[Alt-Text]

Psychologie Mutig sein lernen

Etwas Neues wagen, ins kalte Wasser springen: Das verlangt Courage und Durchhaltevermögen. Doch allzu oft verlässt uns der Mut, und wir kehren große Pläne und kleine Träume unter unseren Seelen-Teppich. Doch es gibt einen Weg Mut zu lernen.

Sprungbrett

Gänsehautnah können wir dieses Gefühl immer noch spüren: das erste Mal auf dem Zehnmeterbrett. Als Kinder ahnten wir natürlich nicht, dass dieses erste Sich-zum-Rand-Vortasten, das ängstlich zögerliche Hinunterschauen in die Tiefe und der Sprung in den Abgrund weit mehr waren als ein einmaliges Wagnis. Dieser Moment ist so etwas wie ein treuer Begleiter unseres Lebens, der viele Gesichter trägt, aber in seinem Wesen doch gleich bleibt: mutig.

Wann immer wir etwas wagen, wichtige Entscheidungen treffen, uns trauen, für etwas einzustehen, oder uns für etwas Neues öffnen, brauchen wir Mut. Weil wir gewohntes Terrain verlassen, Risiken eingehen und Grenzen – unsere eigenen und manchmal die anderer – überschreiten müssen. Mut ist eine treibende Kraft auf unserem Lebensweg. Eine innere Ressource, die uns stark macht und uns hilft, unser Glück zu suchen und es zu finden. Genauso selbstverständlich, wie er uns begleitet, genauso schnell verlässt uns der Mut aber häufig auch. Dann fühlen wir uns ängstlich und unsicher. Oder, weil wir diese Gefühle nicht wollen, wir verdrängen den Konflikt und lehnen uns bequem zurück, statt zu handeln. Doch es gibt einen Weg (zurück) in die „Mutzone“. Die Psychologin Bea Engelmann sagt, dass wir Mut lernen können. Sie fand heraus, dass wir uns je nach Lebensphase in einer von mehreren Zonen mit stetig steigendem Mut-Level befinden.

 

Mutig sein bedeutet authentisch sein
„Für Menschen jeden Alters bedeutet Mut vor allem eins: zu sich selbst stehen zu können“, sagt Engelmann. Das war eines der überraschendsten Ergebnisse ihrer Studie. „Mutig sein heißt für die meisten nicht unbedingt heldenhaft, sondern viel mehr authentisch und unverstellt sein. Nicht Marionette, sondern Regisseur im eigenen Leben. Es geht um einen Zustand, in dem wir offen unsere Stärken zeigen und die Freiheit genießen, auch aus Fehlern zu lernen.“

Diese Zone ist also das Ziel. Dazu müssen wir zunächst herausfinden, in welcher Zone wir uns gerade aufhalten. In der ersten, der „Angstzone“, in der uns Sorgen und Zweifel dominieren? Dann wird es Zeit, unsere Ängste genauer unter die Lupe zu nehmen. Bea Engelmann: „Sie wollen uns im Grunde ja nichts Böses, sondern sollen uns warnen und beschützen. Aber wir müssen dafür sorgen, dass wir sie und nicht sie uns beherrschen, indem wir uns fragen: Was will mir meine Angst sagen, welches Bedürfnis steckt dahinter?“

 

Welche Wünsche und Vorhaben will ich im Leben noch realisieren?
Oder befinden wir uns in der zweiten, der „Komfortzone“? Von hier aus starten die meisten in Richtung Mutzone. Die zentrale Frage lautet dann: „Haben wir es uns gemütlich, ja ein bisschen zu gemütlich gemacht in unserem Leben?“ Die Psychologin erläutert das so: „Wir alle sehnen uns nach Beständigkeit und Geborgenheit, doch wir sollten aufpassen, dass uns die eingefahrenen Gleise nicht zu weit wegführen – von Träumen, Vorhaben oder Dingen, die wir gern noch machen oder verändern möchten.“ Ein Hinweis darauf ist der häufig gesagte Satzanfang „Eigentlich wollte ich ja immer, aber …“ Eigentlich.
Aber. „Dieses große Aber hält uns davon ab, ein neues Hobby anzufangen, endlich ein Gehaltsgespräch zu führen oder dem Partner zu sagen, was einem nicht mehr gefällt.“ Aus ihrer Erfahrung als Coach weiß die Expertin: Wer in der Komfortzone lebt, neigt dazu, nicht nur die Träume unter den Teppich zu kehren, sondern auch die eigene Meinung und eigene Interessen. „Hinzu gesellen sich unausgesprochene Konflikte und Enttäuschungen.“

 

