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Reise Tango-Tanz im finnischen Turku

Wer die finnische Seele ergründen will, muss Tango verstehen. Ob in Turku, Europas Kulturhauptstadt 2011, auf einer windumtosten Ostseeinsel oder im Wald: Sobald die ersten Takte erklingen, taut auch der schweigsamste Finne auf, stellte unsere Autorin fest.

Café Pinella Tanzendes Paar

"Wir Finnen wären längst ausgestorben, wenn wir den Tango nicht hätten!“, ruft mir Kati zu, bevor sie mit ihrem Partner Joonas im Zweivierteltakt über das Kopfsteinpflaster tanzt. Die beiden wiegen sich nach links, biegen sich nach rechts, grazil aneinandergeschmiegt. Katis Haare wehen, ihr bunter Rock flattert, ihre weißen High Heels umtanzen die gemeinen Lücken zwischen den Steinen. Die Gasse verwandelt sich in diesem Moment in eine Bühne, von der Nachmittagssonne in Pastell getaucht. Ich reibe mir die Augen, so schön sieht das aus, dieser Tango in Turku.

Café Art am Fluss Aura

Auf der anderen Seite des Flusses Aura sitzt man entspannt im "Café Art".

Kati wird später noch in einem Café und am Ufer des Flusses tanzen, vielleicht tanzt sie nachts auf einer der vielen Brücken weiter? Möglich wär’s. Denn dies ist Finnland, die zweitgrößte Tango-Nation nach Argentinien, und Turku feiert sich gerade euphorisch als Kulturhauptstadt, vor allem in den hellen Sommernächten, wenn die Sonne kaum noch untergeht.

Kati Koivistos Augen leuchten, als sie erzählt, was Tango bewirkt: „Diese Musik bringt uns dazu, große Dinge zu denken, an Liebe, Sehnsucht, Natur.“ Die 29-Jährige unterrichtet Tango, Cha-Cha-Cha und Humppa, einen finnischen Tanz, der genauso aussieht, wie der Name vermuten lässt. Aber der Tango! Dem verfallen die Finnen seit Generationen. 1913 erklangen die ersten Takte in Helsinki. Die schwermütigen Melodien trafen den Weltschmerz der Finnen, die damals unter der russischen Herrschaft litten.

Frau mit Fahrrad

Die finnischen Frauen kreieren ihren eigenen Look.

Sie fühlten sich endlich verstanden, komponierten eigene Versionen mit mehr Moll, mehr Wehmut. Während es in den argentinischen Texten um Kampf, Rache und Rivalen geht, die man töten will, beklagt der finnische Tango den Verlust der Geliebten und weint ihr mit einem weißen Taschentuch am Strand hinterher. Auch der Tanzstil baut nicht auf Showeffekte, wichtig ist, dass möglichst wenig Luft zwischen das Paar passt. Darum hält sich hartnäckig die These, für die wortkargen Finnen sei der Tango die einzige Chance, Frauen zu beeindrucken. So könnten sie Gefühle zeigen, ohne reden zu müssen. Kati widerspricht: „Das mag früher so gewesen sein. Doch die Männer haben sich weiterentwickelt, und es gibt so viel mehr Gründe für den Tango.“ Der blonde Joonas nickt – und schweigt. Sie zupft ihn am Ärmel, und beide verschwinden auf die andere Seite des Flusses.

Der Aurajoki fließt genau in der Mitte durch Turku. Und immer hat man genau auf der anderen Seite etwas zu erledigen. Links der Dom, rechts die Markthalle, links die Sternwarte, rechts die Designshops. Der ständige Zickzackkurs stimmt mich missmutig. Vorbei an Joggern, Radlern und Restaurantschiffen trotte ich immer weiter, bis ich vor dem weißen Dampfer „Ukkopekka“ stehe. Weil auf einer Tafel „Tanz am Pier“ angekündigt steht, steige ich zu. Auf Deck atme ich durch.

Haus auf Loistokari

Allein, nicht einsam: das einzige Haus auf der Schäreninsel Loikstokari. 

Endlich verstehe ich den Fluss besser, denn ich sehe, wohin er führt: raus auf die Ostsee, hinein in die Schärenwelt mit ihren 20 000 Inseln. Der Dampfer legt auf Loistokari an, keine Insel, eher ein Fels mit einer Hütte drauf. Wegen des strammen Nordostwinds hüllen sich alle Passagiere zum Barbecue dick ein, einige tragen sogar Mütze und Handschuhe. Und doch: Als die Zweimannband einen Tango anstimmt, fängt ein Paar an zu tanzen, dann zwei, dann fünf. Das sieht wegen der dicken Daunenjacken nicht elegant aus, aber die Tänzer strahlen, als wäre Loistokari eine sonnige Insel des Glücks irgendwo im Süden, für die man nur etwas Fantasie braucht – und ein bisschen Tango.

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