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Yoga, Curry, Gelassenheit Voll im Trend: Buddhismus

Zwischen Sinnsuche und Lifestyle-Accessoire: Buddhismus-Begeisterung ist schwer en vogue! VITAL-Kolumnistin Verena Carl findet den sanften Asiaten ebenfalls sympathisch – mehr aber auch nicht…

Bettina hat einen auf dem Schreibtisch stehen, Nadja einen neben der Badewanne, und Susannes begrüßt den Besucher im Flur. Der eine stammt aus einem Ramschladen in Hamburg-Altona, der Zweite hat einen Langstreckenflug aus Vietnam hinter sich, der Dritte ist ein edles Stück aus dem Kunstkatalog. Trotzdem ist die Ähnlichkeit nicht zu übersehen: Den Schneidersitz, die hängenden Augenlider und den entrückten Zug um den Mund haben schließlich die meisten Buddha-Statuen gemein. Ob meterhoch im Thai-Tempel oder im Briefmarkenformat auf der Speisekarte vom Thai-Take-away.

Buddhas sind die Buddelschiffe des 21. Jahrhunderts. Vorbei die Zeiten, als der gedankenverlorene Klein-Asiate nur bei nepalreisenden Psychoanalytikern auf dem Schreibtisch stand. Buddha hat Wandteller mit Jahrszeitenmotiven verdrängt, Chianti-Korbflaschen und hölzernes Deko-Obst. Und er hat eine Message: „Du“, sagt der kleine Dicke sanft, „du, hier wohnt ein spiritueller Mensch, der im Hier und Jetzt lebt und sich auf der großen Achterbahn des Lebens um entspannte Gelassenheit bemüht.“ Und, möchte ich ergänzen: ein Mensch, der außerdem mit großer Wahrscheinlichkeit Currypaste im Kühlschrank und eine Yogamatte im Wandschrank hat.

Daran ist erst einmal nichts Verkehrtes. Weder an Yoga noch an Curry noch an entspannter Gelassenheit. Mir fallen da ein paar Weltreligionen mit merkwürdigeren kulinarischen Vorlieben und einem höheren Maß an Aggressivität ein. Auch dass Musiker, Schauspieler und Models ihre Hollywood- Villen mit tibetischen Gebetsfahnen dekorieren, geht in Ordnung. Wenn ich einer von denen wäre, ich würde auch mal den Dalai Lama auf meine Ranch in Montana einladen. Jedenfalls lieber als die Führungsriege von Scientology. Genauso okay finde ich es, mit dem Buddhismus zu flirten, ohne sich deshalb gleich auf Seelensuche ins Himalaja- Kloster zu begeben. Trotzdem: Auf meiner Fensterbank steht kein Buddha. Und das bleibt auch so.

Warum, das hat schon einmal jemand sehr treffend formuliert. Die amerikanische Dichterin Molly Peacock beginnt ihr Gedicht „Why I am not a buddhist“ mit den Worten: „Ich liebe das Begehren, den Zustand des Wollens, nachdenken, wie ich bekommen kann, was ich ersehne um ein Königreich in der Seele zu errichten, braucht es Begehren.“ Und weiter: „Das akute Verlangen nach Nusstorte ist belanglos im Vergleich zu Tod und Ewigkeit / aber das Kuchenstück auf dem Teller hat eine Bedeutung.“ Finde ich auch. Ich möchte meine Berg-und-Tal-Fahrten nicht gegen eine emotionale Tiefebene austauschen, möchte mich streiten und versöhnen, und wenn ich nicht von 25 bis 30 ständig Liebeskummer gehabt hätte, ich weiß nicht, ob ich jemals ein Buch veröffentlicht hätte. Starke Gefühle sind ein Treibstoff, Koffein für die Seele, Doping für die Gedanken. Ich will nicht auf Babybadewannentemperatur leben. Nicht mal, wenn ein Bronzebuddha am Wannenrand steht. Wie lange hört man einer Melodie ohne Höhen und Tiefen und Rhythmuswechsel zu, ohne dabei einzuschlafen? Mein Leben muss sich ja nicht anhören wie eine Wagner-Oper. Aber so ein bisschen Beethoven, so ein bisschen Red Hot Chili Peppers, das habe ich ab und an schon ganz gern.

Aber gut: Es gibt ja so einiges im Leben, das man sympathisch finden kann, ohne es sich zu eigen zu machen. Ich finde Gärten toll und würde trotzdem nie aufs Land ziehen. Ich mag Wollpullover, die so kuschelig sind, dass man darin wohnen könnte – aber deshalb gleich selber stricken? So halte ich’s auch mit der Fernost-Philosophie. Wenn ich Susannes Buddha begrüße, lege ich artig meine Hände zusammen und sage „Namaste“. Und dann hoffe ich, dass sie wieder mal einen Nusskuchen gebacken hat. Der ist übrigens toll. Ich glaube, er würde Molly Peacock schmecken. Und dem Dalai Lama auch.

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Verena Carl