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Mai: Ein Monat für alle Sinne

Sonne auf der Haut. Blumendüfte kitzeln die Nase. Lustiges Vogelgezwitscher setzt sich in den Ohren fest. Der Mai ist nicht nur der Monat, in dem die Natur erwacht: Er ist ein Weckruf für unser Gespür. Schönes und Anregendes geschieht um uns herum – und auch in uns selbst.

Frau in einer Wiese

Auf einmal ist er wieder da. Einfach so. Wie ein alter Freund, der eine Weile weg war. Abgetaucht. Verschwunden. Brauchte mal eine Pause. Oder so ähnlich. Aber sobald er wieder vor der Tür steht, fragen wir uns, wie wir es ohne seine Gesellschaft überhaupt ausgehalten haben. Elf Monate warten! Musste das so lange dauern? Schon regen sich ganz leise die Schmetterlinge im Bauch. Vorboten der großartigen Glücksmomente, die sich einstellen, wenn unser Lieblingsmonat Mai endlich wiederkehrt.
Die Natur schwelgt jetzt in den schönsten Farben. Überall duftet es nach frischem Grün und zarten Blüten. Unzählige Vögel kommen zu einem fröhlichen Orchester zusammen. Endlich wird die Kleidung wieder luftiger, damit die warme Luft die Haut streicheln kann. Frischer Spargel und süsse Erdbeeren betören unseren Gaumen. Ein Fest für die Sinne. Noch immer streiten sich die Gelehrten dar über, wie viele Wahrnehmungskanäle wir überhaupt besitzen. Sind es fünf, acht, 13? Vielleicht mehr?
Klar: Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Tasten sind die „großen Fünf“. Aber was ist mit dem Gleichgewichtssinn, unserem Temperaturempfinden? Tickt da möglicherweise auch ein Zeit-Fühler in uns? Finden Sie es doch her aus! Selten macht die Sinn-Suche so viel Spaß wie jetzt, im Wonnemonat Mai.

Auf der Haut spüren wir es zuerst: Es wird Sommer 

An seinen besten Tagen überfällt uns der Mai mit einem wolkenlosen Himmel und 25 Grad – und das passiert völlig unerwartet. Cafébesitzer rücken eilig ihre Tische auf die Straße, Biergärten füllen sich. In den Stadtparks werden Picknickdecken ausgerollt, vor den Eisdielen bilden sich lange Schlangen. Plötzlich tummeln sich überall Menschen, die sich fröhlich ansehen, statt blind aneinander vorbeizuhasten.
Alles erscheint möglich, wenn die Sonne auf der Haut kitzelt, wir zum ersten Mal Riemchensandaletten tragen und unerwartet angelächelt werden. Überhaupt sehen alle Menschen irgendwie schöner aus. Oder bilden wir uns das nur ein, weil wir uns selbst attraktiver und lebendiger fühlen? „Lass dieses unbeschwerte Sommergefühl nie enden!“, möchten wir rufen.
Aber leider wird unser Freund Mai schnell zur Diva und schickt die Eisheiligen vorbei. Fiese Kaltluftfronten, die zwischen dem 11. und 15. Mai auftreten sollen. Allerdings zeigen Wetterdaten, dass diese Temperaturstürze meistens eher um den 20. Mai herum eintreten. Schuld ist wohl die Kalenderreform von Papst Gregor VIII. im Jahr 1582, bei der zwar alle Daten zehn Tage nach vorne geschoben wurden, die Eisheiligen aber nicht mitwanderten. Erfahrene Gärtner warten mit dem Pflanzen daher bis Ende Mai.
Tipp für alle, die früher frische Erde an den Fingern spüren wollen: Stiefmütterchen und Bornholm-Margeriten sind garantiert frostresistent.

