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Musik Ohrwurm

Sie hassen das Lied, das Sie jetzt im Kopf haben? Sorry, so ist das mit Ohrwürmern. Wir verraten, wie sie verschwinden – versprochen.
Frau hört Musik

Plötzlich ist er da. Nistet sich ein, und wir kön- nen nichts dagegen tun. „Nanaaa nananaaaa, Live is Life, nanaaa nananaaa“ – „Last Christmas I gave you my Heart“ – „My Heart is beating like a Jungle Drum, ruggedungdung, ruggedung-dung“ – endlos kreisen törichte Song-Schnipsel durch unseren Kopf. Morgens im Bad, im Gespräch mit Kollegen, in der Mittagspause, abends vorm Fernseher, sogar nachts im Bett. „Ruggedungdung, ruggedungdung.“ Melodien des Grauens. Aber seien Sie unbesorgt, im Schnitt hält ein Ohrwurm 27 Minuten an. Spätestens morgen ist er weg. 92 von 100 Menschen haben mindestens einmal pro Woche eine „unwillkürliche musikalische Vorstellung“, so der Fachbegriff. Auf diese Zahl kam der Musikwissenschaftler Lassi Liikkanen vom Helsinki Institute for Information Technology bei einer Umfrage im Internet mit 12 000 Teilnehmern. Deutsche Forscher gehen von einer ähnlich hohen Verbreitung zwischen Flensburg und Oberstdorf aus.

„Brown Girl in the Ring“ rettete einem verunglückten Bergsteiger das Leben

Seit sich der Psychologe Prof. Ira Hyman und seine Kollegen an der Western Washington University in Bellingham, USA, in einer Studie mit solchen Ohrwürmern befasst haben, spielen sie auf dem Campus ein böses Spiel: „Wenn wir uns auf dem Flur treffen, raunt der eine dem anderen eine Textzeile aus einem Song zu“, erzählt Hyman. „Es ist erstaunlich, wie leicht sich unser Bewusstsein durcheinanderbringen lässt.“ Fies, nicht wahr? Sogar mit Liedern, die wir seit Jahren nicht gehört haben, klappt das. Oder wann haben Sie zuletzt den eingangs erwähnten Nanaaa- nananaaaa-Hit von Opus aus dem Jahr 1984 oder die gleich alte Weihnachtsschnulze von Wham! gehört? Eben. Lange konnte die Wissenschaft mit Ohrwürmern wenig anfangen. Mittlerweile kann sie recht gut erklären, was passiert, wenn sich so ein musikalischer Plagegeist im Gehirn festbeißt. Auch die zahlreichen Tipps, um ihn wie- der loszuwerden, lassen sich nun genau(er) in hilfreich oder sinnlos einteilen (siehe Kasten ganz rechts). Nur eines bleibt unklar: Welchen tieferen Sinn hat der Ohrwurm? Vermutlich keinen. Gleichwohl
rettete er dem britischen Berg-
steiger Joe Simpson das Leben.
Als er 1985 den 6344 Meter
hohen Siula Grande in Peru bestieg, fiel er in eine Gletscher-
spalte. „Nach dem Sturz hatte
ich die ganze Zeit ,Brown Girl
in the Ring’ im Kopf“, erzählte Simpson später. „Ich erinnere mich, dass ich dachte: ,Verdammt, ich sterbe zu Boney M.‘“ Eine derart beklemmende Vorstellung, dass er alle Reserven mobilisierte und am Ende aus eigener Kraft das rettende Basislager erreichte.

Unserem Gehirn ist es im Prinzip egal, ob es Musik wirklich hört oder bloß daran denkt

Nichtsdestotrotz bestätigt diese dramatische Ausnahme nur, dass uns Ohrwürmer gehörig auf die Nerven gehen. Schuld ist unser Gehirn. Es ist darauf ausgelegt, in allem, was wir wahrnehmen, vertraute Muster zu erkennen und sie mit Erinnerungen zu verknüpfen. Im sogenannten auditorischen Cortex, wo auch Musik verarbeitet wird, sind die „grauen Zellen“ so eng verdrahtet, dass diese Mustererkennung in einer einzigen Millisekunde stattfindet.
Klingt toll. Doch ein Hirnscanner macht sichtbar: Werden Freiwilligen bekannte Hits vorgespielt, die plötzlich abbrechen, dudelt ihr Gehirn diese einfach weiter. Das passiert übrigens auch, wenn wir morgens unser Radio abrupt abschalten müssen, weil die U-Bahn nicht wartet. Schlimmer noch: Dem Gehirn ist es im Prinzip egal, ob es Musik hört oder bloß daran denkt. In beiden Fällen sind dieselben Areale aktiv. Zum Ohrwurm fehlt dann nur noch ein kleiner Schritt: Bildlich gesprochen fängt die eine Gehirnhälfte an, der anderen etwas „vorzusingen“. Diese reagiert darauf wie ein begeisterter Fan und ermuntert damit die andere, weiterzusingen – der Start in die Endlosschleife.
Besonders anfällig ist unser Gehirn dafür, wenn es sich gerade langweilt (z.B. beim Staubsaugen) oder extrem gefordert wird (z. B. beim Ausfüllen der Steuererklärung). In beiden Fällen sucht es nach Ablenkung. „Ein abschweifender Geist ist offener für Ohrwürmer“, sagt auch Prof. Ira Hyman. Menschen, die beim Musikhören sehr intensive Gefühle entwickeln oder sogar selbst oft musizieren, werden ebenfalls häufiger zum Ohrwurm-Opfer. Dass uns dann allerdings nur Stücke quälen, die wir ner- vig finden oder hassen, ist ein Mythos. Genauer gesagt: ein Erinnerungsfehler. „Zwei von drei Probanden gaben in unserer Studie an, dass sie das Lied mochten, das ihnen im Kopf klebte“, berichtet Prof. Ira Hyman. Irgendwann haben wir uns allerdings an jedem Lied sattgehört. Erst dann packen wir es in die „Nervig“-Schublade – und entwickeln fälschlicherweise das Gefühl, dass es schon immer dort war. Hymans Studie bestätigt das: Je länger ein Ohrwurmerlebnis bei den Teilnehmern zurücklag, desto kritischer reagierten sie auf den Song.

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