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Gefühl des Monats Willkommen im Jetzt

Wie die meisten von uns ist auch vital-Autorin Petra Harms mit ihren Gedanken noch im Gestern oder schon im Morgen. Bis sie eines Abends auf einer Parkbank landet. Und merkt: Achtsamkeit entspannt das Leben ungemein. Ein Essay über jenes Gefühl des Monats, das uns öfter ins Hier statt ins Dort versetzt.
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Neulich war die Stimmung in unserer Dachgeschosswohnung im Keller

Schlechte Laune – kann ja mal vorkommen. Der Job – bei beiden gerade ziemlich anstrengend. Dazu liegt der letzte Urlaub ein paar Monate zurück, und der unbeliebte Nach­bar hat mit seinem Gefluche und Gestümper am Klavier zur Gereiztheit auch noch das Seine beigetragen. Was tun in so einer explosiven Stimmung? Ein Räucherstäbchen der Sorte „Mönch, Mantra, Friedlichkeit“ anzünden und hoffen, dass beim Ritsch des Streichholzes nicht alles in die Luft fliegt? Ich bin an diesem Abend spazieren gegangen. Tür zu, ganz ohne Knallen, und raus. Während ich anfangs noch eher durch die Straßen tobte und vor mich hin schimpfte – möglicherweise fiel das Wort „Blödmann“ plus einer ganzen Reihe Synonyme –, wurde ich irgendwann ruhiger. Ich holte tief Luft und konnte plötzlich den Asphalt riechen, dann das Chicken Tikka vom Inder an der Ecke, schließlich zogen die letzten Spuren eines Duftes in meine Nase, der an glückliche Urlaubsabende auf einer griechi­schen Insel oder italienischen Piazza erinnerte. Und hatte ich zu Hause noch rotgesehen, konnte ich nach und nach auch wieder glückliche Kindergesichter wahrnehmen, den verknitterten Zettel am Laternenmast entdecken, mit dessen Hilfe ein Mann nach einer Unbekannten fahndete, die ihn so nett angelächelt hatte. Ich guckte zu, wie die schrullige Alte aus der Nachbarschaft plötzlich mit einem Lächeln und weißen Handschuhen angetan in einen polierten Mercedes stieg und schneidig aus der Parklücke scherte. Irgendwann landete ich im Park und fühlte die Kühle, die meine nackten Beine hochkroch. Die Vögel wurden leiser, das Gras feuchter, die Schatten unheimlicher. Während ich auf einer Bank leicht fröstelnd mit Aussicht auf Erkältung vor mich hin sinnierte, tat ich mir ein klitze­ kleines bisschen leid. Das störte aber nicht beim Atmen. Ein. Aus. Ein. Mit jedem Mal Luftholen waren etwas weni­ger selbstmitleidige Seufzer dabei. Und da fiel mir auf, wie selten ich einfach nur innehalte, statt zu agieren. Dieser Abend alleine mit mir und dem dunklen Grün hat etwas in mir wachgerüttelt. Ich habe ihn genossen, bewusst und mit allen Sinnen. Wie viele Dämmerstunden sind dagegen in Weingläsern verflossen, zwischen Buchdeckeln ein­ geklemmt, im Telefonhörer versendet und auf Fernseh­ kanälen verzappt worden? Es gibt natürlich längst einen Begriff für mein frisch entdecktes, konzentriertes Wahrnehmen – Achtsamkeit. Und jeder, der etwas auf sich hält, arbeitet zurzeit an seiner „Mindfulness“, dem New­-Age­-Begriff einer alten buddhistischen Idee: seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf das aktuelle Erleben zu richten, von Moment zu Moment. Und das, was wahrgenommen wird, nicht zu bewerten. Wer das jahrelang übt, so das Versprechen, der lebt zufriedener, und dessen Geist kann in den Zustand des absoluten Gewahrseins kommen – was mir persönlich deutlich zu spirituell klingt, ich will ja nicht gleich Karriere als Zen­Mönch machen. Wie bei jeder guten Idee wird auch diese durch inflationären Gebrauch natürlich ad absurdum geführt, etwa wenn Esoterik­-Coaches Duschen inklusive dem Nachspüren einzelner Tropfen propagieren oder zur intensiven Rosinenbetrachtung raten. Die Sache mit dem Hier und Jetzt und der positiven Lebenseinstellung allerdings – gekauft! Meine Park­-Episode hat mir gezeigt, wie gut es sich anfühlt, mal nicht zirkus­ reif mehrere Sachen gleichzeitig zu jonglieren. Auch wenn ich nicht zur Generation Internet gehöre, die quasi ab der Geburt online ist und den Zwei­-Finger­-Zoom beherrscht, bevor sie mit Löffel und Gabel umgehen kann, bin ich permanent abgelenkt. Während ich an diesem Artikel arbeite, habe ich zum Beispiel zwischendurch zweimal Kaffee gekocht, die Waschmaschine befüllt, den Kater mehrfach raus­ und wieder reingelassen, Schuhe online eingekauft, Blogs gelesen, E­-Mails beantwortet und ein romantisches Domizil in Paris gegoogelt. Ich stehe damit nicht alleine da, ganz im Gegenteil. Die meisten von uns sind offensichtlich nie gedanklich dort, wo sie physisch gerade sind, sondern springen permanent zwischen dem „Oh Gott, ich muss noch“ und dem „Momentchen, war da nicht noch was?“. Statt Rosinen­-Tête­-à­-Tête und langwierigem Dusch­ getröpfel habe ich deshalb für mich eine eigene Achtsamkeitsübung erfunden, um die ständige Mikrozeitreise zu stoppen. Ich achte jeden Tag ganz bewusst auf etwas Kleines, Schönes, so wie damals im Park. Das kann der Sonnenuntergang in Rot, Lila und Gold sein oder ein Blick auf die Gipfel der Alpen an einem klaren Tag. Das Rad­ fahren durch die Stadt ins Büro, der Duft von Kaffee, der morgens aus der Nachbarwohnung in unser Schlafzimmer zieht. Es kann ein Lob, eine Postkarte oder eine liebevolle Geste des Mannes nach einem Wortgefecht sein. Statt zu grübeln oder zu planen, denke ich jetzt an diese Mini­ Highlights, wenn ich am Ende des Tages im Bett liege. Ich höre dabei dem Rauschen der Pappel im Hof zu und blende alles andere aus. Die paar Minuten Achtsamkeit bringen vielleicht keine Erleuchtung, aber sie sorgen dafür, dass ich zur Ruhe komme und lerne, positive Momente viel mehr zu schätzen. Der beste Nebeneffekt: Bei uns im Dachgeschoss herrscht seitdem überwiegend Hochstimmung.

Petra Harms, 43. Die freie Journalistin und Autorin („Wohnideen aus dem wahren Leben“, Callwey, 224 Seiten, 29,95 Euro) lebt in München.

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