Navi oder Straßenkarte

Technik vs. Steinzeitkommunikation

Männer haben Mini-Displays, Frauen einen Mund zum Fragen. VITAL-Kolumnistin Verena Carl stellt fest: Steinzeitkommunikation führt auch mal schneller ans Ziel.

Breitbandtechnik vs. Steinzeitkommunikation

Kaum eine Frage beschäftigt die desorientierte Menschheit derzeit mehr als diese: Wo, bitte schön, geht’s lang? Egal ob man sich über die Lage der arabischen Welt informieren oder irgendein Fischerdorf an irgendeiner malerischen Küste aufspüren möchte, es gibt immer mehrere Wege. Persönlich oder technisch. Reden, blättern oder klicken. Die meisten Frauen, die ich kenne, gehören zur analogen Sorte. Sie sind keineswegs technikfeindlich, wissen aber, welche Methode am schnellsten ans Ziel führt. Für die Fahrt in die Bretagne laden sie sich den schönsten Jacques-Brel-Mix auf ihren iPod, aber was die Fischerdörfer angeht, verlassen sie sich auf Straßenkarten und ihren Mund zum Fragen. Sogar meine 20-jährige Nichte notiert Wegbeschreibungen eher auf der Rückseite eines verkrumpelten H&M-Kassenzettels als in ihrem Blackberry. Aber nach der Ankunft knipst sie als Erstes den Strand und gibt eine Statusmeldung an ihre 346 Facebook-Freunde heraus. Fast alle Männer dagegen sind überzeugt: Digital ist besser, was auch immer man wissen möchte. Sie besitzen Geräte in verchromten Gehäusen und einen Daumen für lässige Wischbewegungen auf winzigen Displays. Das sieht eleganter aus als das Entfalten eines Falk-Plans, und man muss dabei nicht reden. Das Ganze ähnelt dem Märchen vom Hasen und dem Igel: Männer vertrauen der Breitbandtechnik, Frauen der Steinzeitkommunikation. Nicht immer bringt sie das schneller voran. Aber doch immer wieder.

Autorin Verena Carl, 41, lebt mit Mann und zwei Kindern (2 und 5) in Hamburg. Sie schreibt u. a. Bücher und für uns die Kolumne über ein vitales Leben.

Nehmen wir zum Beispiel unseren alten Freund, einen Informatiker. Gemeinsam mit unseren Familien hatten wir ein paar Tage Landhausidyll auf einer Nordseeinsel gebucht. Wir waren schon da, er sollte nachkommen. Problemlos schaffte er es per Navi bis an den Fährhafen. Doch am Ufer bekam die elektronische Dame kalte Füße und wusste nicht weiter. „Wo seid ihr?“, bellte er ins Handy. „Nicht weit“, sagte ich. „Du musst beim Kirchlein mit der Feldsteinmauer …“ „Straße? Hausnummer?“, verlangte er und fuhr ohne die Antwort abzuwarten fort: „Ich schau noch mal im Mail-Eingang nach, da müsste der Link zur Ferienhausagentur sein.“ 20 Minuten später rief er wieder an. Zwar hatte die Navi-Dame sich gefangen und ihn zur Zieladresse Ohl Dörp geführt. Nur leider in das falsche Dörp, äh, Dorf. Von diesem Erlebnis unbeeindruckt versuchte er neulich, auf seiner Mikro-Display-Landkarte abzulesen, wie weit Bahrain von Libyen entfernt ist. Nein, nicht alle Männer sind so. Ich kenne einen Yogalehrer, der postet auf Facebook täglich, zu wie viel Prozent er glücklich ist. Dahinter steckt aber keine spirituelle Weisheit, sondern ein Onlinespiel, das vorher per Zufallsgenerator seine Happiness-Rate ermittelt. Technik als alberner kleiner Zeitvertreib zwischen Kopfstand und Meditation. Und dann wäre da noch jener Herr, mit dem ich verheiratet bin. Der verdient sein Geld zwar mit dem Programmieren von Webseiten, hat aber noch zwei Komplettausgaben eines Uralt-Konversationslexikons im Regal stehen. Daraus liest er wehrlosen Gästen gern spaltenlange Einträge vor, falls die gerade nicht wissen, wo’s langgeht.

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Verena Carl