[Alt-Text]

Familie Ein Leben nach "Hotel Mama"

Wenn die Kinder ausziehen, beginnt nicht nur für sie, sondern auch für die Eltern ein neues Leben. In Vital erzählen vier Frauen, wie sie ihr „leeres Nest“ wieder gefüllt haben.

Ein Leben ohne Kinder

Es ist ein 24-Stunden-Job. Jahrelang. Und plötzlich macht die Tochter oder der Sohn die Kinderzimmertür zu und bespricht Probleme lieber mit Freunden als mit Mama. Dann fährt sie oder er allein mit Freunden in die Ferien, sucht sich einen Job, eine Studentenbude – und eines Tages stehen ein paar zusammengetrommelte Umzugshelfer mit einem klapprigen Lieferwagen vor der Tür, die „unser Kind“ samt Koffern und Kisten einfach mitnehmen.
Ab 25 wohnen laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden noch 21 von 100 jungen Frauen im "Hotel Mama". Junge Männer lassen sich in diesem Alter etwas mehr Zeit: 38 von 100 nutzen noch die Vorteile des Eltern-Haushalts. Vor allem wegen längerer Ausbildungszeiten bleibt die nächste Generation heute länger zu Hause wohnen.

Viele Mütter spüren: Das war noch nicht alles 

Doch irgendwann ist das Nest leer. Und bei den Müttern macht sich häufig ein inneres Nichts breit. „In meinem Kopf geisterten Fragen herum wie: Warum eigentlich noch? Was soll jetzt noch kommen?“, erzählt etwa Britta Müller (Name von der Redaktion geändert). Im Herbst 2010 zog ihr Sohn Philip, 21, aus. Die Töchter Charlotte, 25, und Marlene, 23, sind schon länger weg. Trotzdem bringt die Ärztin es nicht übers Herz, die früheren Kinderzimmer zu verändern.
So geht es vielen Frauen. „Es gibt keine genauen Zahlen, wie viele Frauen vom sogenannten ,Leeres-Nest-Syndrom’ betroffen sind. Ich schätze, dass es ein Drittel aller Mütter ist“, sagt die Berliner Psychologin Beate Schultz-Zehden. Gerade Frauen, die ihr Leben stark nach den Kindern ausrichten, geraten „nach deren Auszug oft in eine Identitätskrise und müssen sich erst ein neues Selbstbild erschaffen“, bestätigt die Augsburger Kommunikationswissenschaftlerin Birgit Adam.
Doch auch Mütter, die Kind und Karriere tatsächlich unter einen Hut bekommen haben, sind vor Tiefpunkten nicht gefeit. Was tun, wenn sich die neue Freiheit nicht gut anfühlt? Wenn man dem Partner plötzlich nichts mehr zu sagen hat, weil das Abitur und die laute Musik aus dem Kinderzimmer als gemeinsame Themen wegfallen? Auch als Paar müssen sich viele Eltern neu finden. Nicht selten folgt kurz auf den Auszug der Kinder der letzte Arbeitstag des Partners. Plötzlich ergibt sich wieder ganz viel Zweisamkeit, (zu) viel Nähe. Jede Menge Zeit steht auf einmal zur freien Verfügung. Was mache ich damit? Zurück in den alten Job? Gibt’s den noch? Kann ich, will ich das noch? Viele Mütter erwachsener Kinder haben keine Lust mehr, sich weiterhin allein um den Haushalt zu kümmern, sie spüren, dass das noch nicht alles war, was das Leben für sie bereithält, und fangen an zu träumen. Eine neue Rollen- und Aufgabenverteilung steht an.

BUCHTIPPS

„Loslassen und sich selber finden“ von Verena Kast, Herder Verlag, 128 Seiten, 7 Euro

„Eltern allein zu Haus“ von Birgit Adam, Sankt Ulrich Verlag, 202 Seiten, 16,90 Euro

„Endlich Platz im Nest – Wenn Eltern flügge werden“ von Uwe Bork, Kreuz Verlag, 159 Seiten, 12 Euro

„Ausgeflogen“ von Felicitas Römer, Patmos Verlag, 174 Seiten, 14,90 Euro

Als Paar müssen sich viele Eltern neu erfinden 

Und die Väter? „Auch sie leiden natürlich, wenn die Kinder ausziehen. Aber sie sprechen oft nicht darüber“, sagt die Münchner Psychologin Gabi Ingrassia. Doch das Schweigen kann fatale Konsequenzen haben. „Das Trennungsrisiko steigt, wenn die Kinder ausziehen, vor allem in den ersten beiden Jahren danach“, sagt Ingmar Rapp, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Weber-Institut für Soziologie der Universität Heidelberg.
Wer aber diese erste Phase im „leeren Nest“ übersteht, hat sogar die Chance auf eine bessere Partnerschaft, zeigt eine aktuelle US-Studie. Die Gründe: mehr Zeit und weniger Stress. „Obwohl ich selbst mit 17 ausgezogen bin, fällt es mir schwer, die Kinder loszulassen“, gibt Angelika Lautenbacher offen zu. „Aber ich genieße auch die neue Freiheit. Dieser geregelte Tagesablauf ist weg. Jetzt unternehmen mein Mann und ich wieder öfter Dinge spontan. Nur wir zwei.“ Angelika Lautenbacher, Britta Müller und zwei weitere Frauen haben uns erzählt, wie sie das „leere Nest“ erlebt und wieder gefüllt haben.

1 2 3
Schlagworte:
Autor:
Claudia Steiner