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Psychologie Lernen sich selbst zu loben

Lob ist super. Doch erst, wenn wir uns davon unabhängig machen, finden wir zu unserem individuellen Glück.
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Starke Arme
Noch bevor sie den ersten Satz gesagt hat, spüren Sie, dass eine frühere Kollegin, die Sie zufällig treffen, nicht mehr dieselbe ist. Sie strahlt. "Ich hab's endlich gemacht", erzählt sie dann überglücklich. "Die Idee hatte ich ja schon länger. Jetzt bn ich mein eigener Herr mit eigenem Laden. Das hätte ich viel eher machen sollen." 

Vor Ihnen steht eine Frau, die etwas wiederentdeckt hat: ihre Einzigartigkeit. Etwas, das sie ausmacht, sie erfüllt und ganz bei sich sein lässt. Ein Mensch, der sich allen Unkenrufen zum Trotz zugesteht, endlich einem großen Traum nachzugehen, den er lange zurückgestellt hat.

So viel Elan steckt an. Und insgeheim spüren Sie, dass die nötige Energie auch in Ihnen schlummert. Doch aus irgendeinem Grund sehen Sie sich nicht in der Lage, sie zu nutzen. Warum, fragen Sie sich. Was hält mich ab, das zu tun, was ich wirklich will? Weiß ich überhaupt, wofür ich brenne? Die Malsachen stehen immer noch im Keller, obwohl ich mich doch schon längst für diesen besonderen Zeichenkurs anmelden wollte. Mein Alltag verläuft in geordneten Bahnen. Trotzdem spüre ich, dass mir irgendetwas Wichtiges fehlt. Weshalb? 

Diana Dreeßen, heute Coach und Trainerin in Buchholz bei Hamburg, gab an diesem Punkt, mit 39, ihren Job an der Börse auf. „Ich merkte, dass ich todunglücklich werden würde“, schreibt sie in ihrem Buch („Mach dich unbeliebt und glücklich“, dtv, 240 Seiten, 14,90 Euro). „Ich hörte eine leise Stimme in mir, die sagte: Diana, hör auf damit.“ Sie tat es. Sechs Wochen später trennte sich ihr Mann von ihr. „Damals habe ich gedacht, es tut sich ein Loch unter mir auf und ich falle rein“, erzählt sie weiter. „Ich stand beruflich und privat bei null.“

Das Erstaunliche: Gerade dann, wenn wir glauben, nicht tiefer sinken zu können, spüren wir sie plötzlich wieder, unsere Einmaligkeit. Sie ist das Licht am Ende des Tunnels, die Kraft die uns weitermachen lässt. So erlebte es auch Diana Dreeßen. Ein Gefühl, das sie lange ignoriert hatte, zeigte sich auf einmal glasklar: „Wir können unser Leben nur dadurch verändern, dass wir uns selbst verändern.“

Partnerschaft, Familie, Freunde, Beruf, ein gemütliches Zuhause – all diese Dinge brauchen wir. Aber die Devise „Es soll besser werden, aber am besten bleiben, wie es ist“ funktioniert nicht. Denn darin steckt der größte emotionale Hemmschuh der Einzigartigkeit: die Angst. Davor, das Vertraute hinter sich zu lassen. Vor dem Neuland, vor negativen Reaktionen aus dem Umfeld. Keine Frage: Wer zu sich steht, steht auch mal allein. Doch die Angst reicht tiefer. Je eher wir im Leben die Überzeugung entwickeln, dass wir nur dann akzeptiert und geliebt werden, wenn wir Teile unserer Persönlichkeit verdrängen, uns anpassen, desto schwerer fällt es uns, Potenziale, die in uns schlummern, noch zu erkennen. 

