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Energie: Beauty Reine Kopfsache

"Ohne Silikon", "sulfatfrei": Immer häufiger wird so für natürliche Haarpflege geworben. Doch wie schädlich sind die Stoffe wirklich? Braucht der Kopf eine Detox-Kur?
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Trostlose Strähnen? Nein, danke!

Glauben Sie auch, Sie würden Ihren Haaren einen Riesengefallen tun, wenn Sie sie mal so richtig von allem Ballast wie Silikonen und Co. befreien? Und ihnen eine Detox-Behandlung gönnen? Anlass für den großen Kopfputz gibt es scheinbar genug. „Silikon lagert sich in den Haaren an“, „bei zu viel Pflege hängen sie kraftlos herunter“ – das hören wir immer wieder. Dabei tat Silikon bei den ersten 2-in-1-Produkten zunächst genau das, was von ihm erwartet wurde: Es schloss mikroskopisch kleine Lücken in der Schuppenschicht der Haare, sodass die Oberfläche glänzte, die Haare gut kämmbar waren und weich fielen. Weil Öl nicht wasserlöslich ist, konnte sich bei häufiger Benutzung aber immer mehr von dem Pflegestoff auf die Haare addieren. Die Folge: trostlose Strähnen. „Build-up“-Effekt nennen Fachleute dieses ungeliebte Phänomen, das auch heute noch oft zu beobachten ist – das behaupten nicht nur Kosmetikkritiker, sondern zum Beispiel auch der Hamburger Haarstylist Dimitris Dimitrakoudis.
 

Silikone können positiv sein

Wer deshalb pauschal Silikone ablehnt, macht es sich aber zu leicht. „Sie werden in Haarpflegeprodukten seit Mitte der 70er-Jahre eingesetzt“, erklärt Dr. Jeni Thomas. Sie ist Mitglied des Pantene Pro-V Hair Research Institute von Procter & Gamble. „Die Vielfalt hat seitdem enorm zugenommen. Heute existiert eine große Anzahl von Silikonen mit verschiedenen Eigenschaften.“ Leichte Moleküle würden z. B. für die Pflege von feinem Haar eingesetzt, während sich zum Glätten von dicken, widerspenstigen Mähnen eher komplexe Öle eignen. Als Stylinghilfe punkten Silikone, die nach dem Auftragen verfliegen: Bei Pantene wird auf Cyclopentasiloxane gesetzt, das die Nasskämmbarkeit ver­bessert, vor mechanischen Belastungen schützt und nach getaner Arbeit verduftet.
 

Silikone sparsam und richtig benutzen

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden sich die Aussagen der Wissen­schaftlerin Dr. Jeni Thomas und des Ham­burger Friseurs Dimitris Dimitrakoudis widersprechen. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, dass Schwarz­-Weiß­-Malerei auch bei diesem Thema nicht weiterhilft. Wie Dr. Thomas ist Dimitrakoudis überzeugt: Die Produkte müssen auf den Haartyp abgestimmt sein und richtig angewendet werden. Überdies darf die Schuld für ermüdete Haare ohne­ hin nicht allein dem Silikon angelastet werden: Fast alle modernen Repairsham­poos setzen sogenannte „Quats“ ein – posi­tiv geladene Teilchen, die sich an negativ geladene, schadhafte Stellen im Haar hef­ten wie ein Magnet an die Kühlschranktür. Auch hier kann es zu einem Stau kommen, wenn die Anziehungskraft der negativ geladenen Elemente im Haar größer ist, als es der Frisur lieb sein kann. Dann legen sich nicht nur so viele Quats ans Haar, wie es zum Ausfüllen einer spröden Stelle braucht – sondern noch weitere Schichten, die nicht mehr Glanz, sondern nur mehr Gewicht verursachen.
Wer vor diesem Hintergrund nicht mehr unbeschwert zu konven­tioneller Haarpflege greifen mag, wird zur Kasse gebeten: Produkte mit alternativen Pflegestoffen kosten in der Regel mehr, weil z. B. pflanzliche Öle erheb­lich teurer sind als synthetische. Dabei könnten wir auch konventionelle Produkte sparsam benutzen. In den allermeisten Fällen reicht es, Conditioner nur bei jeder zweiten oder dritten Haarwäsche einzu­setzen. Das schont Geldbeutel, Frisur und Umwelt. Schließlich enden die Produkte im Abwasser. So stellen Silikone die Was­serwerke durchaus vor Probleme, weil sie von den Bakterien im Klärschlamm nicht zersetzt werden. 
 

Ausspülen statt strapaziertem Haar

Neuen Zündstoff bekommt die Detox­-Diskussion durch Sulfate. Allen voran das Tensid Sodium Laureth Sulfate (SLS), es ist in Shampoos für stabilen Schaum und eine gute Reinigungsleistung verantwortlich. Sein Vorteil: Es beseitigt Glanz raubende Kalkrückstände. Doch es hat auch Nachteile. SLS wirkt so gut gegen Fett, dass es der Haut und dem Haar wertvolle Lipide entziehen kann. Außerdem wäscht es künstliche Pigmente stärker aus als andere Tenside, weshalb sulfatfreie Shampoos für gefärbte Haare die bessere Wahl sind. Zudem können hoch dosierte SLS-Shampoos auf sensibler Haut Irritationen auslösen. In der richtigen Dosis eingesetzt, versichert Dr. Thomas, würde SLS jedoch „sowohl sanft als auch effektiv“ wirken. Eine simple Lösung hilft in jedem Fall, die Kopfhaut vor potenziellem SLS-Stress zu bewahren: Das Shampoo sollte gründlich ausgespült werden – klingt banal, wird aber häufig vernachlässigt.
 

Der Haarpracht einen Gefallen tun

Das Team von Dr. Jeni Thomas hat seit letztem Sommer ohnehin einen anderen Ballast im Visier: Kupferpartikel aus dem Leitungswasser, die in die Haarfaser dringen und dort als Quelle für oxidative Prozesse die Eiweißbrücken im Haar und so seine Gesundheit angreifen. Die neue Produkt-Generation ist deshalb neuerdings mit Stoffen ausgerüstet, die diese Partikel eliminieren. „Die Entfernung oxidativer Mineralien ist für die Haargesundheit viel wichtiger, als wir bisher angenommen haben“, so Dr. Jeni Thomas. Auch aus Sicht des Münchner Dermatologen Dr. Wolfgang Niederdorfer lenkt die Silikon-Debatte vom wesentlichen Problem bei der Haarpflege ab. „Ich sehe weitaus häufiger mechanisch – etwa durch Hitzestyling – verursachte Schäden als eine Überladung der Kopfhaut und Haare mit Silikonen.“ Sein Rat: Um unseren Haaren wirklich Gutes zu tun, sollten wir das Einmaleins der Pflege beherzigen – nasse Haare nicht rubbeln, sondern ins Handtuch wickeln, nicht heiß föhnen, Glätteisen nur auf fast trockenem Haar anwenden, bei Sonne den UV-Schutz nicht vergessen. Wer sich daran hält und passende, Glanz gebende Produkte sparsam benutzt, tut seinen Haaren den größten Gefallen.