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Kolumne Entspannen - schnell!

Alles muss immer schneller gehen – sogar die Pausen und das Loslassen. Vom totalen Relax-Stress bleibt niemand verschont, nicht mal VITAL-Kolumnistin Verena Carl und ihre kleine Tochter.

Entspannung

Mehr!“, schreit Helen. Meine Tochter liegt auf der zerwühlten Tagesdecke des Elternbettes und posaunt ihr Unglück in den Hamburger Abendhimmel. „Nein, Mäuschen“, sage ich mit meiner schönsten Gesprächstherapeutenstimme, „für heute ist Schluss.“ Es klingt wie: „Du, ich find’s total gut, wie angstfrei du hier über deine Gefühle sprichst.“

Höher, schneller, weiter

Helen ist nicht überzeugt. „Noch mal!“, quakt sie trotzig wie ein Dreijähriges, das noch nicht genug geschaukelt hat. Dabei ist sie eigentlich eine würdevolle, sechseinhalbjährige Erstklässlerin und hat solchen Kinderkram nicht mehr nötig. Ich sollte an dieser Stelle wohl erklären, worum es bei unserem Mutter-Tochter-Drama geht. Nicht etwa um eine weitere Folge „Prinzessin Lillifee“ auf DVD. Sondern: um eine Entspannungs-CD mit Geflöte und Vogelgezwitscher und sanften Suggestionen („Dein Leben wird von Tag zu Tag schöner“). Die soll helfen, wenn Kinder über Kopfschmerzen klagen.

Folge: Helens und mein Leben wird von Tag zu Tag anstrengender. Wir sind beide total verspannt im Hier und Jetzt. Erst mal haben wir tagelang keine Zeit gefunden, uns auf den Rücken zu legen und unseren Unterkiefer locker herunterklappen zu lassen. Und jetzt reicht Helen die Viertelstunde Instant-Entspannung nicht. Sie verlangt: mehr Übungen! Mehr Text! Höher, schneller, weiter! Und liegt damit, ohne es zu ahnen, voll im Trend: Sogar Entspannung wird in unserem beschleunigten Leben zum Stressfaktor. Früher gingen Damen von Welt sechs Wochen zur Kur, später kamen Wellness-Wochen, dann Wellness-Wochenenden, heute Day Spas.

Ruhe auf Zeit

Sogar bestimmte Yoga- Schulen bieten schon das Quickie-Programm für zwischendurch an – wer hat schon anderthalb Stunden Zeit, in seinen kleinen Zeh hineinzuatmen? Wir lassen uns beim Warten auf den Abflug auf dem Automatiksessel massieren, praktizieren im Stau Finger-Mudras für die Instant-Energie und schaufeln hektisch Zeit frei für Meditations workshops. Wahrscheinlich hat Helen den Stress mit der Entspannung schon mit der Muttermilch aufgesogen, ach was, mit dem Fruchtwasser. Zum Schwangerschaftsyoga kam ich immer mit hängender Zunge, und das war keine spirituelle Übung. Wenn wir es endlich mal schaffen, dann wollen wir Leistung sehen. Effizienz. Ruhe fürs Geld, Entschlackung für feinstoffliche Problem zonen.

Vom Berserker zum Buddha in sieben Tagen. Kürzer gesagt: „Mehr!“ Wir haben den Versuch tatsächlich wiederholt. Helen, ihr Bruder und ich im Elternbett. Die Schmeichelstimme hat geschmeichelt („Du bist ein ganz besonderer Mensch“), Henri, 4, hat sich beschwert („Mama, die Frau redet so viel“), dann ist er eingeschlafen. Helen hat sich in meinen Arm geschmiegt. Davon hat die Frau auf der CD zwar nichts gesagt, aber es war um Längen effektiver als Lungenfüllen und Atem-langsam-Auspusten.

Am nächsten Morgen sind wir alle sehr entspannt aufgewacht, nur mein Mann nicht. Der musste im Kinderbett schlafen, weil woanders kein Platz mehr für ihn war. Seitdem leidet er unter Nackenschmerzen. Es soll übrigens ein sehr gutes DaySpa geben in der Nähe seines Arbeitsplatzes. Vielleicht hat er ja mal eine halbe Stunde Zeit. Irgendwann in den nächsten fünf, sechs Wochen.

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Autor:
Verena Carl