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Mut Die Lust auf was Neues

Ohne Kreativität und den Mut, Dinge infrage zu stellen, säße der Mensch heute noch auf Bäumen. Wir profitieren von Ideen – und deshalb lieben wir sie. Warum wir uns dennoch manchmal davor fürchten und wie wir die Angst vor Veränderungen besiegen.
Frau lacht

Endlich! Das Frühjahr ist da und mit ihm alle Kräfte des Neuen – es keimt und wächst und sprießt. Und was draußen vor unserer Nase geschieht, steckt an. Wir putzen, wischen, lüften, auf dass alles frühjahrsfrisch und vor allem mal ganz, ganz anders aussieht. Dann kommen Garten und Balkon dran. Palettenweise ziehen Primeln und Begonien bei uns ein, geschwungene Sandwege ersetzen Waschbeton, geflochtene Weidenmatten die alten Jägerzäune. Und wozu wir uns im Winter nicht aufraffen konnten, wird im Frühjahr ruck, zuck in die Tat umgesetzt: Italienisch lernen, eine Yoga-Gruppe gründen, öfter mal in Kultur machen und überhaupt. Neues entdecken, Altes loslassen.

Das Frühjahr ist die perfekte Zeit für Veränderungen

Die Biochemie unseres Körpers läuft zur glückshormonellen Bestform auf, die Tage werden länger, mehr Licht regt die Vitamin-D-Produktion an. Das hellt unsere Stimmung zusätzlich auf. Wir sind bereit für neue Abenteuer. Und dann dies: Das Büro, in dem wir arbeiten, soll frisch gestrichen, eine neue Heizung installiert, neue Arbeitsabläufe sollen getestet werden, die Tochter soll an einem Austauschprogramm teilnehmen – objektiv betrachtet, tolle Nachrichten. Doch wir reagieren mit einem Mal gestresst, gereizt, verärgert, ablehnend. Fühlen uns wie gelähmt und spüren plötzlich Angst vor dem, was da auf uns zukommt. Wie kann das sein? Psychologen beobachten das Phänomen seit einiger Zeit bei immer mehr Menschen. Ihre Erklärung: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der ständig alles im Fluss zu sein scheint, in der sich Veränderungen mit einer so hohen Geschwindigkeit vollziehen, dass wir den Überblick zu verlieren drohen“, so ein Expertenteam der Universität Kassel unter Leitung des Psychologen Ernst-Dieter Lantermann.

„Moderne Lebensverhältnisse sind unsichere Lebensverhältnisse.“

Traditionen, die uns früher Halt gaben, haben sich überlebt. Statt Ehe und Familie neue Patchwork- und Wahlverwandtschaftsnetze – so empfindlich und flexibel, dass sie uns nicht immer zuverlässig tragen. Der Arbeitsplatz steht auch mal wieder infrage. Dazu der Klimawandel, die Weltwirtschaftskrise – jeder Tag konfrontiert uns mit einem so hohen Maß an Verunsicherung, dass die Zuversicht – unser emotionaler Regulator – nicht mehr nachkommt. Kein Wunder, wenn dann eine scheinbar geringfügige Veränderung im Büro oder der Nachbarschaft der berühmte Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt.

"Veränderung ist das Salz des Vergnügens " - Friedrich Schiller

Das Gehirn reagiert auf Unbekanntes mit Steinzeit-Mustern

Verunsicherung und ihre Folgen lassen sich sogar wissenschaftlich messen. In einem Experiment entdeckte Michael Inzlicht, Neurowissenschaftler und Professor für Psychologie an der Universität von Toronto, dass wir ein „katastrophisches Gehirn“ besitzen: Wir sind immer auf das Schlimmste gefasst. Sobald etwas nicht ganz koscher erscheint, durchfluten uns Angst und Adrenalin und das instinktive Wissen um die einzigen drei Möglichkeiten, die
wir haben: flüchten, kämpfen, verstecken. In der Zeit, da jeder abgebrochene Ast ein Hinweis auf eine Herde zerstörungswütiger Mammuts sein konnte, ergab es natürlich Sinn, ängstlich und übervorsichtig an alles Unbekannte heranzuschleichen.

Heute ist diese Überlebenstaktik nur in bestimmten Fällen erforderlich. Dennoch reagiert der Mensch im dritten Jahrtausend auf unklare Situationen wie einst. Einziger Unterschied: Wir tarnen unsere Ängstlichkeit. Wir lästern, gucken genervt, beklagen uns. Schade, denn jeder Mensch besitzt die psychologischemotionale Ausstattung, um mit Veränderungen klarzukommen: die sogenannte Veränderungsintelligenz. Damit meint die Forschung keine feststehende charakterliche Eigenschaft, sondern einen gelungenen Mix aus Interesse, Neugier, Urteilskraft, Offenheit, praktischer Intelligenz, Weitblick, Zivilcourage, Selbstkontrolle, Optimismus.

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