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Ferien Sommerurlaub vor der Haustür

Das Glück wartet an heißen Tagen gleich um die Ecke. Unsere Autorin fuhr ins nächste Freibad und übte die Kunst der Muße. Genau dafür sind die heißesten Wochen des Jahres gedacht, findet sie.

Frau mit Schirm

„Bin auf dem Balkon eingeschlafen … Es ist viel zu heiß zum Arbeiten!!! Kennst du ein schönes Freibad in der Nähe?“ Als diese SMS meiner Freundin Judith piept, hole ich erstmal Luft. „Die hat Sorgen“, empöre ich mich in Gedanken. Mich zwickt der Neid: Auf dem Balkon einschlafen … Mitten am Tag … Ich dagegen sitze an meinem überfüllten Schreibtisch – und gleite in einen wundervollen Tagtraum. Freibad! Allein dieses Wort setzt ein ganzes Erinnerungsfeuerwerk in Gang. Ich rieche Sonnencreme, Pommes rotweiß. Höre wieder das Klackern der Tischtennisbälle. Sehe mich als Mädchen mutig aufs Fünfmeterbrett steigen. Spüre Gras unter meinen nackten Füssen. Schmecke weiße Mäuse aus der Tüte.

Sonnenstrahlen linsen durchs Blätterdach. Da schweifen die Gedanken fast von selbst 

Draußen leuchtet ein knallblauer Himmel, die Luft flimmert vor Hitze. Wo ist eigentlich mein Badeanzug? Ob der noch passt? Und warum nur vom Sommer träumen, wo er längst begonnen hat? Kurzentschlossen packe ich Handtuch, Eistee und Flip-Flops in eine große Tasche und radle los, um die Freundin zum Baden abzuholen. Beflügelt vom wohligen Gefühl – gerade als Freiberuflerin! –, etwas total Verrücktes zu tun. An einem heißen Tag im Juli. Judith und ich finden tatsächlich noch einen Platz im Halbschatten einer Buche. Sonnenstrahlen linsen durchs Blätterdach. Ein Anblick, bei dem die Gedanken fast von selbst anfangen zu schweifen. „Die Chefin hat gestern nur über Selbstbräuner debattiert“, erzählt Judith. Gab wohl keine wichtigeren Themen, denke ich. „Da habe ich mir spontan einen Tag freigenommen.“ Sinnvolles kann ich aber auch von meinem Job nicht berichten: „In meinem E-Mail-Postfach landen nur automatische Abwesenheitsnotizen. Nichts bewegt sich.“ Doch wenn ich ehrlich bin, finde ich gerade überhaupt nicht, dass das ein Grund zum Jammern ist. Im Gegenteil. „Vielleicht ist das ja ein Zeichen! Ein Toast auf das Nichtstun!“, posaune ich triumphierend heraus und trage eine Extraportion Sonnencreme auf. Judith macht es sich auf ihrem Handtuch noch ein bisschen gemütlicher. „Kommenden Montag fährt meine Chefin drei Wochen an die Nordsee. Herrlich! Besonders für uns, die Übriggebliebenen im Büro. Das wird richtig nett“, erzählt sie grinsend. Wir glucksen glücklich in uns hinein und halten fest: Schlaue Menschen legen ihren Jahresurlaub sowieso nicht in den Juli oder August, sondern in die Vor- oder Nachsaison, um ihre freie Zeit gefühlt zu verlängern. Denn im Sommer passiert ohnehin nicht viel. Nur die sprichwörtliche heiße Luft hängt in den Büros. Weil erstens kaum jemand da ist und zweitens niemand bei 30 Grad im Schatten halbwegs vernünftige Entscheidungen treffen kann. Männliche Kollegen sitzen dann gern mal in Trekkingsandalen am Schreibtisch. Ganz Verwegene tragen kurze Hosen. „Als ob sie zu einer Grillparty gehen“, lästert meine Freundin, eine Stil-Verfechterin. Ich dagegen finde eine Portion Lässigkeit im Büro sympathisch. Wer zwängt sich denn bei so einer Hitze freiwillig in Anzug oder Kostüm?

