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Gefühl Mut zur Wut

„Schluck sie nicht runter.“ Diesen Rat haben wir alle schon gehört. Nur: Wut ist ein sehr starkes Gefühl. Wir können lernen, sie zu zeigen und trotzdem Herr der Lage zu bleiben.

Sie fühlt sich an wie brodelnde Lava, die mit großem Druck herausplatzen will. Manche geben ihr eine Farbe: rot. Unser Körper ist im Ausnahmezustand. Wir wollen Teller an die Wand knalen, mit der Faust auf den Tisch hauen, schreien wie ein wildes Tier. Doch obwohl wir wissen, dass es uns nicht guttut, schlucken wir unsere Wut meistens herunter. Weil wir Angst haben, die Kontrolle zu verlieren. Weil wir glauben, dass es sich nicht gehört, auszurasten. Wir fürchten uns vor dieser – scheinbar – unberechenbaren Energie.

Wütend sein ist menschlich

Doch auch in diesem Fall ist Angst kein guter Ratgeber. „Wut ist eine Art Brennstoff, der uns in ein neues Leben katapultiert“, rückt der Hamburger Autor und Coach Lutz Herkenrath ihr Negativ-Image gerade („Böse Mädchen kommen in die Chefetage“, Ariston, 224 Seiten, 16,99 Euro, www.boese-maedchen.net). „Richtig eingesetzt, ist Wut äußerst nützlich.“ Soll heißen: Wir können – dürfen! – sie zeigen und gleichzeitig ihre Kraft nutzen, um uns und das, was uns wütend macht, positiv zu verändern.

Oberste Regel dabei: Wut ist menschlich und nichts, wofür wir uns schämen müssten. Trotzdem hilft es, sich ihr mit kühl-analytischem Kopf zu nähern. Also los! Biochemisch betrachtet, schüttet der Körper im Wut-Modus eine Extraportion Adrenalin aus, ein Stresshormon. Vorausgegangen ist eine blitzschnelle unbewusste Entscheidung: Bin ich in Gefahr – ja oder nein? Getroffen wird sie vom sogenannten limbischen System. Evolutionsbiologisch gesehen eine steinzeitliche Gehirnregion, die all unsere emotionalen Erlebnisse lebenslang speichert.

Lernen, mit der Wut umzugehen

Ob das limbische System z. B. eine bestandene Prüfung mit einem stolzen Gefühl verknüpft („Wow! Super, dass ich so intensiv gelernt habe.“) oder mit einem traurigen („Das war Zufall. Der Prüfer hatte bloß Mitleid mit mir.“), entscheidet sich früh. In den ersten fünf Lebensjahren wird bereits die Basis für unser Temperament gelegt. Geprägt wird sie von unseren Eltern und anderen Menschen, die uns wichtig sind. Von ihnen gucken wir uns ab, wie wir mit Gefühlen umgehen. Einer der wichtigsten Gründe, warum zwei Personen in der gleichen Situation nie genau gleich agieren. „Wir haben alle die gleiche Art von Eigenschaften“, erklärt Verhaltenstherapeutin Petra Wutha aus Seevetal bei Hamburg. „Es ist aber sehr verschieden, welche stärker und schwächer in uns sind. Wir reagieren jeweils mit unterschiedlichen Musikern unseres inneren Orchesters.“

Beispiel: Während der Choleriker sofort aus der Haut fährt, wenn ihm jemand die Parklücke wegschnappt, schluckt der Phlegmatiker den Ärger runter und fährt noch mal um den Block. Unser „inneres Orchester“ bestimmt also, wann und wie schnell wir explodieren. Seine Musiker sind Rollenmuster, die wir übernommen haben, z.B. ein glückliches Kind, eine strenge (Schwieger-)Mutter, eine selbstsüchtige Chefin oder eine harmoniebedürftige Partnerin. Je nach Situation und Gemütslage tritt jeweils ein Musiker als Solist mit einem bestimmten Gefühl hervor – auch mit Wut. „Sie entsteht durch alles, was wir als unfair, verletzend oder falsch empfinden“, sagt die amerikanische Familientherapeutin Marcia Cannon („Reg dich ab!“, Orell Füssli, 224 Seiten, 14,95 Euro). Wir fühlen uns hilflos, ohnmächtig.

Die Bandbreite der Reaktionen ist groß: Sie reicht von Gereiztheit und Frust über Zorn und Hass bis zur bru-