascos Bemerkungen Merle zum Lächeln brachten, und er fühlte, dass zwischen den beiden jungen Menschen ein tiefes Einvernehmen entstanden war. Das machte ihn froh. Lasco ließ Merles Hand los und begab sich zu seinem Vater. Dieser schilderte dem jungen Mann Ondas Plan sowie die Vorgeschichte des Plans, die auch Lascos Mutter betraf, und er ließ dabei seine eigenen Befürchtungen und Sorgen nicht aus. Lasco blickte seinen Vater ernst und aufmerksam an; in seine klugen Augen war erkennbar, dass er den Schilderungen mit hoher Konzentration folgte und sich seine eigenen Gedanken dazu machte. Er stellte einige Zwischenfragen, ließ Golo aber ansonsten die ganze Geschichte in seinem eigenen Tempo erzählen. „Was denkst du dazu?“ fragte Golo seinen Sohn am Ende der langen Rede.

Der junge Mann antwortete nicht sofort, sondern dachte eine Weile nach. Dann sagte er: „Meine Mutter hat sich geopfert, um die Menschen auf unserer Felseninsel zu retten. Mit ihren Fähigkeiten hätte sie sich selbst vielleicht auch auf andere Weise retten können, doch sie hatte den Mut, das zu tun, was sie für die Menschen auf dieser Insel am besten hielt. Was also können wir tun, wenn wir es ihr gleich tun wollen? Und was sollten wir nicht tun? Erstens: Wir sollten nicht kämpfen, denn ein Kampf mit den Kriegern des Nordens ist nicht zu gewinnen; es würden lediglich viele unserer Männer sinnlos sterben. Zweitens: Wir können uns verstecken. Vielleicht finden sie uns nicht sofort, vielleicht könnten wir noch einmal ein paar Jahre unbehelligt leben. Aber wir würden in ständiger Angst leben. Drittens: Wir können uns auf das besinnen, was meine Mutter uns hinterlassen hat, und wir können unseren Verstand nutzen, um vielleicht eine dauerhaft gute Lösung zu finden. Und wenn wir das tun wollen, ist Ondas Plan eine gute Wahl. Wir haben Freunde und Verbündete aus dem Lager unserer Widersacher, die beide Seiten kennen und verstehen. Ich finde, wir sollten so vorgehen, wie sie vorschlagen, in der Hoffnung auf künftigen Frieden und Freundschaft zwischen unseren Völkern. Im Angesicht dieser Hoffnung fürchte ich den Tod nicht“. Die Augen des jungen Mannes leuchteten voller Energie und Lebensmut. Tiefer Stolz erfüllte Golo. Er legte die Hände auf die Schultern seines Sohnes. „Wir machen es so, wie du sagst, mein Sohn, künftiger König der Felseninsel“, sagte er. 

Dann rief Golo eilig alle Diener zusammen. „Geht hinaus und alarmiert alle Menschen auf der Insel“, befahl er. „Geht in jedes Dorf und sagt allen Bescheid, dass die Entscheidung unseres Schicksals bevorsteht. Entweder wir machen Frieden mit den Männern des Nordens oder wir werden von ihnen vernichtet. Lasco und ich werden alles versuchen, den Frieden mit ihnen zu verhandeln, und wir werden ihnen wehrlos, ohne Waffen, mit allen, die bereit sind, uns zu unterstützen, entgegentreten und ihnen schutzlos begegnen, damit sie unseren Friedenswillen begreifen. Aber alle Menschen auf unserer Insel – jeder Mann, jede Frau, jeder Greis – sollen und müssen selbst entscheiden, ob sie lieber unsere sicheren geheimen Höhlen aufsuchen wollen oder ob sie mit Lasco und mir gemeinsam unseren Wunsch nach Frieden bekunden wollen. Ich wünsche mir von Herzen, dass dieser Tag ein Tag der Freude wird und wir zusammen mit den Menschen des Nordens Wein und Wurst und Frieden und Freundschaft teilen können. Aber es ist ebenso möglich, dass dies unser letzter Tag auf unserer geliebten Felseninsel sein wird, dass wir alle unserem Ende entgegen gehen und die Männer des Nordens, blind zu sehen, was das Glück unserer Inselwelt ausmacht, unser Paradies auf ewig zerstören. Egal, wie ihr euch entscheidet – für das Überleben in den Höhlen und die Möglichkeit, einen Teil unserer Welt nach der Zerstörung in aller Heimlichkeit wieder aufzubauen, oder dafür, mit mir der Entscheidung in der Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Angst entgegenzutreten – ich liebe euch alle, Menschen der Felseninsel. Möge Gott uns allen gnädig sein! Sagt das den Menschen“, beschwor Golo seine Diener. Sie nickten ernsthaft und machten sich auf den Weg.

