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Kolumne von Verane Carl Hier kein Übergang

VITAL-Kolumnistin Verena Carl hat ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer Übergangsjacke: Die ist entweder zu kalt oder zu warm. Wann ist denn eigentlich der geheimnisvolle Moment des Übergangs?

Neues Leben

Zehn Jahre meines Lebens habe ich in München verbracht. Ich mochte die Stadt sehr, aber einiges blieb mir unverständlich bis rätselhaft. Manche Mysterien habe ich im Lauf der Zeit entschlüsseln können: etwa, was ein Fleischpflanzerl ist (nämlich ein Klops, eine Bulette) oder wie das Herz echter Münchner erobert werden will (an der richtigen Stelle das Wort „mei“ einfließen lassen, aber nicht zu oft). Anderes habe ich nach zehn Jahren immer noch nicht verstanden. Vor allem die Schilder an den Absperrgittern der Straßenbahnschienen. „Hier kein Übergang!“, stand darauf und direkt darunter das Wort „Übergang“. Wohl als Aufforderung, die nächste Lücke im Gitter ein paar Meter weiter links oder rechts zu suchen. Aber dann hätte ein Pfeil die Richtung andeuten müssen. Trotz meiner fruchtlosen Grübelei bin ich nie unter die Räder gekommen, sonst säße ich jetzt nicht 800 Kilometer weiter nördlich am Schreibtisch. Aber eines hat sich mir eingeprägt: Übergänge sind etwas Seltsames. Unfassbar, undefinierbar, nur durch Zufall zu finden, und nie weiß ich genau, auf welcher Seite des Übergangs ich mich gerade befinde. All das gilt auch und ganz besonders für die sogenannte „Übergangsjacke“, ein Kleidungsstück, das jedes Kind und jede erwachsene Frau besitzt.

Undenkbar, diese Jacke

Übergangsjacken, das haben uns unsere Mütter eingeschärft, sind unverzichtbar zu Beginn der kühlen Jahreszeit und zu Beginn der warmen. Sonst holen wir uns wahlweise „den Tod“ oder wenigstens „eine dicke Erkältung“, abhängig von Mamas Begabung zur Drama-Queen. Nur: Wenn ich im September morgens so gewandet das Haus verlasse, ist es, als hielte jemand ein imaginäres Schild mit der Aufschrift „Hier kein Übergang!“ hoch. Entweder ich beginne auf der Stelle zu zittern oder auf der Stelle zu dampfen. Jeden Herbst der gleiche Trend: Schwitzen ist das neue Frieren. Vielleicht gibt es ein, zwei Tage, an denen mich Mamas Lieblingskleidungsstück tatsächlich angenehm temperiert. Aber diese Tage abzupassen, ist genauso wie in München die Straßenbahnschienen zu über queren, ohne unter die Räder zu kommen. Glückssache. Wahrscheinlich liegt es im Wesen des Übergangs, dass er sich der Wahrnehmung entzieht. Beim Wechseln der Straßenseite, beim Wechseln der Garderobe, beim Wechseln des Familienstandes.

Übergänge sind besonders

Kinder bekommen ist auch so eine Sache: Wenn das 20-Zentimeter-Baby gegen die Bauchdecke bolzt, fühlt sich die stolze Schwangere schon voll und ganz als Mutter – und steht dann Monate später vor dem Ausgang der Klinik und blickt ungläubig in die Tragschale: Das ist meins? Das kann ich einfach so mitnehmen? Ähnliches passiert, wenn die Liebe kommt (oder geht) oder wenn wir uns entscheiden, unseren Verwaltungsjob gegen eine Yogalehrerausbildung zu tauschen. Nie können wir genau sagen, wo er stattgefunden hat, der Übergang. Weil wir äußerlich noch im alten Büro sitzen, aber innerlich schon im Ashram auf dem Kopf stehen. Warm anziehen hilft da nichts. Nur loslaufen. Und sicher sein: Irgendwann kommen wir schon sicher auf der anderen Seite an. Ob auf dem westlichen Bürgersteig der Dachauer Straße, in unserem neuen Leben oder in unserem Daunenparka mit Kunstpelz. Die Übergangsjacke meiner Tochter ist übrigens grün. Und sieht noch ziemlich unbenutzt aus.

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Autor:
Verena Carl