Tanzen – die beste Art, seinen Körper zu fühlen 

Großartiger kann ein Auftakt kaum ausfallen: Mit dem „Tanz in den Mai“ begrüssen wir bereits am 30. April den neuen Monat. Die Feiernden kommen sich in fröhlicher Atmosphäre näher, bewegen sich zusammen im Takt der Musik. Auf dem Land tanzen die Menschen bis heute um ein Maifeuer oder einen Maibaum – meist eine Birke als Symbol der Fruchtbarkeit. Aus vorchristlicher Zeit stammt der Kult um die Walpurgisnacht, in der sich der mächtige Germanengott Wotan mit Freia, Göttin der Erde, vermählt. Dabei hatte die Namensgeberin Walburga, eine heilig gesprochene Äbtissin aus dem 8. Jahrhundert, eigentlich gar nichts mit dunklen Mächten zu tun. Wer auf die Idee kam, das Gedenken an Walburga auf den gleichen Tag – den 1. Mai – wie die sagenhafte Götter-Hochzeit zu legen, lässt sich nicht mehr nachvollziehen.
Übrig geblieben von dieser kultbeladenen Geschichte ist heute eine friedliche Nacht des Feierns, in der wir Spaß haben, flirten und literweise Maibowle trinken. Praktisch, dass das Ganze auf einen gesetzlichen Feiertag fällt. Der Tag der Arbeit wird übrigens auch in Frankreich, Schweden, Brasilien und Thailand begangen. Glückliche Fügung in diesem Jahr: Auch die kirchlichen Feiertage Christi Himmelfahrt und Pfingsten fallen in den Mai. Viel Zeit also für Ausflüge, Kurzurlaube und gemeinsame Spargelessen. Ach ja, auf keinen Fall den Muttertag am 8. Mai vergessen!
Tipp: Statt Schnittblumen zu kaufen, schenken Sie lieber ein kleines Bäumchen, das sie alle gemeinsam einpflanzen können.

Hören, sehen, riechen – am besten gleichzeitig 

Nein, kein Irrtum: Es liegt was in der Luft. Feine Duftspuren kitzeln die Nase, sobald wir vor die Tür treten. In den Vorgärten explodieren die Fliederbüsche in Lila, Pink und Weiß und verströmen ihren Duft. Rhododendren, Azaleen, Chrysanthemen und Hyazinthen blühen um die Wette auf, und irgendwo sprießt ein schüchternes Maiglöckchen. Die Bäume ziehen nach. Erst setzt die Kirschblüte ein, am Monatsende folgt die Apfelblüte.
Wilde Wiesen werden von Margeriten und goldgelbem Löwenzahn gesprenkelt. Die Rapsblüte verwandelt selbst triste Landstriche in leuchtende Sehnsuchtsorte. Erleben kann man sie am besten zu Fuß oder per Fahrrad. Und nebenbei profitiert davon auch die Gesundheit. Den passenden Soundtrack bekommen wir gratis dazu: Im Mai gerät unsere Vogelwelt außer Rand und Band. Während die einen noch singen, brüten andere schon. Kraniche füttern ihre Jungen, dagegen kehren Kuckuck, Neuntöter, Rohrsänger und Pirol erst jetzt zurück, was sie lautstark und ausgelassen kundtun. Der Naturschutzbund Deutschland empfiehlt Gartenbesitzern, im Mai keine Hecken zu schneiden, um die Brut nicht zu stören.
Tipp für mehr Vogelstimmen vor der Haustür: ein leicht verwilderter Garten mit etwas Unkraut, einem Komposthaufen und altem Herbstlaub, in dem nahrhaftes Kleingetier leben kann – als Futter für hungrige Schnäbel. Noch ein Tipp: auf Vielfalt achten. Statt Ziergewächsen einheimische Stauden, Blumen, Sträucher pflanzen, weil die eher als Futterquelle angeflogen werden. Auf einer Eberesche lassen sich beispielsweise bis zu 63 Vogelarten nieder, um von den roten Früchten zu naschen. Was für ein Ohrenschmaus!

Die Liebe verleiht den Sinnen Flügel 

Der Mai hat einen Ruf zu verteidigen. Laut Statistischem Bundesamt – kein Ort, an dem man so viel Romantik erwartet hätte – wird nur im Juli und August noch öfter geheiratet. „Im wunderschönen Monat Mai, als alle Vögel sangen, da hab ich ihr gestanden, mein Sehnen und Verlangen“, schrieb einst Heinrich Heine (1797–1856), offensichtlich mit Schmetterlingen im Bauch. Dabei handelt es sich beim „Wonnemonat“ eigentlich um eine Umdeutung, die auf Karl den Großen zurückgeht. Er führte im 9. Jahrhundert neue Monatsnamen ein und nahm das althochdeutsche Wort „Wunnimanoth“, also „Weidemonat“, da im Mai auch das Vieh den Stall verlassen darf. Landwirtschaft statt Lust und Liebe.
Sei’s drum, dieses besondere Kribbeln im Wonnemonat Mai ist viel zu romantisch, um nicht daran zu glauben. Wer jetzt seine Sinne öffnet, wird nicht nur empfänglicher für Flirtsignale, sondern strahlt auch mehr Sinnlichkeit aus. Sie haben Ihren Partner fürs Leben schon gefunden? Toll! Dann erinnern Sie sich jetzt mal daran, wie es war, als Sie frisch verliebt waren, an den Mai Ihrer Beziehung. Spüren Sie es? Das lässt das Herz gleich ein Stück größer werden.

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Autor:
Monika Dittombée