Schritt eins hin zu mehr Einzigartigkeit lautet daher: eigene Überzeugungen intensiv abklopfen, um der Angst den Nährboden zu entziehen. Denkfallen entschärfen, nennt das die Berliner Mentaltrainerin Sigrid Engelbrecht („Entfalte, was in dir steckt“, Ariston, 224 Seiten, 14,99 Euro). Hier die drei wichtigsten:

  • Es ist eben so. Je häufiger wir mit einem Verhalten schon gut gefahren sind, desto mehr „übersieht“ unser Gehirn in Zukunft Details, die klar dagegensprechen. Hinterher ärgern wir uns bestenfalls („Wieso habe ich nicht Nein gesagt?“). Schlimmstenfalls erkennen wir gar nicht, dass ein anderer Weg besser wäre. Treten Sie also innerlich einen Schritt zurück, wenn Sie ahnen, dass Sie mit Schema F nicht weiterkommen. Passen Sie Ihr Verhalten bewusst an.
  • Andere(n) sind/geht es viel besser. Klar, wir vergleichen uns. Wir bilden uns dann aber ein, genau zu wissen, wie unser Gegenüber tickt. Doch wir können in niemanden „hineingucken“, sondern sehen nur, was andere uns zeigen (wollen). Verletzt Sie ein Verhalten, bedeutet das weder, dass Ihr Gegenüber das so wollte, noch dass sich diese Person darüber klar ist. Sie bleibt jemand, der Wertschätzung verdient. Dazu gehört auch, konkret zu sagen, was Sie stört. Keine Pauschalurteile („Immer musst du ...“). Läuft es gut, ändert sich der andere. Aber: Dafür ist er verantwortlich – nicht Sie.
  • Entweder alles – oder nichts. Stets zu versuchen, sein Bestes zu geben, beschert uns zweifellos Erfolge. Doch wer die Messlatte zu hoch legt, kann sich darüber nicht mehr freuen. Die Perfektionismusfalle schnappt zu. Aus Angst zu scheitern fangen wir gar nicht erst an. Kennen Sie das? Dann finden Sie heraus, welche „innere Stimme“ Ihnen einredet, dass gut nicht gut genug ist. Würdigen Sie auch kleine Erfolge. 

Mit jeder Denkfalle, die wir so entschärfen, wird zusätzliche Energie frei. Schritt zwei hin zu mehr Einzigartigkeit lautet daher: ein gutes Gespür für diese Kraft entwickeln und sie in die richtige Richtung lenken. Dabei hilft eine besondere Achtsamkeitsmeditation mit starken inneren Bildern, die das Gefühl „Ich bin einmalig“ auch im Unterbewusstsein verankern. Besonders wirksam sind z. B. ein „inneres Feuer“, die Sonne oder eine hell leuchtende Kerze.

Doch wir ahnen: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Negative Gefühle wie Scham, Trauer oder Wut untergraben die Einmaligkeit, säen Zweifel, verleiten uns zum Aufgeben. Auch jene Bezugspersonen, die uns früh zu verstehen gaben, dass Einzigartigkeit nicht gefragt ist, haben wir verinnerlicht. Als innere Kritiker kapern sie unser Denken. Zu sich selbst stehen heißt daher auch: diese Schatten annehmen. Auch dabei hilft das „innere Feuer“.

Doch vor allem erhellt und erwärmt es einen Teil unserer Seele auch, den wir viel zu selten wahrnehmen. Diana Dreeßen nennt ihn „Kompetenzraum“. Dorthin können wir uns z. B. bei Rückschlägen zurückziehen, wenn wir unsicher werden: Wie sah noch mal dieses Selbst aus, zu dem ich stehen will? Dort können wir es wieder spüren. Wir brauchen nicht länger Bestätigung oder Ermutigung von außen, sondern finden beides jederzeit in uns selbst. Das ist kein rücksichtsloser Egotrip. Im Gegenteil: „Wenn wir selbst anders denken und handeln, müssen auch die Menschen um uns herum anders mit uns umgehen“, ermutigt Diana Dreeßen. Wie von selbst scheinen sich dann viele Dinge zum Guten zu wenden. Einzigartigkeit kommt eben an. Was wir selbst spüren, reißt auch andere mit.