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Interview Die Jugend stellt die Weichen

Die Hamburger Diplom-Psychologin Christine Geschke erklärt, warum Zeitreisen Veränderungen anregen und wieso wir die Jugendzeit oft verklären.

Lachende Mädchen

VITAL: Eine Zeitreise zurück in die Jugend – warum tut sie manchmal gut?
Christine Geschke: Weil wir dann automatisch auf Abstand zu uns selbst gehen. Das gewohnte Denken und Handeln wird hinterfragt.

Was passiert dabei?
Die Psychologie geht davon aus, dass jedem von uns beides innewohnt: eine Selbsterhaltungs- und eine Selbstentwicklungs-Tendenz. Beide stehen in Konkurrenz zueinander. Einerseits sind wir froh, so zu sein wie wir sind, andererseits möchten wir uns weiterentwickeln, verändern, auch wenn das Risikobereitschaft erfordert. Entfernen wir uns gedanklich aus dem Hier und Jetzt, reisen in die Vergangenheit, können wir solche Veränderungswünsche erkennen.

Die Jugend bestimmt also auch später noch, wer und wie wir sein wollen?
Ja. In der Jugend werden Weichen für das ganze Leben gestellt. Außergewöhnliche, gefühlsstarke Erlebnisse wie die erste Liebe oder das bestandene Abitur erregen im Gehirn besonders viel Aufmerksamkeit und sind so gut wie nicht löschbar. Und werden von vielen verklärt. Das Gehirn hat allgemein die Tendenz, das Vergangene zu verklären. Grundsätzlich möchten wir glauben, ein sinnvolles, schönes Leben geführt zu haben. Das ist auch ein gewisser Selbstschutz.

Wie schaffe ich es dennoch, meiner Jugend nicht hinterherzutrauern?
Durch gewohnte Tagesab- läufe wird unser Leben reizärmer, das Gehirn schaltet auf Autopilot. Da liegt es nahe, die Jugend mit ihren vielen „ersten Malen“ zu verherrlichen. Dagegen hilft nur, der Gewöhnung neue Reize entgegenzusetzen. Interessante, schöne Erfahrungen wie Reisen, Hobbys oder neue Kontakte machen unabhängig vom bereits Erlebten.

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