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Verena Carl Kolumne Meine Jahresringe

Man kann überflüssige Pfunde loswerden – oder mit ihnen leben, findet VITAL-Kolumnistin Verena Carl.

Illustration Silke Werzinger

Ein paar Fakten vorweg. Bei einer Größe von 1,70 Meter wiege ich 66,5 Kilo. Morgens, nüchtern und splitterfasernackt. Das ergibt einen BMI von 23,2 – mittleres Normalgewicht, fällt gefühlsmäßig allerdings eher in die Kategorie „Geht so gerade noch“. Vor allem nach vergleichenden Saunabesuchen fällt mir die Äußerung meines Teenagerfreundes von 1987 ein: „Also, direkt schlank biste nicht.“ Very charming indeed. Noch schlimmer beleidigt war ich nur, als mich wenig später meine englische Gastmutter nach einem Blick auf meine schmale Freundin anstrahlte: „You really look healthy!“

Ich weiß: Ein Quäntchen mehr Bewegung und ein Quäntchen weniger Schokolade würde helfen, etwas körpereigene Masse zu verstoffwechseln. Dazu braucht man keinen Titel in Quantenphysik. Aber sobald sich die Sauna-Sinnkrise gelegt hat, stelle ich regelmäßig fest: Ich will gar nicht. Mit meinem Körper ist das nämlich so eine (runde) Sache: Gegen anstrengende Lebensphasen wappnet er sich mit etwas mehr Polsterung. Und die wird er in leichteren Phasen von selbst wieder los. Ich muss ihn nur lassen.

So geht’s auf und ab. Obwohl ich nie Obama-Oberarme hatte oder eine Halle-Berry-Taille, nicht mal mit 17. Aber da hängt zum Beispiel diese 38er-Wildlederhose in meinem Schrank. Als die mir vor zehn, zwölf Jahren passte, hatte ich gerade einen einfachen Job, leichte bis flüchtige Beziehungen und fühlte mich wie der Rausschmiss-Song in meiner Lieblingsbar morgens um fünf: „Easy like Sunday Morning“. Kein Vergleich zu dem zeltartigen blauen T-Shirt im Grunge-Look aus den 90ern. Mein Lieblingsteil nach sechs Monaten voller Diplomprüfungen und Abschlussarbeits-Sitzungen. Damals sah ich um die Hüften herum so aus wie jetzt, 17 Jahre und zwei Kinder später. Das T-Shirt habe ich noch, zum Schlafen.

Dabei passierte zwischen den Leicht- und Mittelgewichtsphasen nicht viel. Ich habe weder Kalorien gezählt noch als Currywurst-Testerin gearbeitet. Die Kilos kommen und gehen einfach, wie ich sie brauche. Gemäß der alten Fußballer-Maxime: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Derzeit tut mir etwas mehr Kampfgewicht mal wieder gut. Ich brauche das. Beim morgendlichen Kinderkrach um die richtige Bekleidung bei kälteren Temperaturen (nein, nicht das türkise Glitzerhängerchen und auch nicht das ärmellose Fußballshirt!), im ganz normalen, täglichen Wahnsinn zwischen Abgabeterminen, Kita-Schließzeiten und dem bisschen Haushalt. Abends fläze ich mich aufs Sofa, genieße die Früchte der modernen Süßwarenindustrie und schweige. Bewegung? Tagsüber schleppe ich ein Kinder- Gesamtgewicht von bis zu 33 Kilo, einmal pro Woche schleppe ich meine eigenen 66,5 Kilo zum Yoga – und diese entspannende Stunde bringt meine Kalorienbilanz nicht aus dem Gleichgewicht.

Irgendwann kommen wieder leichtere Zeiten. Ganz von allein. Solange freue ich mich über körperferne Tunika-Mode, verschweige meinen Freundinnen, dass mein Mann weniger wiegt als ich, und meide beim Saunabesuch den Ganzkörperspiegel. Oder ich steige bei meiner Mutter auf die Waage. Die zeigt grundsätzlich zwei Kilo weniger an. Vier Pfund in vier Sekunden! Easy like Sunday Morning.

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Autor:
Verena Carl