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Esoterik Pendel-Pauschale

Tarotkarten, Energiekristalle, Aura-Tuning: Jetzt boomt die Esoterik wieder. VITAL-Kolumnistin Verena Carl ahnt, warum: Schicksalsgöttin spielen ist so etwas wie ein Wellness-Urlaub ins eigene Ich.

Damit eines klar ist: Ich kann nichts dafür. Schuld ist meine Großmutter. Die brachte mir schon im Grundschulalter bei, was es mit ausgefallenen Wimpern auf sich hat, mit zusammengewachsenen Kartoffeln und dem magischen Hicks. Die Welt war voll mit Alltagsorakeln, die Wünsche erfüllen konnten. Und mit geheimnisvollen Zeichen, die man nur zu deuten wissen musste. Ausdauerndes Wimpernpusten verhalf mit ziemlicher Sicherheit zu einer neuen Puppenküche, und Schluckauf bedeutete, dass jemand an mich dachte. Wer sollte das anderes sein als Chris aus der Parallelklasse?

Dass die Puppenküche erst kam, als ich sie in Schönschrift auf meinen Wunschzettel schrieb, und Chris trotz allem Hicks lieber mit Karin Playmobil spielte, konnte meinen Glauben ans Übersinnliche immer nur kurzfristig erschüttern. Vielleicht hatte ich ja nur die Zeichen nicht richtig gedeutet. Oder die Wimpern vom unteren Lidrand waren nicht so kraftvoll wie die vom oberen.

Dann wurde ich älter, meine Liebeswünsche ausgefeilter (ach, endlich mal mit Jens in der Schwarzwald- City-Passage Eis essen!), meine Ansprüche größer (ach, der grüne Matchsack von Benetton!), und meine Methoden raffinierter. Keltisches Gummibärchenorakel, Pendelbasteln für Anfänger, das kleine Tarotkärtchen für zwischendurch – alles schon ausprobiert. Als ich dann dachte, mit knapp 30 müsste ich endlich mal vernünftig werden, schenkte mir eine Freundin ausgerechnet Paulo Coelho zum Geburtstag. Und ich stellte mir vor, wie er mit erleuchtetem Blick auf seiner brasilianischen Terrasse saß, eine Tasse grünen Tee in der Hand, und mit sonorer Stimme sagte: Du, deine Oma hat total recht.

Jetzt bin ich fast 40 und mein kleiner Eso-Tick ist mir ein bisschen peinlich. Aber, ganz ehrlich: Andere sind auch nicht besser. Gestandene Frauen mit Finanzberater und beeindruckenden Visitenkarten bestellen Magie-Bedarf bei „Moni's Hexenkessel“ und erzählen auf Partys Schwänke aus einem ihrer früheren Leben. Nehmen wir zum Beispiel meine Freundin Nadja: Die hat einen Mann geheiratet, der Frauen mit der Behauptung köderte, er sei ein Experte im Handlesen. Vorzugsweise auf Feiern gegen zwei Uhr morgens. Dabei hätte er ihr ja eigentlich auf den Kopf zusagen müssen, dass er ihr Zukünftiger ist. Hat er aber nicht. Oder Susanne: Wenn die morgens ihren Rechner hochfährt, checkt sie als Erstes ihre aktuelle Astro- Konstellation. Danach erst ihr Aktiendepot. Das Erste ist wenigstens ein bisschen berechenbar.

Warum tun wir das? Ist es mangelnde Sinnstiftung, spirituelle Leere, die Sehnsucht nach Überschaubarkeit? Ich glaube, die Lösung ist viel einfacher: Tarotkartenlegen, Horoskope berechnen und Handlesen sind nicht mehr und nicht weniger als eine Art Wellnessanwendung für die Seele. Ein Spiel, das verspricht: Du, dein Leben und dein Schicksal sind einzigartig. Und wert, dass man sich damit intensiv beschäftigt.

Eigentlich selbstverständlich. Aber diese Form der Nabelschau tut einfach gut. Eben genau wie bei einem Tag im Day-Spa. Auch da wissen wir ganz genau, dass uns die „Super Efficient Nutrition“-Crememassage nicht wirklich um fünf Jahre jünger macht. Und erheben uns trotzdem von der Liege mit einem sinnlichen Scarlett-Johansson-Gefühl. So wie uns die abendliche Candle-Light-Tarot-Sitzung in eine Schicksalsgöttin in eigener Sache verwandelt. Diese Aura steht uns ziemlich gut. Und ich glaube, sie kann auch das Leben verlängern. Meine Großmutter ist jedenfalls 90 geworden. Wenn das mal kein Zeichen ist!

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Autor:
Verena Carl