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Psyche Unser Selbstwertgefühl

Wer die eigenen Stärken kennt und wertschätzt, statt nur auf die kleinen Pannen im Alltag zu achten, fühlt sich zufriedener und strahlt das auch aus. Verabschieden Sie sich vom Perfektionsdrang, bewerten Sie Ihre vermeintlichen Macken neu – dann gewinnen Sie automatisch neue Selbstsicherheit.

Selberwertgefühl

Da meldet sie sich wieder, meine innere Stimme. Sie meckert, weil ich die Einkaufstüte mit der Milch im Auto vergessen habe. „Typisch, das Wichtigste lässt du liegen“, sagt sie, und schon fühle ich mich schlecht. Ich hetze zurück und schüttle den Kopf über mich. Meine innere Stimme tadelt, wenn ich mich verspäte. Aber sie lobt mich auch, wenn mein Apfelkuchen so zimtig geworden ist wie bei Muttern („Super, Küchenkönigin, besser geht’s nicht!“). Meine unsichtbare Untermieterin ist anstrengend, aber auch fair.

 

Unser innerer Saboteur besitzt Macht. Doch es gelingt, ihn zurückzupfeifen

Bei vielen Menschen stürzt sich die innere Stimme aber ausschließlich auf das, was nicht rundläuft, und nennt es gnadenlos beim Namen. Jede Unsicherheit, jeder alberne Tick, jeder törichte Satz wird brutal kommentiert: „Schade, du warst mal wieder am schlechtesten gekleidet.“ Oder: „Da hast du dich ja peinlich danebenbenommen.“ Wer aber ständig im selbst erzeugten Sperrfeuer steht, verliert auf Dauer die Lebensfreude.

„Selbstkritik verschlingt viel Energie und macht uns ängstlich und niedergestimmt“, schreibt Marta Cullberg Weston in ihrem Buch „Auf der Suche nach dem inneren Kind“. Die renommierte schwedische Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin erklärt, dass sich hinter dem inneren Kritiker häufig eine als autoritär empfundene Bezugsperson aus der Kindheit verbirgt.

Nun müsse man herausfinden, wer diese Person sei. Oft sind es Vater, Mutter, ältere Geschwister oder ein besonders strenger Lehrer. Mit der Distanz und der Reflektionskraft, die wir als Erwachsene besitzen, können wir uns von den inneren Beschimpfungen distanzieren und dem harschen Kritiker etwas Positives entgegensetzen. „Schreiben Sie auf, wofür Sie irgendwann Komplimente bekommen haben“, rät Marta Cullberg Weston. Diese Liste wird dann durch möglichst viele positive Eigenschaften, die man sich selbst zuordnen kann, ergänzt. So stärkt man den Selbstwert und pfeift den inneren Saboteur zurück.

 

Was genau bedeutet eigentlich Selbstwert?

Unser Selbstwertgefühl spiegelt den Eindruck, den wir von unseren Eigenschaften, Stärken und Schwächen haben. Sozialforscher gehen davon aus, dass das Selbstwertgefühl je zur Hälfte genetisch bedingt ist bzw. aus gesammelten Erfahrungen besteht. Vermitteln Eltern ihrem Kind, dass sie es hübsch finden, hält es sich unabhängig von seinem Aussehen tatsächlich meist für schön.

Mit jedem prägenden Erlebnis, mit Niederlagen und Erfolgen kommen neue Selbstbilder hinzu. Partner und Freunde, Kollegen, Eltern und Geschwister beeinflussen den Selbstwert, indem sie uns mit Zuneigung und Respekt begegnen – oder mit Verachtung und Desinteresse. Menschen, die in ihrem Leben kaum Anerkennung bekommen, entwickeln oft das quälende Gefühl, nicht zu genügen.

Eine psychologische Studie an der Universität Basel und der University of California kam zu dem Ergebnis, dass sich ein hohes Selbstwertgefühl auch positiv auf Partnerschaft, Arbeit und Gesundheit auswirkt. Wer sich hingegen selbst nicht mag und seinen Arbeitseinsatz für minderwertig hält, wird sogar den lobenden Worten seiner Chefin keinen Glauben schenken können. Ein Teufelskreis: Das übergroße Bedürfnis nach Anerkennung und die übertriebenen Selbstanforderungen münden in Perfektionismus und Arbeitswut und schließlich schlimmstenfalls in totale Erschöpfung und Depression.

 

Unser Selbstwertgefühl ist nicht statisch. Wir können es ändern.

Wie gelingt der Ausbruch aus diesem Teufelskreis, der unsere Lebensfreude zunichtemacht? Marta Cullberg Weston ermutigt uns zu einer Reise in die Vergangenheit. Unter dem Fachbegriff „inneres Kind“ fasst sie unsere Gefühle, Erfahrungen und ungelösten Konflikte aus der Kindheit zusammen. „Man kann es auch so ausdrücken, dass ein inneres, frustriertes Kind unter der Oberfläche existiert und das persönliche Gleichgewicht beeinflusst“, schreibt sie. Wem es gelingt, den Dialog mit dem „inneren Kind“ aufzunehmen, um den Ursprung seiner negativen Selbstbilder zu finden, kann die Aussagen des inneren Kritikers überprüfen und neu einordnen. Falsche Selbstbilder, die durch unsachliche oder unfaire Kritik in unserer Kindheit entstanden sind, lassen sich revidieren.

Denn das Selbstwertgefühl ist keine unveränderbare Vorbestimmung. Im Gegenteil: Zum Erwachsensein gehört auch, sich ein frisches Bild von sich selbst zu machen – von unserem Aussehen, unseren Leistungen und unseren liebenswerten kleinen Fehlern. Die neue Selbstsicht stärkt den Selbstwert. Es mag schmerzhaft sein, längst verdrängte Verletzungen noch einmal unter die Lupe zu nehmen und Gefühle wie Trauer und Wut zuzulassen. Doch „wer gezwungen wird, seine Gefühle zu verstecken, gerät nach und nach in eine innere Stummheit“, so Marta Cullberg Weston.

 

Endlich selbstsicher

Durch die Auseinandersetzung mit der Kindheit kommt es zu einer Neueinschätzung der eigenen Stärken und im besten Fall auch zu einem Blick auf die positiven Seiten unserer ungeliebten Eigenschaften: Bewahrt uns nicht die häufig verfluchte Angst im Alltag vor Übermut? Schützte uns unsere Schüchternheit nicht schon vor Angriffen, denen die Siegertypen aus der ersten Reihe ausgesetzt sind? Führte die Nuance Schusseligkeit nicht dazu, dass sich unser Partner in uns verliebt hat?

Auch Schwächen haben ihre Berechtigung. Sie machen uns vielseitig und liebenswert. Und mit dieser Erkenntnis lebt es sich besser. „Wer Stolz und Freude über sich selbst empfindet und sich auf einfühlsame Weise um sein inneres Kind kümmert, wird das Leben leichter meistern“, schreibt die Psychologin. Dann entsteht aus dem Vertrauen in uns selbst ein neues Vertrauen in Freunde, Kollegen und das Schicksal. Das Leben kann so einfach sein.

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