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Persönlichkeit Wir können auch anders

Wir schaffen es nicht raus aus unserer Haut? Doch!, ermutigen uns britische Psychologen. Mit kleinen Veränderungen im Alltag küssen wir ungenutzte Teile unserer Persönlichkeit wach.
wir können uns ändern

"Sei einfach du selbst." Diesen aufmunternden Ratschlag nehmen wir gern an, wenn wir nicht genau wissen, was gleich von uns erwartet wird. Etwa bevor wir beim Gastgeber klingeln, auf dessen Party uns lauter fremde Menschen erwarten. Oder im Büro, bevor uns der Chef den neuen Kollegen vorstellt. Aber ist „ich selbst sein“ wirklich immer die klügste Wahl?

Der Arbeits- und Gesundheitspsychologe Prof. Ben Fletcher und die Entwicklungs- psychologin Prof. Karen Pine von der Uni- versity of Hertfordshire in Großbritannien hegen ihre Zweifel. „Ich bin immer be- stürzt, wenn ich höre, dass Leute anderen raten: ‚Sei einfach du selbst‘“, sagt Fletcher. Denn jedes Mal, wenn wir uns an diese Empfehlung halten, nutzen wir nur ein mickriges Zehntel unserer Persönlichkeit. Dieses harte Fazit ziehen Fletcher und Pine in ihrem Buch. Anders ausgedrückt: Wir agieren, so das Autorenpaar, charakterlich wie ein Handwerker, der versucht, alles mit dem Hammer zu reparieren – obwohl er einen gut sortierten Werkzeugkasten besitzt. „Ist der Hammer aber das Einzige, was Sie nutzen, schrumpft Ihre Welt zusammen, weil Sie am Ende bloß noch Nägel wahrnehmen“, erklärt Prof. Fletcher.
 

Der Alltag holt uns ein

Unsere Experten
Buch

Prof. Ben Fletcher und Prof. Karen J. Pine. Ihr Buch „Flex“ (University of Hertfordshire Press, 170 Seiten, ca. 12 Euro) gibt‘s bisher nur auf Englisch.

Momente, in denen wir mehr oder weniger frustriert einsehen mussten, dass unser Alltag eben nicht nur aus Nägeln besteht, haben wir – wenn wir ehrlich sind – alle schon mal erlebt: Wir werden z. B. für unsere zurückhaltende Art geschätzt, die uns aber bei der nächsten Gehaltsrunde leer ausgehen lässt. Unser „gesundes“ Misstrauen macht uns in jedem Verkaufs- oder Vertragsgespräch unschlagbar, nervt aber Freunde oder den Partner gewaltig. Jedem, der Hilfe braucht, greifen wir selbstlos unter die Arme – und fühlen uns am Ende ausgenutzt. Kurz: Es liefe besser für uns, wenn wir auch mal weniger „einfach wir selbst“ wären.
 
Aber warum fällt es uns so schwer, aus der Rolle zu fallen? „Die unbequeme Antwort lautet, dass unsere scheinbar bewussten Absichten in Wahrheit meistens eine Illusion sind“, erklärt Prof. Ben Fletcher. „Alte Gewohnheiten kidnappen unseren freien Willen.“ Wie bitte? Um das zu verstehen, ist ein kurzer Ausflug in die Gehirnkunde nötig: Pro Sekunde prasseln zehn bis zwölf Millionen Informationsfetzen auf uns ein. Die kann unser Denkorgan beim besten Willen nicht alle bewusst verarbeiten. Also trifft es unbewusst eine Vorauswahl und automatisiert diverse Denkprozesse. Deshalb können wir z. B. beim Radfahren telefonieren und uns beim Schuhebinden unterhalten.
 
 
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Autor:
Stephan Hillig