[Alt-Text]

Balance: Psychologie Sie haben Geheimnisse? Gut so!

Lange Zeit hieß es, etwas vor anderen zu verbergen belaste die Seele schwer. Jetzt wissen Psychologen: im Gegenteil. Ein paar kleine Heimlichkeiten braucht jeder von uns!
kleine-heimlichkeiten

Als Kinder hielten wir so manches vor unseren Eltern geheim. Zum Beispiel den heimlichen Süßigkeitenvorrat unter dem Bett. An der Zimmertür zum eigenen Reich mit seinen Schätzen baumelten Schilder wie „Sperrgebiet“ oder „Zutritt verboten“. Mahnungen wie „Ihr geht dann um zehn ins Bett, bei Papa und mir kann’s spät werden, wir verlassen uns auf euch“ ernteten ein unschuldiges Nicken. Dass stattdessen bis in die Puppen der Flimmerkasten lief, ging in die geheimen Chroniken der Kindheit ein. Kamen die Eltern doch dahinter, drohte die ein oder andere Sanktion. Fernsehverbot! Jedem, der ein bisschen darüber nachdenkt, wird eine frühe Erinnerung dieser Art einfallen. Wohl einer der Gründe, weshalb ein Geheimnis in unseren Köpfen fast automatisch mit einem Vergehen, mit Lügen und Hintergehen verknüpft wird. Wo ein Geheimnis existiert, lauert Verrat, wo etwas vor anderen verborgen wird, wittern wir Betrug. Da drückt den Geheimnisträger das schlechte Gewissen. „Jemand hütet ein dunkles Geheimnis“, heißt es. Und tut gut daran, es zu beichten. Etwas für sich zu behalten ist zutiefst menschlich Sind Geheimnisse dazu da, sie zu lüften? Oder besitzen sie auch gute Seiten, könnte es sogar wichtig sein, welche zu haben? Seit Jahrzehnten gehen Psychologen und Forscher dieser Frage nach. Zunächst einmal steht fest: Jeder hat sie.

Jeder hütet seine Geheimnisse, niemand präsentiert sich als offenes Buch, in dem andere nach Belieben blättern können, um ungehindert alles über ihn zu erfahren, ohne Zensur. Im Gegenteil – die aktuelle Forschung bringt etwas anderes ans Licht: Jeder Mensch braucht seine Geheimnisse. Denn Geheimnisse erweisen sich als wichtiges Werkzeug für unsere Seele, um ihre gesunde Balance zu halten, um zwischen innerer und äußerer Welt zu vermitteln. „Etwas für sich zu behalten, ist zutiefst menschlich“, sagt die US-amerikanische Psychiaterin Gail Saltz. „Eine Verhaltensweise von vielen, wie wütend sein oder albern, offenherzig oder eben verschlossen, indem wir auf die Vorstöße anderer mit Rückzug reagieren.“ Geheimisse helfen sich abzugrenzen, eine Grenze zu ziehen zwischen mir und den anderen. Bis hierher und nicht weiter. „Dieses Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz, zwischen privat und öffentlich, macht uns als Indivi­duen aus“, sagt Saltz, Autorin eines Buches über die Psychologie von Geheimnissen. „Sie geben uns einen sicheren Hafen, der uns die Freiheit erlaubt herauszufinden, wer wir sind.“ Und das beginnt schon früh. Etwa mit vier Jahren merken wir, dass wir eine ge­wisse Kontrolle ausüben können über unsere Umwelt, zum Beispiel, indem wir Nein sagen. „Uns wird klar, dass wir Dinge über uns selbst wissen, die unsere Eltern nicht wissen“, so die Psychologin. Zur Ent­stehung unserer Identität gehöre eben auch: nichts zu sagen, zu schweigen, mit etwas nicht nach außen zu gehen. Wir brauchen Geheimnisse, um Grenzen zu ziehen Besonders Eltern von Teenagern kennen das Gefühl, dass ihr eigenes Kind zum frem­den Wesen mutiert. Wenn die Tochter sich in ihrem Zimmer einschließt, stundenlang mit Freundinnen chattet und mit Informa­tionen („Wann schreibt ihr die Mathe­ arbeit?“ „Keine Ahnung, irgendwann.“) nur spärlich herausrückt, dann mag das ner­ven. Aber das geheimnistuerische Verhal­ten führt dazu, dass Teenager

Paar ist verliebt
emotional autonom werden, wie eine Studie der Freien Universität in Amsterdam belegt. Der für die Eltern mitunter schmerz­liche Prozess bedeutet für das Kind eine Etappe, in der es sich selbst findet. Da wird nicht mehr blind alles geteilt, sondern abgewägt, selbstbestimmt gefiltert. Aus gutem Grund: Das „Herrschaftswissen über uns selbst“ dient künftig dem Schutz unserer Intimsphäre. Wir entscheiden, was wir von uns preisgeben, und formen be­wusst das Bild, das wir nach außen hin präsentieren wollen. „Natürlich muss Ihr Chef nicht wissen, dass Sie keine fiese Grippe, sondern einen gynäkologischen Eingriff hatten. Dass Sie „hier!“ gerufen haben, als es um ein neues Projekt ging, obwohl Sie insgeheim wussten, dass Sie sich dafür noch ein paar Dinge aneignen müssen. Wären Sie damit rausgerückt, wäre die Chance an Ihnen vorbeigezogen“, so Geheimnis-Expertin Saltz. Im Erwachsenenleben dienen Geheimnisse also auch dazu, Makel im eigenen Leben zu beheben, sie quasi unsichtbar oder ungeschehen zu machen.

