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Kolumne Verena Carl über Heimatliebe

Zwischen Weißbierwerbung und Schützenverein, wohliger Zugehörigkeit und spießigen Stammtischreden: Die meisten Menschen sind ihrer Heimat in inniger Hassliebe verbunden. VITAL-Kolumnistin Verena Carl gleich mehrfach.

Heimatgefühle

Einige Dinge sind so groß, dass ich weit zurücktreten muss, um sie im Ganzen zu erkennen. Manchmal braucht es dazu sogar einen Ozean. So ging es mir, als ich vor vielen Jahren ein paar Monate in den USA verbrachte und in der „New York Times“ vom Umzug der Bundesregierung nach Berlin las. Der Reporter berichtete verwundert, dass eine Blaskapelle („Oompah-Band“) gespielt hatte. Zu essen gab es „Wurstel“. Kein halbmilitärischer Pomp, kein Staatsbankett. Rechts in der Hand die Zeitung, links die Tall Lowfat Vanilla Latte im Pappbecher, fühlte ich mich plötzlich sehr deutsch. Das war nicht unangenehm. Weil mir Amerika plötzlich zu groß, zu laut, zu pathetisch schien. Ich sehnte mich heftig nach Würstchen mit Blasmusik. Nach Spielmannszügen, Gartenzwergen und Strandkörben. Nach Heimat. Das war 1999.

Was genau ist eigentlich Heimat?

Seitdem hat ein fröhlicher Hawaiiketten-Patriotismus unser Land ergriffen, ohne peinlich kraftmeierisch zu werden. Deutsch sein ist okay, darauf können sich viele einigen. Aber: Kann ein ganzes Land Heimat sein? Höchstens, wenn ich sehnsüchtig über den Atlantik schiele. Von Nahem ist es komplizierter. Ich gehöre zu einer Generation mobiler Menschen. Meine Mutter hat thüringische Eltern, durch den Krieg mussten sie umziehen. Sie wurde in Berlin geboren und landete in Süddeutschland; ich bin in Freiburg aufgewachsen, habe in München studiert und bin vor Jahren nach Hamburg gezogen. Weil mir ein Job gefiel und die Stadt auch. Was bin ich nun: Freiburgerin – obwohl ich dort keine Verwandten mehr habe? Ex-Wahlmünchnerin? Hamburgerin?

Heimatgefühle oder Abenteuerlust?

Meistens stört mich das kein bisschen. Unter meiner gesamtdeutschen Patchworkdecke kann ich es mir überall gemütlich machen. Ich bekomme Heimatgefühle, wenn im Schwarzwald die Bächlein am Wegesrand gluckern; wenn ich in meinem Hamburger Schlafzimmer die Nebelhörner von der Elbe höre; wenn ich mit der S-Bahn durch den Berliner Grunewald fahre, wo meine Mutter im Kinderwagen spazieren geschoben wurde. Und der bayerische Exil-Metzger in unserem Einkaufszentrum bereitet hervorragende Weißwürste zu. Nur manchmal, da macht es mich nicht satt, dieses heimatliche Fingerfood. Dann beneide ich meine Halbschwestern, die schon ihr ganzes Leben in einer bayerischen Kleinstadt verbringen. Die bei der Kirchweih ihren alten Grundschullehrern begegnen und mit ihren Kindern auf Biergartenbänken sitzen, auf denen sie selbst vor 30 Jahren Fanta ausgeschüttet haben. Andererseits: Jedes Jahr die gleiche Oldie-Band beim Feuerwehrfest?

Vertrautes Neues

Vielleicht sollte ich es halten wie mein Freund Frank: Auch er ist ein rastloser Umzugskistenpacker und Jobnomade. Einmal im Jahr fährt er allein für ein paar Tage auf eine Nordseeinsel. Ein Fixpunkt, mit den immer gleichen Dünen, dem immer gleichen Leuchtturm, an dem er einen wichtigen Menschen trifft: sich selbst. Auch eine Art Heimat: ein Spiegel, der immer gleich bleibt, obwohl sich das eigene Spiegelbild darin verändert. Ich wüsste schon, welche Insel ich mir für ein solches Lebensprojekt aussuchen würde. Leider ist sie weit weg und das Leben dort teuer. Sie hat ziemlich viele, ziemlich hohe Häuser, ziemlich gelbe Taxis und gehört zu einer ziemlich großen Stadt. Ihr Name? Manhattan.

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Autor:
Verena Carl