„Ich habe das so nicht gewollt“, sagte Onda leise. Ihre Stimme war brüchig und zitterte. „Macht Euch keine Vorwürfe“, sagte Golo. Er fühlte eine große innere Ruhe. „Wir wussten immer, dass die Nordleute irgendwann zurückkehren würden. Ihr wolltet Frieden stiften, und Ihr habt Euch dafür in große Gefahr gebracht. Das rechne ich Euch hoch an“. Lasco nickte zustimmend, sagte aber nichts. Er war wieder an Merles Seite getreten, hatte den Arm um sie gelegt und sah glücklicher aus, als er es je nach dem Tod seiner Mutter getan hatte.

Golo warf einen erneuten Blick aus dem Fenster. „Die ersten Schiffe der Schwarzen Flotte werden bald im Hafen vor Anker gehen“, sagte er. „Lasco, wir sollten jetzt hinunter gehen, um König Rotbart und seinen Männern zu begegnen. Wollt Ihr mich begleiten, Onda?“ „Ich werde an Eurer Seite sein – egal, was geschieht“, sagte Onda mit tiefem Ernst. Golo kam es seltsam vor, dass er sich angesichts der gefährlichen Lage auf einmal so geborgen fühlte. Bevor sie aufbrachen, packte Onda rasch ein Bündel mit Brot, Butter, Wurst und Wein zusammen. Dann eilten sie den breiten, mit Steinen gepflasterten Weg von der Burg den Berg hinunter zum Hafen hinab – Golo vorab, neben ihm Onda mit dem Bündel, gefolgt von Lasco und Merle, Hand in Hand.

Auf der Hälfte des Weges hielt Golo überrascht inne. Von allen Seiten, aus allen Dörfern strömten die Menschen zusammen. Sie warteten, liefen ihm entgegen, verbeugten sich, ließen eine breite Gasse für Golo frei, so dass er durch die Menge hindurch gehen und sich an ihre Spitze setzen konnte, und riefen: „Gott schütze unseren König Golo“. Golo durchschritt die Menge und Tränen der Rührung sammelten sich in seinen Augen. Alle Inselbewohner hatten sich hinter ihm versammelt. Niemand war in die sicheren Höhlen geflüchtet. Alle fühlten, dass dies die Entscheidung des Schicksals der Felseninsel war, die sie alle betraf. Golo war voller Freude und Liebe. Solche Menschen würden nicht vergessen werden, egal, welchen Schaden die Männer des Nordens anrichten würden.  

Vor ihnen, am Hafen, bot sich ein bedrohliches Bild. Rotbart hatte dort bereits schwer bewaffnete Soldaten versammelt, die ihm alle in Körpergröße und –kraft ebenbürtig waren, golden blendende Rüstungen trugen und in der Morgensonne rötlich schimmernde Schwerter emporhielten. Golo fühlte auf einmal, dass sich Ondas Hand in seine schob; er drückte sie sanft und spürte, dass ein bisschen Zuversicht – von ihm auf sie? Von ihr auf ihn? –  überging. Sie nickte ihm zu.

