[Alt-Text]

Mut und Herz Mein freier Wille

Für vital ist es das Gefühl des Monats, für unsere Essayistin sogar das passende Motto für ihr ganzes Leben. Denn die Bestsellerautorin Hatice Akyün beschreibt, wie sie es mit Mut & Herz schaffte, in jeder Form „selbstständig“ zu werden – gegen alle Widerstände.
Selbstständig werden
Geboren bin ich in dem kleinen Dorf Akpinar in Anatolien, Akpinar bedeutet "das dorf der reinen Quelle", und bis heute holen die Frauen das klare Wasser mit Krügen von den Brunnen. Dieses Dorf ist der perfekte Ort für alle gestressten Menschen mit Burnout-Syndrom, Milliarden Kilometer entfernt von Internet und Verkehrschaos.

Sind Sie glücklich?

Hier finden Sie noch mehr Themen:

Für mich war es sein Mut, der es möglich machte

An einem Frühlingstag vor gut vierzig Jahren kam ein Mann in unser Dorf und erzählte von Arbeit in einem anderen Land. Mein Vater, ein Landwirt, überlegte nicht lange, fasste sich ein Herz und folgte dem Ruf nach einem besseren Leben für seine kleine Familie. Am Tag meiner Geburt gab er mir noch den Namen seiner verstorbenen Mutter, meiner Großmutter, stieg in den Bus nach Istanbul, von wo es mit dem Zug weiterging nach Deutschland. In Duisburg fand er eine Anstellung als Bergmann. Drei Jahre später kam er mit Flugtickets zurück nach Akpinar und holte meine Mutter, meine Schwester und mich nach. „Kismet“, Schicksal, antwortete mein Vater kurz, als ich ihn danach fragte, warum er in ein Land gegangen war, dessen Sprache er nicht beherrschte. Kismet kommt bei ihm immer dann ins Spiel, wenn er etwas nicht erklären kann. Für ihn ist es eine höhere Macht, die ohne menschliches Zutun das Leben grundlegend verändert. Für mich war es sein Mut, der es möglich machte, dass ich mein jetziges Leben überhaupt leben kann. Wäre mein Vater in unserem anatolischen Dorf geblieben, wäre ich wahrscheinlich Analphabetin, so wie es meine Eltern sind.

 

Ich war immer die Erste

In meiner Familie war ich immer die Erste. Die Erste, die eine Ausbildung gemacht hat, die ausgezogen ist, die Abitur gemacht und studiert hat. Es war ein harter Kampf. Ich musste meinen Vater von jedem Schritt überzeugen. Er hatte Angst, dass mir etwas passieren könnte und er mich nicht beschützen kann. Mein Vater erzog uns einerseits so, wie er es aus seinem Dorf kannte. Andererseits wusste er auch, dass er jetzt in einem anderen Kulturkreis lebt und seinen Töchtern mehr Freiheiten gewähren muss. Die bislang erbrachte Leistung der ersten Gastarbeiter-Generation ist viel größer als die meiner Generation. Sie sind als Erwachsene gekommen, hatten nicht vor, lange zu bleiben, und mussten sich ihren Platz in einer völlig fremden Kultur mit buchstäblich nichts erkämpfen. Wir Kinder dagegen sind ganz selbstverständlich mit dem Deutschen aufgewachsen. Meine Eltern haben sich hier emanzipiert, ohne dass es Menschen gab, die ihnen dabei geholfen haben. Heute denkt mein Vater ganz anders.
 
Schlagworte: