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Balance: Beziehungen Was mein Gesicht verrät

Das ist erstaunlich viel. Und auch kein Hokuspokus! Ein Experte erklärt, wie sich Charakter, Gefühle und Gesundheit zeigen. Und wie Sie selbst das "Lesen" lernen können.
Aus dem Gesicht ablesen

Punkt, Punkt, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht. So haben wir es als Kinder gezeichnet. Als Erwachsene sehen wir zwei dunkle Fenster über einem Torbogen, zwei Scheinwerfer und einen breiten Kühlergrill, eine knorrige Eiche im Wald – und entdecken Augen, Ohren, Nasen und Münder, wo keine sind. Gesichter faszinieren uns. Schauen Sie sich die Porträtfotos auf dieser und den folgenden Seiten an; sie werden zu Ihnen „sprechen“, ob Sie wollen oder nicht. Denn unbewusst beginnen wir sofort, in den Gesichtszügen zu lesen.

Die Augen sind das Tor zur Seele

Apropos sprechen: Dabei nutzen wir das Gesicht und seine Bestandteile wie eine Allzweck-Metapher, um andere Dinge auszudrücken: Die Augen gelten als Tor zur Seele. Wir verdienen uns eine goldene Nase, raufen uns die Haare, halten die Ohren steif, bieten anderen die Stirn, hän- gen an jemandes Lippen oder es steht auf der Stirn geschrieben. Und wer auf die rechte Wange geschlagen wird, soll als Christ auch die linke Wange hinhalten. Intuitiv verknüpfen wir bestimmte Gesichtsmerkmale mit recht eindeutigen Charaktereigenschaften. „Genau genommen sind wir alle Gesichtleser“, bestätigt Eric Standop, seit zehn Jahren professioneller Gesichtleser mit eigener Praxis in Karlsruhe. „Was ich tue und in Workshops vermittle, ist keine besondere Gabe. Ich verfeinere eine Fähigkeit, die wir alle besitzen, stimuliere gewissermaßen ein uraltes Wissen.“ Doch wozu genau befähigt es uns? Wie zuverlässig ist unser Gesichter- Radar? Sollte ich meinem Gegenüber offen und ehrlich sagen, was ich in seinem Gesicht lese? Und würde ich das umgekehrt von ihm wissen wollen?

Unser erster Eindruck trifft in 60 von 100 Fällen ins Schwarze

Paul Ekman, emeritierter Professor für Psychologie an der Universität von Kalifornien in San Francisco und einer der bekanntesten Forscher auf diesem Gebiet, mahnt zur Vorsicht: „In gewissem Sinne ist unser Gesicht so ausgestattet, das es am meisten lügt und am meisten verrät. Es kann also als Informationsquelle ziemlich verwirren.“ Das liegt auch daran, dass die 43 für unsere Mimik zuständigen Muskeln sage und schreibe 10 000 verschiedene Ausdrücke darstellen können. Trauen Sie sich zu, die sicher zu unterscheiden? Erstaunlicherweise stellten Verhaltensforscher jedoch fest, dass bestimmte Züge weltweit und kulturunabhängig verstanden werden. Dazu zählen Schmerz, Angst, Wut, Trauer, Ekel, Freude, Überraschung und Verachtung. Bereits Ende der 1970er- Jahre fanden Prof. Paul Ekman und sein Team außerdem heraus, dass wir diese starken Gefühle willentlich nur schwer unterdrücken können. Sie verraten sich durch die sogenannte Mikro-Mimik – Gesichtsausdrücke, die nur für Sekundenbruchteile auftauchen. Bewusst nehmen die meisten von uns sie nicht wahr. Gleichwohl kennen wir alle dieses diffuse Gefühl „Irgendetwas stimmt hier nicht“, das sich plötzlich während eines Gesprächs einstellen kann. „Wir spüren, ob uns jemand gerade etwas vorspielt oder nicht“, erklärt Eric Standop. „Bei mir selbst bewegt sich zum Beispiel beim Reden meine rechte Gesichtshälfte mehr als meine linke. Weil sich die Nervenbahnen im Rückenmark kreuzen, hat sich so über die Jahre die Verbindung zur linken, rationalen Gehirnhälfte verstärkt. Ich bin auch eher ein Logik-Mensch. Würde ich nun beim Reden versuchen, mehr die linke Gesichtshälfte zu bewegen, um emotionaler zu wirken, würden Sie das ziemlich schnell merken.“ Geschulte Kriminalbeamte können so im Verhör feststellen, ob ein Verdächtiger wichtige Dinge absichtlich verschweigt. Kommt Ihnen das bekannt vor? Richtig, Paul Ekmans Forschungen standen Pate für die amerikanische TV-Serie „Lie to Me“ (dt.: „Belüge mich“), die seit 2010 auch im deutschen Fernsehen läuft. Die Sache hat jedoch einen Haken. „Wie stark wir emotionale Gesichtsausdrücke maskieren oder modifizieren, hängt von kulturellen Regeln ab“, sagt Ekman. Als er amerikanischen und japanischen Freiwilligen Filme von Amputationen zeigte, verzogen zunächst alle angeekelt das Gesicht.