„König Rotbart“, rief Golo, „Mein Volk und ich treten vor Euch – ohne Waffen und mit friedlicher Gesinnung. Wir ergeben uns und unterwerfen uns Eurer Gnade“. Ein Aufheulen lief durch Rotbarts Krieger, die ihre Schwerter erhoben und sie mit Staccato-Rhythmus gegen ihre Brustpanzer schlugen. Das dumpfe „Tung-Tung-Tung-Tung“ ließ die Insulaner erzittern, aber niemand wich zurück, niemand senkte den Blick. Rotbart ließ ein lautes, freudloses Lachen ertönen. „Ihr glaubt, wir verschonen euch, weil ihr euch ergebt und keine Waffen tragt? Ihr Narren! Wir werden in eurem Blut waten und uns nicht darum scheren, ob ihr euch wehrt. Je weniger ihr euch zur Wehr setzt, umso eher können wir unsere Freudenfeuer entzünden“. Sein erneutes Gelächter ähnelte dem Gekreisch einer Hyäne.

Merle war totenblass geworden. „Vater, das darfst du nicht tun“, rief sie flehentlich. „Diese Menschen tragen keine Schuld an dem, was Onda und ich getan haben. Töte uns, aber verschone die Insulaner“. Rotbart ließ erneut ein höhnisch-kreischendes Lachen vernehmen. „Dich töten? Ha! Ich habe eine viel bessere Idee. Wir werden diesen blondgelockten Schwächling, der sich Prinz nennt, bei lebendigem Leib rösten, und du wirst den Braten anschneiden und mir servieren“. Merle schrie entsetzt auf und klammerte sich an Lasco. „Nie werde ich das tun, du Scheusal!“ brüllte sie ihren Vater an.

„Bruder Rotbart, es ist an der Zeit, dass du deinen Schwur einlöst“. Onda sprach zwar nicht laut, aber entschieden. „Was mischst du dich ein!“ herrschte Rotbart sie an. „Bruder Rotbart, du hast bei den Göttern des dunklen Landes im Norden geschworen, Golos Essenseinladung anzunehmen, wenn du die Insel und ihre Bewohner in deiner Gewalt hast“, half Onda seinem Gedächtnis nach. „Nun, die Inselbewohner haben sich in deine Gewalt begeben, die Insel gehört dir. Du musst deinen Schwur halten und jetzt frühstücken. Du willst doch nicht etwa deinen Schwur brechen?“

Diener hatten inzwischen ein kleines Tischchen herbeigeschafft, auf dem Onda die mitgebrachte Wurst, das Brot, die Butter und den Wein arrangiert hatte. Rotbart gab erneut ein freudloses Gelächter von sich. „Nichts lieber als das, meine geschätzte todgeweihte Schwester. Gern stärke ich mich noch, um mich dann mit ganzer Kraft an eurem gemeinschaftlichen Tod zu erfreuen“.  Diener schoben ein kleines Stühlchen an den Tisch, auf dem Rotbart sich niederließ. Er erhob den Weinkrug an die Lippen und trank in tiefen Zügen. „Ich gebe zu, der Wein ist köstlich“, sagte er mit widerwilliger Ankerkennung. „Wie schön, dass das alles nun mir gehört“.  Er schlug seine Zähne gierig in ein Stück Brot mit Butter und verschlang es. Schließlich nahm er ein Stück Wurst und betrachtete es nachdenklich. Er schien auf einmal seine Umgebung nicht mehr wahrzunehmen. Dann hob er das Stück Wurst an seinen Mund und biss hinein. Er kaute und schluckte. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Er nahm einen erneuten Bissen. Und einen weiteren. Mit jedem Bissen, den er von der Wurst nahm, wurde sein Blick weicher. Die Krieger des Nordens wurden unruhig und ließen ihre Schwerter durch die Luft tanzen. „Majestät, wir wollen beginnen. Unsere Schwerter sind hungrig, sie möchten Insulanerblut schmecken“. Aber Rotbart schien sie nicht zu hören, sondern durch sie hindurch zu blicken. Verwirrt sahen die Männer ihn an und ließen ihre Schwerter sinken.

