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Reiseliteratur Urlaubslektüre auf dem Prüfstand

Egal ob prämiert oder vom Ramsch, Vital Kolumnistin Verena Carl unterscheidet zwei Sorten Bücher: die, die zu uns passen, und den Rest. Drei passende packt sie in ihren Urlaubskoffer.

Reiseliteratur

Die schönsten Reisen meiner Kindheit habe ich mit dem Bücherbus gemacht. Das grüngraue Ungetüm parkte jeden Mittwochnachmittag auf dem Schulhof in Freiburg-Littenweiler. Wer einstieg, hatte grenzenlose Auswahl: ein Ticket ins Mittelalter, zum Urmel auf die Südseeinsel Titiwu oder one-way nach Lönneberga. Zwei bis drei Trips schaffte ich mit Leichtigkeit. Jede Woche.
Dieses Lesetempo ist passé. Zum einen, weil meine Kinder mich als Vorleserin engagiert haben: Wer das Abc noch nicht beherrscht, braucht eine Reiseleiterin für Titiwu und Lönneberga. Zum anderen, weil ich mit Schreiben mein Geld verdiene, nicht mit Lesen. Wenn ich dann Zeit habe, etwa im Sommerurlaub, suche ich meine Reisebegleiter sorgfältig aus. Nicht danach, ob sie Preise gewonnen haben oder ein paar Herren sie im Feuilleton als Entdeckung feiern. Sondern danach, ob sie mir was zu sagen haben.

Manche Literaturkritiker behaupten, es gebe so etwas wie gute und schlechte Bücher. Das ist ein Irrtum und in etwa so erhellend wie die Behauptung, es gebe gute und schlechte Menschen. Natürlich gefällt mir eine raffiniert erzählte Geschichte in erfrischender Sprache besser als eine Anhäufung von Klischees. Aber das sagt noch wenig darüber aus, ob ein Buch mein Herz gewinnt. Die Magie des Lesens entsteht meiner Meinung nach erst dort, wo ein Buch und ein Mensch zusammentreffen, die sich verstehen. Wo jemand eine Gedankenwelt aufschließt.
Ich bin sicher: Keine zwei Leser lesen genau das gleiche Buch. Weil jeder dieses unbekannte Land auf seine Weise erobert, es mit seinen eigenen inneren Bildern bestückt. Wer das nicht glaubt, muss nur mal auf der Seite eines großen Online-Buchhändlers Bewertungen lesen: Die gleiche Geschichte, die den einen für zwei Tage ans Sofa fesselt, stuft der andere als Fall fürs Altpapier ein. Manchmal entspinnen sich daraus so erbitterte wie sinnlose Diskussionen. Recht hat keiner.

In der Liebe läuft es genauso: Ein Kerl mag den Körper eines Surfers und das Hirn eines Quantenphysikers haben und trotzdem nicht der Richtige sein. Weil der vielleicht eher klein und kahlköpfig ist und Physik in der 11. Klasse abgewählt hat, aber im richtigen Moment Fragen stellen kann und im richtigen Moment umarmen und außerdem ein hervorragendes Thaicurry kocht.
Apropos Thaicurry: Genauso wenig, wie ich jeden Tag das Gleiche essen möchte, will ich mich immer durch die gleiche Sorte Buch-Schinken beißen. Manche Texte ähneln Vollkornbrot: dicht gepackt, sodass ich gründlich kauen muss, und so nahrhaft, dass ich nach zwei Seiten genug habe für den ganzen Abend. Andere lassen sich wegknabbern wie fluffig-leichte Baguettescheiben. Lecker? Beides! Und dann kenne ich noch welche, deren Geschmack sich im Lauf der Jahre ändert wie bei teurem Rotwein. Bücher, die mich immer wieder an andere Orte reisen lassen. In mein Urlaubsgepäck kommt eines von jeder Sorte.
Die lasse ich mir dann im Liegestuhl schmecken. Und wenn die Kinder unbedingt nach Lönneberga wollen? Na, dann müssen sie eben Papa mitnehmen.

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Autor:
Verena Carl