Überall in der Stadt sehe ich jetzt leere Parkplätze. Sogar vor meiner Haustür 

„Das Leben läuft irgendwie in Zeitlupe ab, findest du nicht auch?“, fragt Judith tiefenentspannt. Ich nicke träge. Und plötzlich fällt mir auf: Überall in der Stadt sehe ich jetzt freie Parkplätze. Sogar direkt vor meiner Haustür. Supermärkte bieten nicht nur eine willkommene Abkühlung, sondern sind auch angenehm leer. Kein nerviges Geschiebe an der Kasse. Die Daheimgebliebenen aalen sich auf Liegewiesen und Balkonen. Sommerpause. Judith scheint meine Gedanken lesen zu können. „Keine Bundesliga mehr. Kein aufgeregter Mann, der pünktlich am Samstag um 18 Uhr vor der Glotze sitzen muss“, sagt sie zufrieden und rekelt sich wie eine Katze. „Jetzt kann er sich mal um den kaputten Liegestuhl kümmern.“ Immerhin hat er dafür nach dem EM-Endspiel am 1. Juli bis zum 27. Juli Gelegenheit. Dann fangen in London die Olympischen Spiele an. Aber bis dahin bleiben uns noch ein paar Wochen leere Zeit, faule Zeit. In England nennen sie die Sommerpause passenderweise „silly season“ (etwa: alberne Jahreszeit). Um das zu verstehen, brauchen wir nur den Fernseher einzuschalten: Uralt-Schinken auf allen Sendern. Sogar am „Tatort“-Sonntag laufen mindestens sechs Wochen lang nur Wiederholungen. Und um die Sommerpause im Bundestag zu überbrücken, erfanden kreative TV-Journalisten das sinnentleerte Sommerinterview mit Politikern in Freizeitkleidung an irgendeinem Badesee. Wer will das sehen? Dann doch lieber richtige „Sommerloch“-Geschichten. Die sind wenigstens lustig. Sommerpause heißt aber auch: keine „Zauberflöte“ und kein „Macbeth“ auf den Bühnen der Republik. Schade eigentlich. Doch auch die Opernhäuser und Theater gehen davon aus – vermutlich zu Recht –, dass ihre Liebhaber im Urlaub sind oder ihre Freizeit lieber draußen im Grünen verbringen. Die meisten Ensembles kehren erst ab September zurück. Ebenso schickt kein Verleiher gerade jetzt einen neuen Film in die Kinos, wenn der auch nur den Hauch einer Chance hat, ein Straßenfeger zu werden. Im Sommer flimmert nur die Hitze. „Dann machen wir hier ja alles richtig“, sagt Judith und zupft schläfrig an ihrem Bikini. „Endlich habe ich nicht dauernd das Gefühl, ein Kulturbanause zu sein.“ Sie setzt sich ihre Sonnenbrille auf und lässt ihren Blick gemächlich über die Liegewiese und die Schwimmbecken schweifen. „Soll ich uns ein Eis holen?“ Oh ja, bitte! Ich drifte davon. Die Freibadgeräusche bilden einen einlullenden Klangteppich. Wie früher als Kind. Wunderbare Zeitlosigkeit. „Lass locker. Bleib sitzen. Leg die Füsse hoch“, flüstert mir das Sonnenlicht zu. Ein Zitat des griechischen Philosophen Aristoteles fällt mir ein: „Die Glückseligkeit scheint in der Muße zu bestehen.“ Ein toller Gedanke: Nur in der (Sommer-)Pause ist der Mensch ganz bei sich. „Und was ist morgen?“, fragt Judith, als die Luft langsam abkühlt. „Keine Ahnung“, murmle ich. „Hast du noch einen Liegestuhl auf deinem Balkon frei?“