Mit der Wurst in erhobener Hand schien Rotbart plötzlich erstarrt zu sein. Es war, als könne er den Blick nicht von der Wurst abwenden und sich auch nicht mehr bewegen. Nur die Veränderung in seinen Augen ließ erkennen, dass er überhaupt noch am Leben war. Seine Augen spiegelten das Durchlaufen einer Vielzahl widersprüchlicher Gefühle – Wut, Gleichgültigkeit, Einsamkeit, Angst, tiefe Trauer. Plötzlich liefen zwei Tränen seine Wangen hinunter und tropften auf den Boden. Er schloss seine Augen. Ein Sturm widersprüchlicher Gefühle zog nun über seine plötzlich sehr lebendigen Gesichtszüge. Ein krampfhaftes Gurgeln entfloh seinen Lippen und veränderte sich zu einem aus tiefster Seele kommenden Klagelaut. Immer lauter entwickelte sich dieser Ton, wandelte sich und wurde zu einem melancholisch-melodischen Gesang, so abgrundtief traurig und so überirdisch schön, dass alle Menschen ringsum – ob Krieger des Nordens oder friedliche Insulaner – davon vollkommen ergriffen waren und wie gebannt zuhörten. Dann brach Rotbart zusammen, krümmte sich auf dem Boden, und sein Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. „Vater“, rief Merle, rannte zu ihm und warf sich weinend über ihn. Inzwischen weinten alle mit, alle lagen sich in den Armen, niemand nahm mehr wahr, ob der Mensch, in dessen Armen er Trost, Geborgenheit und Wärme fand, ein Insulaner oder ein Nordmensch war.

Onda lehnte ihren Kopf erleichtert an Golos Schulter. Golo flüsterte ihr ins Ohr: „Ihr hattet Recht und ich bin froh, dass ich auf Euch gehört habe. Ich danke Euch!“ „Ich war mir der magischen Kraft Eurer Wurst sicher“, flüsterte Onda zurück, „die Magie der Wurst ist so stark – sie hätte meinen Bruder auch aus dem Schlaf geweckt. Wenn Ihr meinem Rat schon eher gefolgt wäret und ihm die Wurst unter die Nase gehalten hättet, hätten wir uns vielleicht die hässlichen Szenen mit ihm sparen können“. Golo wusste nicht so recht, ob ihm nach Lachen, Weinen oder Streiten zumute war. „Wie schafft Ihr das nur, dass ich mich – kaum, dass ich glaube, wir seien Freunde geworden – immer wieder neu über Euch ärgere?“ „Was kann ich dafür, dass Euch keine andere Reaktion zur Verfügung steht?“ erwiderte Onda. Da entschied Golo sich für das Lachen und fühlte sich unendlich erleichtert und befreit.

Nach einer langen Weile, in der Rotbart immer wieder von Trauer und Tränen überwältigt wurde, beruhigte er sich langsam und richtete sich mit Hilfe seiner Tochter auf. „Merle, was habe ich nur getan“, sagte Rotbart leise, „wie konnte ich dir das antun. Ich war dir ein furchtbar schlechter Vater. Verzeih, was ich gesagt und getan habe. Ich war nicht bei Sinnen“. Er drückte seine Tochter fest an sich. Dann ließ er sie los und wendete sich an seine Krieger. „Ich war nicht nur ein schlechter Vater, ich war auch ein schlechter König. Ich habe euch in zahllose Kriege geführt und dazu gezwungen, eure Hände mit dem Blut unschuldiger Menschen zu besudeln. Ich glaubte, es sei das Recht des Stärkeren, sich zu nehmen, was man sich nehmen kann. Aber jetzt habe ich verstanden, dass das falsch ist und dass das wahre Glück nicht im Habenwollen liegt. Das Recht und zugleich die Pflicht des Stärkeren ist es, das Recht des Schwächeren zu respektieren und zu schützen. Daher: Legt die Waffen nieder!“, sagte er mit entschiedener Stimme, „wir haben kein Recht, unsere Waffen in einem Land zu erheben, das nicht das unsere ist“. Alle gehorchten ihm sofort. Die Krieger hatten nach der erstaunlichen und heilsamen Veränderung, die Rotbart und sie selbst durchlaufen hatten, kein Verlangen mehr, einem anderen Menschen Leid anzutun.