Zeit für Träume ist wichtig. Sie sind Boten unserer Sehnsüchte
Den symbolischen Teppich regelmäßig anzu heben und zu schauen: Was würde ich von Herzen gern mal (anders) machen? Was habe ich mir schon lange vorgenommen, traue mich aber nicht – das kostet Mut. „Diese Auseinandersetzung mit sich selbst ist bereits sehr mutig“, sagt Engelmann, „und eine Frage der Übung. Etablieren Sie einen festen Tag in der Woche, an dem Sie sich die Zeit nehmen, einen Blick unter Ihren Teppich zu riskieren“, empfiehlt sie. Dann folgt der Schritt in die Traumzone: „Meine Lieblingszone“, sagt Engelmann, „und der Schlüssel zum Erfolg auf dem Weg in die Mutzone. Nehmen Sie sich Zeit für Träume. Sie sind die Boten unserer Sehnsüchte und bilden das Fundament für neue Lebensentwürfe.“ Das bedeutet: Wir sollten uns immer wieder bewusst das Träumen erlauben, weil es uns darin schult, unsere Wünsche und Ziele wahrzunehmen, ohne sie gleich mit Einwänden zu torpedieren.

Wer Visionen und Ideen zulässt, mögen sie noch so verrückt erscheinen, wird mutiger. „Denn im Traum spüren wir bereits die Wirkung, die ein mutiger Schritt haben würde. Das hilft, eine Idee Schritt für Schritt umzusetzen. Nur wenn wir uns gedanklich ausmalen, unter welchen Bedingungen wir öfter Sport treiben könnten oder mehr Zeit für uns allein hätten, setzen wir Wünsche etappenweise in die Wirklichkeit um. Ein ‚Ich musste ja, weil …‘ hat dann keine Chance, sondern nur ein ‚Ich entscheide mich für …, weil es mir wichtig ist‘.“ Aber wie schaffen es Ideen aus der Traumzone in die Wirklichkeit? „Dafür braucht es die Selbstvertrauenszone, in der wir Kraft tanken“, antwortet Engelmann. „Ein solides Selbstvertrauen wirkt wie ein Mut-Verstärker, und das lässt sich trainieren.“ Praktisch läuft das z. B. so: „Schließen Sie für einen Moment die Augen und denken Sie an Ihre Stärken, nehmen Sie sie wahr und finden Sie dazu passend eine Farbe. Gehen Sie in ein Schreibwarengeschäft und kaufen Sie sich Klebepunkte in Ihrer Farbe. So haben Sie sich und Ihre Stärken immer im Blick: Der Farbfleck am Badezimmerspiegel, an der Tür Ihres Kleiderschranks oder auf dem Armaturenbrett wird Sie daran erinnern.“

 

Jetzt stehen wir wieder da oben, auf unserem persönlichen 10-Meter-Brett
Das katapultiert uns in die Wachstumszone – und damit auf die Zielgerade. „Wir schlüpfen in die Rolle des Projektmanagers. Notieren Sie Ihre Gedanken und die einzelnen Schritte, die zur Realisierung Ihres Traums notwendig sind, auf Karten“, rät die Expertin. „Dann haben Sie jederzeit einen Überblick und müssen nicht immer wieder von vorn anfangen.“ Mit dem Businessplan unseres Traums in der Hand geht’s dann in die Absprungzone. „Wenn wir gewohnte Pfade verlassen und zu wachsen beginnen, sind Risiken und Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen“, sagt die Mut-Expertin. Da wir nicht übermütig werden und anderen nicht auf den Schlips treten wollen, holen wir in dieser Phase noch einmal tief Luft und schärfen unseren Blick für die Folgen unseres Verhaltens. „Mut bedeutet ja eben nicht, seine Ziele auf Kosten anderer zu erreichen.

Stattdessen wollen wir unser Handeln mit Weitsicht versehen.“ Und wie gelingt uns das? „Die Antwort ist simpel: mit Fragen und Gesprächen! Bitten Sie Menschen, die Ihnen am Herzen liegen, um Feedback, um Ermutigung“, so die Psychologin. „Wer aufrichtig mit anderen kommuniziert, bekommt seinerseits Aufrichtigkeit und ehrlichen Zuspruch zurück.“ Dann stehen wir wieder oben, auf unserem persönlichen Zehnmeterbrett. Mit jedem Schritt, den wir von Zone zu Zone getan haben, sind wir die Leiter bis nach oben geklettert. Wir schauen nach unten – und wagen den Sprung. Denn da ist keine bedrohliche Leere, sondern Platz für Wahrhaftigkeit und Lebensfreude. Für neue Wege und Möglichkeiten.