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Tiere Tierisch menschlich

Besitzen Affen eine Persönlichkeit? Oder Hunde? Fische etwa? Lange sagten Forscher, das sei reines Wunschdenken der Besitzer oder Zoobesucher. Irrtum. Tiere entwickeln Charakterzüge wie wir – und genau deswegen tun sie uns so gut.
Schwarzer Hund
Besonders zutraulich sieht er nicht aus, der Mandrill. Misstrauisch scheinen seine Augen zu fragen: „Was willst du von mir? Wenn du noch einen Schritt näher kommst, bin ich weg.“ Viel wissen Zoologen bislang nicht über das Sozialverhalten des Affen, einem 61 bis 76 Zentimeter großen Verwandten der Meerkatzen, der im zentralafrikanischen Regenwald lebt. Denn sobald ihn jemand studieren will, gibt er Fersengeld. Ein ziemlich scheuer Zeitgenosse, denken wir – und stutzen kurz darauf: Dürfen wir Tiere derart vermenschlichen? Doch viele Tierbesitzer sind seit jeher überzeugt – wissenschalich belegt war es bislang nie –, dass ihre Gefährten eine eigene Persönlichkeit besitzen. Im Gesicht eines Hundes erkennen wir Freude, Neugier oder Langeweile. Bei jedem Zoobesuch haben wir das Gefühl, auch menschliche Charaktereigenschaen zu sehen. Einen Elefanten halten wir für bedächtig und umsichtig, einen jungen Schimpansen für frech und aufmüpfig, den putzigen Axolotl für neugierig. Wir lesen, ohne es zu wollen, in ihren Gesichtern und Gesten wie in Menschen. Reine Einbildung? Wunschdenken? Nein, sagen immer mehr Wissenschaftler. Inzwischen gilt sogar als sicher, dass neben körperlichen auch Persönlichkeitsmerkmale ein (genetisches) Erbe der Evolution sind – und sich demnach zuerst im Tierreich entwickelt haben.
 

Tiere haen Charakter, bevor es den Menschen gab

Die Persönlichkeitsforschung hat eine lange Geschichte: Schon in den 1930er- Jahren begannen US-Psychologen, ein „Fünf-Faktoren-Modell“ unserer Persönlichkeit zu entwickeln. Sie legten fünf Grundbausteine fest, aus denen sich jeder menschliche Charakter zusammensetzt: 1. Neurotizismus – unsere emotionale Stabilität; 2. Extraversion – das Interesse am Austausch mit anderen Menschen; 3. Offenheit für Erfahrungen, also Neugier und Kreativität; 4. Verträglichkeit – die Fähigkeit, sich mitfühlend, hilfsbereit und nachsichtig zu verhalten; und 5. Gewissenhaftigkeit im Sinne von Beharrlichkeit, Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit. Verhielte sich ein Mensch wie ein ängstlicher Mandrill, würden ihm Psychologen demnach eine recht neurotische, nervöse und stressanfällige Persönlichkeit attestieren.
 
Oder es in ihrer Fachsprache etwa so ausdrücken: „Der Klient erreicht niedrige Werte auf der Neurotizismus-Skala.“ Auf die Idee, auch bei Tieren nach den „großen Fünf“ (engl.: Big Five) zu fahnden, kam jahrzehntelang niemand. Oder er wurde sofort zurückgepfiffen. So wie die berühmte Verhaltensforscherin Jane Goodall – gerade, am 3. April, 80 Jahre alt geworden –, die bereits Anfang der 1960er- Jahre behauptete, jeder Schimpanse im ostafrikanischen Gombe-Nationalpark zeige sein eigenes Temperament. Sie sollte recht behalten. Heute behauptet kein seriöser Forscher mehr, dass nur wir Menschen die „großen Fünf“ besitzen. „Wir teilen sie uns mit anderen Primaten“, sagt Prof. Alexander Weiss von der Universität Edinburgh in Scholand. Mithilfe des Fünf-Faktoren-Modells entwickelte er einen neuen Persönlichkeitstest – für alle Menschenaffen und den Homosapiens. „Den füftnen Faktor, Gewissenhaigkeit, fanden wir interessanterweise nur bei Menschen und Schimpansen, aber nicht bei Orang-Utans“, so Weiss. Seine Vermutung: Für Lebewesen, die in großen sozialen Gruppen (über-)leben, war und ist dieser Charakterzug von Vorteil. Einzelgänger wie der Orang-Utan können dagegen auf ihn verzichten.
 
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Autor:
Stephan Hillig