[Alt-Text]

Rettet die Nacht

Elektrisches Licht ist immer und überall verfügbar, dehnt den Tag ewig aus. Doch wir brauchen die Dunkelheit und sollten sie genießen. Nicht nur im Winter, sondern immer.

Mond

Automatisch tastet die Hand nach dem Öffnen der Haustür nach dem Lichtschalter im Flur. Nichts. Es bleibt schummrig. Also vorsichtig weiter in Richtung Wohnzimmer. Nichts. Kein Licht, kein Telefon, kein Fernseher. Der Strom ist weg. Doch die Frage, ob in der Küchenschublade noch Batterien für die Taschenlampe – wo ist die überhaupt? – liegen, wird beim Blick durchs Fenster auf einmal nichtig und klein: Es war noch nie so dunkel! Keine Reklametafeln, keine Straßenlaternen, keine hellen Bürotürme, die immer eine dunstige Lichtglocke über alles stülpen. Nur der Mond und die Sterne, die unbehelligt um die Wette leuchten können.

 

Kunstlicht stört den Takt der inneren Uhr

Plötzlicher Stromausfall im ganzen Viertel ist die einzige Zeit, in der wir noch echte Dunkelheit erleben. Erst ärgern wir uns darüber, dann hat es was von Abenteuer, und wir gehen zum gemütlichen Teil über. Denn das Leben in der Dunkelheit hat einen speziellen Reiz. So wie im Frühjahr die Lust nach mehr Licht und frischem Wind erwacht, erfasst uns in der Vorweihnachtszeit das Bedürfnis nach „Einmummeln“ und Bewahren. Seit Jahrhunderten erzählen sich die Menschen bei Kerzenschein oder Kaminfeuer Geschichten. Im feierlichen Schummerlicht lassen sie das Jahr Revue passieren, verbringen viel Zeit mit ihren Lieben und versuchen, die Hektik anzuhalten. Es kann kein Zufall sein, dass „Stille Nacht, heilige Nacht“ weltweit das beliebteste und bekannteste Weihnachtslied ist.

 

Wir brauchen die Dunkelheit. Unser Körper ist seit Tausenden von Jahren darauf programmiert, dass sich Nacht und Tag abwechseln, weil unsere Erde rotiert und um die Sonne kreist. Dieser Rhythmus spiegelt sich in „Uhr“-Genen, die jede unserer Zellen besitzt. Entzieht man Freiwilligen für mehrere Wochen das Kunstlicht, kehren sie zu einem uralten Schlafmuster zurück, ergab eine US-Studie. Erst liegen sie zwei Stunden wach im Bett, schlafen vier Stunden, sind erneut zwei Stunden wach und schlafen abermals vier Stunden. Und: In den Wachphasen scheint ihr Gehirn im Dunkeln zu meditieren. Ein „angstfreies Wachsein“, wie die Autoren der Studie das nennen. Doch dieses halb wache Schweben erleben wir heute nur noch, wenn wir es gezielt wollen.

Denn 1844 wurde in Paris auf der Place de la Concorde die erste elektrische Beleuchtung installiert. 1879 erfand Thomas Alva Edison die Glühlampe, 1886 kam der Wechselstrom – und gab uns die Macht, jeden Tag mit einem Fingertipp beliebig auszudehnen. Abgekoppelt von der Natur.

 

Über jede Stadt stülpt sich eine Lichtglocke

Zugegeben, die Helligkeit macht dunkle Gassen und Unterführungen, ungezählte Kellertreppen und viele finstere Parks und Parkhäuser deutlich sicherer. Angst im Dunkeln muss kaum mehr jemand haben. Wir setzen uns ihr sogar dosiert aus, indem wir Gruselfilme gucken, in die Geisterbahn gehen und den kurzen Adrenalinkick und das Kribbeln unter der Haut genießen – bis wieder jemand das Licht anknipst.

Zum Problem wird das Gegenteil, das Ausknipsen. Eine Kleinstadt mit 30 000 Einwohnern hellt den Nachthimmel in einem Umkreis von 25 Kilometern auf. Rund um die Erde reihen sich fast nahtlos „Lichtglocken“ aneinander, zeigen Satellitenbilder. Müssten die Heiligen Drei Könige heute dem Stern von Bethlehem folgen, kämen sie wohl nie beim Jesuskind an. Ein Fünftel der Menschheit kann die Milchstraße nicht mehr sehen, nur einer von 100 Menschen weltweit blickt abends in einen „unbefleckten“ Himmel.

 

Das hat Folgen: Laubbäume, die in der Nähe von Straßenlaternen wachsen, verlieren ihre Blätter zu spät und leiden stärker unter Frostschäden. Zugvögel verlieren durch die Dauerbeleuchtung die Orientierung. Ihre Reise in den Süden endet nicht selten an den Glasfassaden tagheller Bürotürme. „Towerkill-Phänomen“ nennen Forscher das mittlerweile. Singvögel wie der Buchfink fangen morgens bis zu 90 Minuten früher an zu trällern, weil der nächtliche Lichtmüll ihren Lebensrhythmus komplett durcheinanderbringt. Das belegen Studien des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen bei München. In einer einzigen Sommernacht verenden an einer Straßenlampe durchschnittlich 150 Insekten, schätzen Fachleute. Klingt nach nicht viel. Doch allein an Deutschlands Straßen stehen etwa sieben Millionen Lichtquellen. Und es werden stetig mehr.

1 2 3
Autor:
Sabine Knapp