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Leben Was ist Luxus?

Fünf-Sterne-Leben zum Economy-Tarif: In Zeiten der globalen Sparwut können sich VITAL-Kolumnistin Verena Carl und ihre Freundinnen immer noch so einiges leisten. Und es muss nicht mal viel kosten.

Es ist wahr: Ich habe keine Nanny, keine Bügelfrau und keine Putzhilfe. Ich spiele nicht Golf, besitze weder einen Audi TT noch eine Bottega-Veneta- Handtasche und kann „Moët Chandon“ zwar korrekt mit hartem „t“ aussprechen, aber nicht bezahlen. Trotzdem bin ich eine Luxus-Frau. Wie ich seit gestern weiß.

Gestern nämlich habe ich mich mit einer Expertenrunde für alle Lebenslagen getroffen: meinen drei besten Freundinnen. Bei einer Runde Tapas hielten wir uns gefühlte dreieinhalb Minuten mit dem Thema „Finanzkrise“ auf. Danach war klar: Nadja und Susanne jammern auf hohem Niveau, Bettina und ich sind nicht betroffen, weil unsere Finanzkrise permanenter Natur ist. Bestes Beispiel: Trotz des sensationellen Wechselkurses fährt keine von uns zum Shoppen nach London. Die einen finden keinen passenden Termin, den anderen fehlen die Euros, mit denen man das günstige Pfund kaufen müsste. Interessant wurde es erst, als Bettina eine Frage stellte: „Was bedeutet für euch eigentlich Luxus?“ 

Susanne nannte das erste Stichwort: „Zeit“.

Nicht Jahr für Jahr nach dem Rhythmus eines Angestelltenjobs leben, sondern einfach mal Montag morgens mit einem Chai Latte in der Sonne sitzen. Übrigens eine Form von Luxus, die sich die meisten Mehrfach-Milliardäre nicht leisten können: Industriekapitäne oder Topmodels schwärmen nämlich höchst selten für ihre Yacht-Anlegeplätze in St. Tropez. Sondern jammern in jedes vorgehaltene Reporter-Mikrofon, dass ihnen Zeit für ihre Familie fehlt. Da hat es jede Mutter in der Babypause besser. Und jede Freiberuflerin, die wie Susanne mittwochs mal kurzentschlossen ans Meer fährt, weil sie ein bisschen Sand zwischen den Zehen spüren möchte. 

Nadja fiel etwas anderes ein: „Für mich ist es Luxus, meine Meinung zu sagen. Bei mir zu bleiben, auch wenn das für mein Gegenüber unangenehm ist. Oder  wenn es meine Chefin ist, die ich kritisiere.“ Unspektaktulär? Nicht in einer Zeit, in der sämtliche Großunternehmen mit einem dramatischen Kahlschlag drohen. Unerschrocken anzuecken, statt in Angststarre zu verfallen – das muss man sich leisten können. Und wollen.

Info

Protzen ist out: Laut einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Konsumforschung gaben die Deutschen bereits 2008 nur 1 Prozent ihres Budgets für klassische Luxusartikel wie Uhren und Schmuck aus. Trend im Krisenjahr 2009: Luxus zum Essen. Statt größerer Anschaffungen und teurer Restaurantbesuche werden gute Lebensmittel für zu Hause immer wichtiger.


Bettina warf den Begriff „Fantasie“ in die Runde.


Und meinte damit ausnahmsweise nicht die Trickkiste ihres aktuellen Liebhabers. „Früher habe ich mein ganzes Geld für Reisen ausgegeben“, erklärte sie, „jetzt reicht mir auch mal ein tolles Buch.“ Verständlich: Eine Fünf-Sterne-Reise im Kopf gibt’s fast zum Nulltarif, erfordert keine Malariaprophylaxe, und nachts schläft man sowieso am besten im eigenen Bett.

Wir bestellten Boquerones, Croquetas de Ave und Manchego-Käse nach und quatschten uns warm. Und wunderten uns, wie viel Luxus uns in Krisenzeiten doch geblieben ist. Selbstgebackenes Brot, eine Fußmassage vom Liebsten, ein Säugling, der zum ersten Mal acht Stunden durchschläft. Meine persönlichen Top Drei: meine Wohnung, von der man in zehn Minuten Fußweg sowohl den Elbstrand als auch die netteste alternative Einkaufsgegend Hamburgs erreicht. Die Tatsache, dass ich manchmal eine Kurzgeschichte schreibe, ohne zu wissen, ob sie hinterher jemand druckt, ob sie Geld bringt oder Anerkennung – einfach, weil das Schreiben mich glücklich macht. Und: eine Handvoll Freundinnen, mit denen ich mir jederzeit einen großen Teller Tapas teilen kann. Finanzkrise hin oder her.    

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Autor:
Verena Carl