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Kraft Sei gut zu dir

Geschieht dir recht, du dumme Kuh! Würden Sie das einer Freundin sagen, die wieder verlassen wurde? Sicher nicht. Aber mit uns selbst gehen wir oft hart ins Gericht. Besser wäre es, auch für das Ich verständnisvolles Mitgefühl zu entwickeln. Das macht stark und lässt innere Kritiker verstummen.
Sei gut zu dir

Das musste ja schiefgehen. Dir fehlt einfach der Biss. Jeder andere hätte diese Chance fürsich genutzt. Aber du…

Schon mal gehört? Garantiert. Wenn es etwas gibt, worin wir gut sind, dann in der Eigenart, uns selbst im Stillen für alles zur Schnecke zu machen, worin wir nicht gut sind. Unser ärgster Kritiker – sind wir selbst. Kristin Neff, Professorin für Psychologie an der Universität von Texas, USA, hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt. „Selbstkritische Gedanken sind eine Art innerer Dialog“, erklärt sie. „Weil er keiner sozialen Kontrolle unterliegt, machen wir uns dabei oft auf besonders brutale Weise fertig.“
Wir kritisieren uns selbst, um anderen zuvorzukommen. Gleichzeitig hängt Selbstkritik eng mit sozialer Kontrolle zusammen. „Sie zielt darauf ab, uns die Akzeptanz in einer Gruppe zu sichern“, hat Neff herausgefunden. „Als würden wir sagen: Ich komme dir zuvor und kritisiere mich selbst, bevor du es tun kannst.“ Und in einer Gesellschaft – einer sehr großen Gruppe –, die viel Wert auf individuelle Leistung legt, geben wir uns fast automatisch die Schuld, wenn wir selbst gesteckte Ziele (mal wieder) nicht erreichen.

Faire Ziele setzen

Dieses Verhalten ist allerdings auch Mittel zum Zweck. „Indem wir uns so unrealistisch hohe Ziele setzen und uns aufregen, wenn wir sie nicht erreichen, können wir subtil Gefühle der Überlegenheit verstärken, die damit einhergehen, dass wir überhaupt so hohe Standards haben“, sagt Neff. Einfacher gesagt: Wir ziehen uns selbst in den Dreck, um uns sagen zu können: „So hohe Ziele, wie ich sie mir stecke, da muss ja mal was schiefgehen. Und sonst bin ich viel toller.“
Studien belegen mittlerweile sogar, dass diese innere Haltung in echten Selbsthass umschlagen kann, etwa bei Essstörungen. Doch selbst wenn sie nicht krankhaft ausgeprägt ist, macht sie uns auf Dauer unzufrieden, ängstlich und unsicher. Auch Depressionen und Erschöpfung (Burn-out) treten bei krassen Selbstkritikern deutlich häufiger und ausgeprägter auf. Kristin Neff kennt das aus eigener Erfahrung. „Ich gab meiner Doktorarbeit den letzten Schliff“, erzählt sie in ihrem Buch. „Kurz zuvor war meine erste Ehe gescheitert. Ich war erfüllt von Scham und Selbstverachtung.“ Sie nahm an einem Meditationskurs teil. „Ich hatte gewusst, dass Buddhisten viel über die Bedeutung des Mitgefühls sprechen. Aber es war mir nie in den Sinn gekommen, dass Mitgefühl für sich selbst genauso wichtig sein könnte wie Mitgefühl für andere.“

Als Psychologin wusste sie zwar, wie wichtig das Selbstwertgefühl ist, kannte aber auch jene Fallen, in die Menschen tappen, um es zu erlangen und zu bewahren: Narzissmus, Vorurteile, selbstgerechter Zorn und Selbstbefangenheit. „Mir wurde klar, dass Selbstmitgefühl die Alternative war“, erinnert sich Neff an dieses Aha-Erlebnis. „Es bietet dieselben Vorteile wie ein hohes Selbstwertgefühl, aber ohne dessen Schattenseiten.“