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Psychologie Introvertiert und Extrovertiert

Jede Seele besitzt eine „Wohlfühl-Lautstärke“. Doch leise, introvertierte Menschen sind in der Minderheit. In unserer lauten Welt, die vor allem die als stärker geltenden Extrovertierten sieht, fühlen sie sich deplatziert. Zu Unrecht.

Introvertierte Frau

In einer Viertelstunde beginnt die Einweihungsfeier der neuen Nachbarn. Eine wirklich nette Familie. Zwei Kinder, ein Hund – und sicher viel Freunde. Auch der redegewandte Versicherungskaufmann von gegenüber und seine charismatische Freundin werden da sein. Genauso wie der selbstbewusste Agenturchef aus dem dritten Stock, der wieder alle zum Lachen bringen wird. Dabei hat er eine knallharte Arbeitswoche hinter sich.

Extrovertierte geben den Ton an, Stille werden übersehen

Und Sie? Freuen Sie sich auf diesen Abend, gute Gespräche und das Unter-Menschen-Sein? Oder würden Sie lieber zu Hause bleiben, weil Sie merken, dass Ihre Akkus leer sind und Sie wissen, wie viel Kraft Sie so eine Feier jedes Mal kostet? Natürlich ist niemand von uns ausnahmslos Partymuffel oder Partylöwe. Vielmehr verläuft zwischen den beiden Begriffen eine sogenannte Persönlichkeitsdimension, die Psychologen in jüngster Zeit genauer unter die Lupe nehmen. Dabei sprechen sie von Introversion (Partymuffel) und Extroversion (Partylöwe). Vereinfacht gesagt: Sie teilen die Welt auf in laute und leise Menschen. Jeder trägt einen individuellen Lautstärkeregler in sich. An ihm können wir zwar je nach Stimmung und Situation drehen. Gleichwohl besitzen wir alle eine „Wohlfühl-Lautstärke“, die wir nicht gern über- oder unterschreiten, weil es uns auf Dauer nicht guttut. Untersuchen Psychologen andere Merkmale, beispielsweise den IQ, stoßen sie nahezu immer auf einen mittleren Wert, den die allermeisten Menschen kaum unter- oder überschreiten. Wissenschaftler nennen das „Normalverteilung“. Bei Intro- und Extroversion, der „inneren Lautstärke“, liegt der Fall offenbar anders. Etwa 75 von 100 Personen sind extrovertiert, also eher laut. Nur 25 Prozent sind introvertiert, also eher still. Hinzu kommt: Wer laut ist, das zeigen Studien, wirkt auf andere attraktiver, klüger, ist beruflich erfolgreicher und beliebter.

Frau am lesen
Dass sich die Stillen da zuweilen als Außenseiter fühlen oder wie das berühmte schwarze Schaf, überrascht daher nicht. „Schon als Kind war ich mir häufig selbst ein Rätsel“, schreibt die US-Psychologin Marti Laney. „Ich brauchte Jahre, um dahinterzukommen, dass all meine rätselhaften Widersprüche tatsächlich Sinn ergaben: Ich war ein ganz normaler, introvertierter Mensch. Diese Entdeckung verschaffte mir große Erleichterung.“

Gene regeln die Lautstärke. Sie ist gut – so, wie sie ist

Still zu sein ist also kein Makel. Sondern eine Kraft. Vorausgesetzt, Introvertierte nehmen drei – niedrige! – Hürden: 1. Sie sollten wohlwollend akzeptieren, dass sie still(er) sind als andere. 2. Sie sollten offen damit umgehen und darüber sprechen, um nicht länger als kauzig, komisch und kühl wahrgenommen zu werden. 3. Sie sollten lernen, mit ihrer Energie zu haushalten, ihre Akkus regelmäßig aufzuladen – und dann im richtigen Augenblick all ihre Stärken zeigen.

Dabei hilft es zu wissen, dass der innere Lautstärkeregler teilweise angeboren ist. Sich dafür selbst zu kritisieren ergibt keinen Sinn. Schließlich verurteilen wir uns ja auch nicht dafür, zehn Finger, zwei Beine und einen Kopf zu haben. Dort stießen Forscher übrigens auf weitere wichtige Unterschiede: Im Gehirn introvertierter Menschen nimmt das Blut einen anderen Weg als bei extrovertierten. Bei Lauten ist er kurz und direkt, bei Stillen lang und verzweigt. Außerdem fließt bei ihnen mehr Blut ins Gehirn. Das heißt: Sie werden stärker „von innen“ gereizt.

Dagegen brauchen laute Menschen viele Reize von außen, weil nur solche bei ihnen die Freisetzung von Adrenalin und Dopamin anregen – zwei Botenstoffe, nach denen Extrovertierte regelrecht süchtig sein können. Dopamin wirkt bei ihnen obendrein später und kürzer als bei stillen Menschen. In deren Gehirnen kommt stattdessen ein anderer Botenstoff zum Einsatz, das Acethylcholin.

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