„König Rotbart“, sagte Golo sanft, „wollt Ihr nun meine Einladung annehmen und mein Gast auf dieser Insel sein?“ „Es ist mir eine Ehre, wenn Ihr mich nach allem, was geschehen ist, überhaupt noch empfangen mögt“, antwortete Rotbart und neigte das Haupt. Golo lächelte. „Mir ist es eine Freude, dass nach all den Jahren endlich die Feindschaft zwischen dem Land des Nordens und der Felseninsel beendet ist. Als Zeichen der Freundschaft werden wir Euch von nun an jedes Jahr viele Kisten mit all den guten Gaben unserer Insel schicken, vor allem natürlich mit unserer Wurst, damit Ihr Euch daran freuen könnt“. In seinen Gedanken ging der Satz noch weiter: „… und damit Euch die Wurst auch weiterhin von dem Gedanken abhält, uns überfallen zu wollen“. Das sagte er aber nicht laut.

„Ich habe einen weiteren Vorschlag zur Festigung der Freundschaft zwischen dem Volk der Felseninsel und den Menschen des Nordens“, sagte Lasco. „Prinzessin Merle und ich –“, er stockte, „also – ich und die Prinzessin, wir würden gern – wenn auch mein Vater einverstanden ist“, er hielt inne und sah Merle mit einem hingebungsvoll verliebten Blick an, den sie ebenso liebevoll erwiderte. Er nahm Merles Hand, blickte Golo an, der lächelte und mit dem Kopf nickte, räusperte sich und sagte dann laut: „König Rotbart, ich bitte Euch um die Hand Eurer Tochter Merle“.  „Da Merle überaus einverstanden erscheint, gebe ich sie Euch zur Frau. So sei der Bund zwischen unseren Völkern durch Eure Hochzeit besiegelt“, sagte Rotbart. Er reichte eine Hand Lasco, die andere Golo, dieser nahm Merles noch freie Hand, und so standen die beiden Könige mit Prinz und Prinzessin zusammen, nun auch durch familiäre Bande vereint.

Lauter Jubel brach auf beiden Seiten, bei den Insulanern wie auch bei den Männern des Nordens aus. Hände streckten sich dem jungen Paar entgegen, die Menschen ließen  es hochleben, Glück- und Segensrufe erschallten.

Bei all der Freude und dem Lärm merkte Golo plötzlich, dass jemand fehlte. Er blickte sich um. Wo war Onda? Während das junge Paar Glückwünsche entgegennahm, zog Golo sich unbemerkt in den Hintergrund zurück. Er wusste, wo er sie suchen musste. Der Weg vom Hafen zur Cala Calamita war nicht weit. So schnell er konnte, begab er sich zu der Stelle, wo das Schiff, mit dem Onda und Merle gekommen waren, angelegt hatte. Das Schiff hatte bereits abgelegt und war schon einige hundert Meter entfernt. „Onda, kehr zurück“, dachte Golo, und er wusste, dass Onda ihn verstehen konnte. „Warum sollte ich das tun?“, hörte er Onda in seinen Gedanken. „Weil du mir gern widersprichst und ich nicht mehr einsam sein möchte, seit ich dir begegnet bin“, dachte Golo. „Ich kann dir widersprechen, wo auch immer ich bin“. Ondas Stimme konnte war auch in seinen Gedanken sehr spöttisch sein. „Das weiß ich. Aber ich möchte dich lieber ganz nah bei mir haben“, dachte Golo. „Außerdem“, fügte er in Gedanken hinzu, „gibt es hier auf dieser Insel eine köstliche Wurst. Wenn du sie weiterhin genießen möchtest, musst du hier bleiben, denn die jährliche Wurstlieferung geht nur an König Rotbart, und ich glaube nicht, dass er sie mit dir teilt“.

Diesmal hörte er keine Antwort von Onda, aber Golo sah, dass das Schiff eine Kehrtwende machte und der Felseninsel langsam wieder näher kam. „Ich freue mich, dass du wiederkommst“, dachte er. „Jetzt, wo ich meinen Schatz der Felseninsel gefunden habe, sollte ich wohl besser bei ihm bleiben und ihn hüten“, hörte er Onda sagen. „Meinst du mit dem Schatz mich oder die Wurst?“ fragte er sie in Gedanken. Er hatte auf einmal ihr Bild klar vor Augen – die wirren roten Haare, die Bernsteinaugen. Aber sie antwortete nicht. Sie lächelte nur.

Von Doro Roth

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