In zwischenmenschlichen Beziehungen schützen Geheimnisse besonders vor Verletzungen, und sie sichern unsere soziale Stellung: Ihre Freundin braucht nicht zu erfahren, dass Sie ihren neuen Freund nicht mögen (kann sich ja noch ändern). Und natürlich haben Sie bemerkt, dass die Kollegin am Schreibtisch gegenüber heimlich eine Diät macht. Aber das können Sie guten Gewissens für sich behalten. Oder wer würde über den Büroflur rufen, dass er sich nebenher nach einem neuen Job umsieht? Wen geht das in dem Moment etwas an außer Sie allein? Genau. „Es besteht kein Grund für ein schlechtes Gewissen, wenn Sie mit etwas hinter dem Berg halten. Solange wir unsere Geheimnisse kontrollieren können und sicherstellen, dass sie nur das tun, was wir von ihnen wollen, nämlich einen Schutzraum für unsere Integrität bieten, kann das Leben mit ihnen tatsächlich einfacher werden“, so Geheimnisforscherin Saltz. „Dann erweist es sich als gesünder und klüger zu schweigen, als eine Bloßstellung zu riskieren.“ Geheimnisse sind die Währung der Freundschaft Dabei sah das Ganze lange Zeit etwas anders aus: Da gingen Psychologen davon aus, es gäbe kaum etwas Ungesünderes, als etwas zu verheimlichen. So stellte der US-amerikanische Psychologe James Pennebaker in einer Studie fest, dass die Haut von Testpersonen, die etwas vor dem Versuchsleiter verheimlichen sollten, eine höhere elektrische Leitfähigkeit aufwiesen – ein Zeichen für emotionalen Stress. Menschen, so schloss der Forscher aus weiteren Untersuchungen, die zudem viel Energie darauf verwenden, ihre Geheimnisse nicht auffliegen zu lassen, lebten mit einem deutlich erhöhten Risiko, Herz- Kreislaufprobleme oder Depressionen zu bekommen. Forscher wie Anita Kelly, Psychologin von der University of Notre Dame in Indiana, halten jedoch mit neuen Erkenntnissen dagegen: „Ein verborgenes Geheimnis macht sogar gesünder. Vorausgesetzt, dass die Betroffenen generell offen und aufgeschlossen sind und sich in ihrem sozialen Gefüge gut aufgehoben fühlen.“ Dabei fungieren Geheimnisse gleichzeitig wiederum als Kitt, der feste Bindungen schafft. So fand die Sozialpsychologin Catrin Finkenauer von der Freien Universität Amsterdam heraus, dass wir die meisten unserer Geheimnisse mit mindestens einer Person teilen, und genau das stärke die sozialen Bande. „Geheimnisse sind die Währung der Freundschaft“, eine Eintrittskarte in die engere Beziehung zu einem Menschen. Aber wie steht es mit der Liebe? „Kleine Geheimnisse wahren unsere Identität und unsere Autonomie, das gilt auch für die Liebe“, sagt Anita Kelly. „Bei aller Vertraut­heit braucht eine Beziehung diese gewisse Fremdheit zwischen den Partnern. Sonst entsteht keine Spannung, die das Interesse beim anderen wachhält. Außerdem brau­chen wir unsere kleinen Heimlichkeiten, unsere intimen Gedanken nicht zuletzt, um unser Ich im Wir zu bewahren.“ „Aber“, so Kelly weiter, „natürlich bedeuten Geheimnisse immer eine Gratwan­ derung. Wer sich mit einer Aura der Un­durchschaubarkeit umgibt, macht es sich und seinem Umfeld schwer. Genauso gehö­ren Betrug und schwere Lebenslügen nicht in die Kategorie gesunder Geheimnisse.“ Allen, die ein Geheimnis lüften möchten, rät sie, Zeitpunkt und Ort genau abzuwä­gen. Es hilft, sich selbst im Vorfeld folgende Fragen zu beantworten: Tut es mir gut, es zu erzählen? Dem anderen? Hat er sogar ein Recht darauf, es zu erfahren? "Die Antworten muss jeder für sich selbst fin­den“, betont die Psychologin. Ein bisschen gleicht unser Leben einem Tagebuch. Wir sind die Autoren der Ge­schichten darin, wir entscheiden, wem wir Teile daraus vorlesen. Die Franzosen haben ein schönes Bild dafür: Sie sprechen von ihrem „Petit Jardin secret“, dem „kleinen geheimen Garten“. Wie eine Schachtel, in der sich viele kleine Gegenstände befinden, Fotos, Schmuckstücke, Zettelchen – kurz­ um Dinge, die nur die Person etwas an­ gehen, die diese Schachtel ausgesucht und gefüllt hat. Und die als einzige die Befugnis besitzt, sie zu öffnen.