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Kolumne Silia Wiebe Wohnen in Mädchenfarben

Meine Wohnung ist ein Lebenszyklusanzeiger, sagt Autorin Silia Wiebe und lässt uns hinter ihre Fassade gucken.

Illustration Veronique Stohrer

Macht es deinem Mann gar nichts aus, in Mädchenfarben zu wohnen?“, fragte mich neulich eine Bekannte, die zum ersten Mal bei uns in der Küche stand. Unsere Küche ist pink. Ich finde das schön. Rot und Pink sind die Farben des Feuers, und in Küchen wird feurig gekocht. Mein Mann ist also ein Glückspilz, zumal es schlimmere Wohnsünden gibt als Tapeten in Pink. Als ich zwölf war, hing in meinem Zimmer ein Foto von meinem Musiklehrer und daneben ein Bild von Uschi Glas. Die fand ich cool. Als sie in der Pubertät schon aus repräsentativen Gründen verschwinden musste, schrieb ich wilde Zitate von Bertolt Brecht auf jeden freien Zentimeter Wohnfläche und nagelte getrocknete Rosen mit dem Kopf nach unten an die Wände. Immerhin: Entgegen dem Trend habe ich mir keinen weinenden Pierrot auf einer Mondsichel an die Lampe gehängt, und die traurige Lavalampe ließ ich ebenfalls aus. Zimmer sind Spiegel der Seele und Lebenszyklusanzeiger. Was mit 15 passt, geht mit 25 nicht mehr und ist mit 35 ein schlechter Witz. So wie Uschi. Mit 65 hole ich sie vielleicht wieder hervor.

Weil die Geschmäcker und Wohnstile so unterschiedlich sind, ist ein Blick in fremde Räume so aussagekräftig: Er verrät mehr über die verborgenen Befindlichkeiten unserer Freunde als vertrauliche Sommernachtsgespräche bei Rotwein auf dem Balkon. Bei Delphintoilettenpapier, Leonardo-Gläsern und IKEA-Gemälden wissen wir sofort Bescheid und geben direkt einen Punktabzug.

Unterm Strich hat allerdings jede Wohnung ihre Macken. Wenn ich Besuch habe, drücke ich beide Daumen, dass er nicht in Verlegenheit kommt, unsere Toilette benutzen zu müssen. Wir haben keine XXL-Badewanne, keine Fußbodenheizung und keine terrakottafarbenen Wände. Leider. Unser Bad ist ein klassisches Hamburger Altbau-U-Boot: so schmal, dass man den Bauch einziehen muss, um an der Toilette vorbei zur Dusche zu kommen. „Nicht so schlimm“, sagte die Wohnpsychologin, „entscheidend ist, dass sich das Bad nicht im Zentrum der Wohnung befindet, dann wäre das Element Wasser zu dominant.“ Und das wäre schlecht. Nach Feng-Shui sollte sich die Toilette außerdem weit entfernt von der Wohnungstür befinden, weil alles in ihrer Nähe dazu neigt, symbolisch weggespült zu werden. Die Wasserspülung der Toilette bewirkt nämlich unter anderem, dass das Chi, also die Lebensenergie, abfließt. Das ist noch schlechter. Bei uns steht die Toilette so nah an der Eingangstür, dass man mit einem Bein im Hausflur sitzt.

Sehr ärgerlich, denn im Grunde meines Herzens möchte auch ich für meine Wohnung gelobt und bewundert werden. Was mich tröstet: Ich habe herausgefunden, dass die Farbe Pink erst seit den 1920er-Jahren mit Weiblichkeit assoziiert wird. Zuvor galt sie wie ihr großer Bruder Rot als Zeichen für Leidenschaft, Blut, aktiven Eros und Kampf. Die Wohnpsychologin sagt: Wer seine Küche pink anmalt, stärkt die Männlichkeit des Partners. Super! Wieder mal alles richtig gemacht.

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Autor:
Silia Wiebe