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Persönlichkeit Schäm dich! Das ist okay

Scham ist das Aschenputtel unserer Gefühle. Jeder versucht, sie zu verbergen. Zu Unrecht, denn Scham beschützt und stärkt unsere Persönlichkeit
Frau schämen

Das Handy klingelt im Theater. Oder: Alle anderen Partygäste tragen Abendkleidung. Wir öffnen die unverriegelte Tür einer besetzten WC-Kabine. Jeder kennt peinliche  Situationen, in denen wir rot anlaufen, den Blick reflexartig senken und auf ein Loch hoffen, um darin zu versinken. Was soll daran positiv sein? Scham ist unangenehm und so beliebt wie Zahnweh. Doch diese Abneigung beruht meistens auf einer Verwechslung: Wir fürchten nicht die Scham, sondern das Beschämtwerden – jenes bedrückende Gefühl, das sich tief ins Gedächtnis gräbt, wenn uns andere Menschen durch ihr Verhalten, Spott oder Kritik bloßstellen.

Scham funktioniert wie eine Alarmanlage

Die echte Scham hat mit dieser destruktiven Kraft jedoch nichts zu tun. Sie ist ein höchst nützliches Gefühl. Überall dort, wo Menschen sich begegnen, achtet sie darauf, dass nichts aus dem Ruder läuft und alle die Regeln des sozialen Miteinanders einhalten. Und: Wer die Unterschiede zwischen Scham und Beschämtwerden (er-)kennt, kann die gute, kraftvolle Seite dieser Gefühlsmedaille für sich nutzen und die schlechte, kraftraubende Seite selbstbewusst an den Absender zurückschicken. Die Urkraft der echten Scham steckt tief in unserer Seele. Entsprechend wichtig sind ihre Aufgaben.
Die wichtigste ist der Schutz unserer Intimsphäre, jener unsichtbare Kreis, den wir mit ausgestrecktem Arm um uns herum abstecken können. Betritt ihn jemand uneingeladen, funktioniert Scham wie eine Alarmanlage, wir spüren Intimitätsscham. Gleichzeitig hilft sie uns, persönliche Grenzen anderer Menschen wahrzunehmen und zu achten: Müssen wir z.B. im Kino laut lachen, obwohl auf der Leinwand gerade Tränen fließen, ist uns das sofort peinlich.
Folgen wir dem Lustprinzip und gehen nicht ans Handy, obwohl die Nummer der besten Freundin auf dem Display leuchtet, wissen wir: Das ist nicht okay. Wir spüren Gewissensscham. Solche Momente sind natürlich und in der Regel von kurzer Dauer. Die echte Scham tippt uns auf die Schulter, meldet das Problem – und verschwindet wieder, wenn wir ihren Rat befolgen.

Wird die Scham zum Dauergast, steckt meist Beschämung dahinter

Problematisch werden Schamgefühle, wenn sie Menschen dauerhaft verunsichern. Auslöser sind die Beschämungen. Wer früh im Leben und immer wieder solche negativen Erfahrungen machen muss, bei dem schlägt die Schamalarmanlage ständig an, obwohl dafür kein Grund besteht.
Die Folge: Situationen, die an solche erinnern, in der Betroffene tatsächlich beschämt wurden, werden vermieden. Oder der Schamgeplagte ist innerlich so unsicher und verkrampft, dass sein Verhalten tatsächlich peinlich wirkt und entsprechend kommentiert wird. Die Scham löst unsicheres Handeln aus, das Beschämungen hervorruft, die die Scham weiter verstärken – ein Teufelskreis.