Unterschiede treten beim Lügen noch stärker zutage

Saß jedoch ein Versuchsleiter mit weißem Kittel und Klemmbrett mit im Raum – eine Autoritätsperson –, lächelten die japanischen Teilnehmer die blutigen Szenen einfach weg. Diese Unterschiede treten beim Lügen noch stärker zutage: Ihre beste Freundin würde Ihnen hierzulande sagen, wenn sie sicher weiß, dass Ihr Mann eine Affäre hat. In Asien, wo es in der Liebe viel stärker um gemeinsamen Werterhalt geht, würde sie eher antworten: „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.“ Dabei würde ihr Gesicht nicht verraten, dass sie flunkert – weil sie es nicht als Lüge empfindet. Möglich, dass unsere Skepsis gegenüber dem Gesichtlesen auch mit kulturellen Einflüssen zusammenhängt, also „typisch deutsch“ ist: Schließlich missbrauchten die Nazis vermeintliche körperliche Merkmale („Judennase“) für ihren Rassenwahn. Solche Erfahrungen bleiben im kollektiven Unterbewusstsein einer Gesellschaft haften. Wir können das Gesichtlesen deshalb nicht so unverkrampft und eher spielerisch sehen wie die Chinesen ihre Wissenschaft „Siang Mien“ oder die Südamerikaner ihre „Lectura del Rostrot“.

„Ehrliche Kommunikation“

Versuchen wir mal, unvoreingenommen an die Sache heranzugehen. Fakt ist: Auch wenn Freiwilligen in Studien ein Gesicht nur für ein paar Millisekunden präsentiert wird, treffen ihre Einschätzungen in 60 von 100 Fällen ins Schwarze. Zugegeben: Damit liegen sie nur zehn Treffer vor Kollege Zufall. Aber das ist Grund genug, nächstes Mal dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen. Bei jeder zwischenmenschlichen Begegnung haben wir Mühe, die zahllosen und teilweise sehr subtilen Informationen, die wir wahrnehmen, richtig einzuordnen: Wer steht da vor mir? Wie gut kennen wir uns? Worum geht es hier? Wie agiert „man“ in so einer Situation? Nicht zu vergessen: Warum bin ich so nervös? Wieso schwäche ich meine Argumente ab? Wo kommt meine Wut plötzlich her? Um zu verhindern, dass aufkochende Gefühle die Regie übernehmen, raten Kommunikationspsychologen, sich genau solche Fragen zu stellen. Die Miene unseres Gegenübers verrät uns vielleicht, wann es Zeit dafür ist. Passt sein Gesichtsausdruck nicht zur Situation oder zu dem, was er oder sie sagt, können wir Einfühlungsvermögen beweisen, indem wir unser Unbehagen behutsam thematisieren. „Ehrliche Kommunikation“, sagt Eric Standop, „darum geht es.“ Auch wenn ich das Gefühl habe, dass meine beste Freundin gerade flunkert? „Ja, das würde ich ansprechen. Und das sage ich jetzt nicht als Gesichtleser. Die beste Freundin ist es wert, offen und ehrlich mit ihr umzugehen.“ Das gilt auch für uns selbst: Niemanden kritisieren wir härter, niemanden betrach- ten wir so verzerrt. Dann kann es helfen, sich an die eigene Nase zu fassen (siehe Anleitung links). Unser Gesicht offenbart uns ungeschminkt, wie und warum wir wurden, was wir sind – Schicksalsschläge, die wir bewältigt, Entscheidungen, die wir getroffen haben. „Es vermittelt uns einen objektiveren Blick auf uns selbst“, sagt Eric Standop. Aber genauso wie wir ein Buch nicht nur nach seinem Einband beurteilen sollten, erklärt auch das Gesicht nicht alles. Es lädt uns jedoch immer ein, den Menschen dahinter kennenzulernen.