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Gefühlskalender Jahreszeiten der Seele

Nicht nur das Wetter bestimmt unseren Gefühlskalender. Frühling, Sommer, Herbst und Winter wecken Emotionen und Erinnerungen. Wer weiß, woher sie kommen, kann besser damit umgehen.

Vier Jahreszeiten

Der Frühling 

Die Luft ist lau, die Tage werden länger. Wer sich jetzt oft im Freien aufhält, fühlt sich wie frisch verliebt, weil der Körper reichlich „Glückshormone“ (Serotonin) produziert. Und der Winterspeck verschwindet fast wie von selbst. Kein Wunder, dass Wissenschaftler wie der US-Psychiater Dr. John Sharp von der Harvard Medical School in Boston immer wieder feststellen, dass sich die meisten von uns im Frühling am wohlsten fühlen. In seinem Buch „The Emotional Calendar“ (Times Books, 273 Seiten, 20,60 Euro, bislang nur auf Englisch) warnt Sharp allerdings vor zu viel Rosarot. „Für sehr traurige Menschen bedeutet der Frühling eine echte Qual“, so der Experte. „Niemals sonst steht ihr Empfinden in so krassem Gegensatz zu dem ihrer Mitmenschen.“ Und in ihrer Frühlings-Euphorie sehen diese oft nicht, wie schlecht es dem anderen geht. Sein Rat: Offen ansprechen, dass es einem – trotz Frühling – nicht gut geht, und um Hilfe bitten.

Der Sommer 

Für viele der Höhepunkt des Jahres. Das Leben findet draußen statt und fühlt sich so leicht an wie ein luftiges Kleid. Doch der Sommer ist auch die Zeit der Kopflosigkeit. Statistiken zeigen: Nicht nur Teenager-Schwangerschaften und Gewaltverbrechen häufen sich jetzt. Auch die Ausgeglichensten unter uns lassen sich im Sommer leichter verführen oder provozieren. „Das zu wissen, ist schon der beste Schutz“, sagt Dr. John Sharp. Bei manchen Menschen stellt sich im August allerdings ein Gefühl ein, das alles andere als sommerlich- leicht ist: Angst. Wenn die großen Ferien zu Ende gehen, beginnt für viele wieder der „Ernst des Lebens“. Sharp: „Wer früher nicht gern zur Schule gegangen ist, trägt dieses Datum häufig ein Leben lang mit sich her um. Besonders, wenn auch der spätere Beruf kein Traumjob ist.“ Was hilft gegen die Angst? „Sehen Sie sich z. B. Fotos von früher an. Sagen Sie Ihrem inneren Kind, dass es niemals mehr zur Schule gehen muss.“

Der Herbst 

Psychologen ließen im Rahmen von Langzeitstudien seelisch gesunde Menschen Fragebögen ausfüllen, die ursprünglich für depressive Patienten gedacht waren. Ergebnis: Im Herbst fühlen sich auch sonst zufriedene Menschen vermehrt depressiv. Wie stark sich das „Herbst-Tief“ ausprägt, hängt eindeutig vom Breitengrad ab, auf dem man lebt: Finnen leiden stärker als Italiener. Was hilft, wenn die Seele von Herbstlaub verschüttet wird? 1. Zuführen, was fehlt: Licht. Jede Minute Tageslicht draußen nutzen und sich zusätzlich ein- bis zweimal am Tag eine halbe Stunde vor eine Therapieleuchte mit 10 000 Lux (im Fachhandel) setzen. 2. Dem Körper helfen, sich auf die Dunkelheit einzustellen. „Wir sollten nicht versuchen, solche negativen Auswirkungen der Jahreszeiten zu ignorieren“, sagt Dr. Sharp, „sondern sie lieber bewusst leben.“ Das heißt: Sich abends mit einem Becher Tee bei Kerzenlicht in eine Decke aufs Sofa zu kuscheln, hat eben nichts mit Trübsal blasen zu tun. Es ist ein Genuss! Wer so den Einfluss von Kunstlicht auf seinen Organismus mindert und sich Ruhe gönnt, gibt Körper und Geist Gelegenheit zu tiefer Regeneration.

Der Winter 

Kälte klärt die Gedanken. Doch es kommt auf die Dosis an. Dr. John Sharp: „Menschen meiden Kälte instinktiv. Aus gutem Grund: Im Winter gibt es trotz aller Annehmlichkeiten der Moderne noch immer die meisten Krankheitsfälle.“ Der Körper schützt sich, in dem er Reserven anlegt. Bleibt es bei ein, zwei Kilo – kein Problem. Auch die Psyche profitiert von süssen, warmen Seelentröstern. Wer friert und Hunger hat, fühlt sich einsam und traurig. Kein Wunder, dass im Winter fast jede Kultur ein Lichterfest mit Festschmaus feiert. „Ob wir Weihnachten mögen, hängt mit Kindheitserinnerungen zusammen, die sich im Winter melden“, erklärt Dr. Sharp. „Und es fällt umso leichter, je besser man sich gegen überhöhte Erwartungen abgrenzt.“ Schieben Sie einen Riegel vor! Laden Sie nur wirklich wichtige Menschen ein. Und wie wäre es mit einem Anti-Stress-Julklapp? Jeder Gast braucht nur einem der Anwesenden, den er zuvor per Los gezogen hat, ein kleines Geschenk mitzubringen.

 

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