[Alt-Text]

Kolumne Was gut ist, kommt zurück

VITAL-Kolumnistin Verena Carl hatte neulich eine Erleuchtung. Die überkam sie im Bademantel, lässt sich beliebig vervielfachen – und trägt das Prädikat „besonders wertvoll“
Frau am Tisch

Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen. Einer Frau im Bademantel schon, aber da ist meistens nichts drin außer einem gebrauchten Tempo und einem Schlüssel für den Sportstudio-Spind. So war’s auch am Freitag vor ein paar Wochen, als wir in der Cafeteria eines Wellnessclubs saßen und der Kellner unsere Putenbrustsalate und Ofenkartoffeln zusammenrechnete. Eigentlich bestand die Runde aus intelligenten Frauen, darunter eine Personalchefin, eine VITAL-Kolumnistin und sogar eine Steuerberaterin. Aber dass wir für das Mittagessen zwischen zwei Bio-Saunagängen Geld brauchen könnten – daran hatte keine gedacht. Bis auf Susanne, Kommunikationsberaterin. Die zahlte für uns alle und wehrte sich, als wir die baldige Rückzahlung versprachen. „Ich will kein Geld von euch zurück, ich wünsch mir was anderes.“ Teller waschen in Susannes Küche? Handynummer von Hollywood-Stars? Nein:„Gegeneinladungen! Dann sehe ich euch bald wieder, und wir haben alle was davon.“

Großzügig durch das Leben

Das überzeugte mich sofort. Mit einer ganz einfachen Idee wird aus einem Tauschhandel ein Mehrwert für alle. Weil wir mit dem sonnigen Gefühl gegenseitiger Großzügigkeit zurückbleiben. Angeblich ist das sogar messbar: Hirnforscher bestätigen, dass beim Schenken die gleichen grauen Areale aktiviert werden wie beim Beschenktwerden. Jedenfalls geht’s mir dabei ganz anders als mit Menschen, die privat Abrechnungen machen wie ein Inkassounternehmen („Dein Cappuccino hat aber 70 Cent mehr gekostet als mein Espresso!“). Großzügigkeit ist so kostbar, dass sie sich jeder haltung entzieht, aber prima zwischenmenschliche Bilanzen fördert. Deshalb haben mein Mann und ich auch kein gemeinsames Konto. Schon deshalb, weil ich ungern ein Geschenk für ihn aus einem Topf bezahlen würde, in den wir gemeinsam hineinwerfen. Und umgekehrt.

Fünfe gerade sein lassen statt Pfennigfuchserei (oder muss ich sagen: Centfuchserei?) fühlt sich aber nicht nur im engeren Kreis gut an. Anfang des Jahres verbreitete einer meiner Facebook-Kontakte diese Idee: „Die ersten fünf Leute, die das hier kommentieren, bekommen im Lauf der nächsten zwölf Monate eine nette Kleinigkeit von mir spendiert. Einzige Bedingung: das hier kopieren und selbst auf Facebook stellen.“ Seitdem habe ich eine Tüte Gummibärchen oder ein Glas Rioja bei Michi aus der Lüneburger Heide gut. Ich darf nur den Lattemacchiato mit Karamellaroma für Julia aus Hessen nicht vergessen.

Ein Netzwerk der Nettigkeiten

Eine Kultur des Füreinandersorgens. Oder sogar mehr: So etwas wie eine kleine Privat-Revolution gegen eine Welt, in der Menschen mit Wetten auf den Weizenpreis und faulen Immobilienkrediten Geld scheffeln. Vor allem, weil es hier eben nicht um das exakte Aufrechnen geht. Kindergartenmütter schenken sich gegenseitig gebrauchte Dreiräder oder herrenlos gewordene Playmobil-Ritter, Nachbarn leihen sich Autos oder Akkubohrer, Menschen in ähnlichen Jobs tauschen Kontakte und Ideen. Ohne akribisch darüber Buch zu führen. Schließlich habe ich mir auch nicht gemerkt, ob ich beim Essen mit Susanne die Ofenkartoffel mit oder ohne Putenbruststreifen hatte. Oder wem ich beim nächsten Saunagang einen wertvollen Tipp gegeben habe. Vollkommen egal. Die Welt ist rund. Aus irgendeiner Himmelsrichtung kommt das Gute zurück. Und es kostet: null Cent.

Schlagworte:
Autor:
Verena Carl