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Gesundheit Humor ist die beste Therapie

Gerade wenn wir uns blöd fühlen, entfaltet Humor seine erstaunliche Wirkung: Er entkrampft das Denken, stoppt Ängste und schafft die nötige Distanz. Nicht nur im Alltag. Psychologen bauen mithilfe des Lachens kranke Seelen wieder auf.

Lachende Frauen

Er bittet mich ständig um Geld und ich weiß nicht, wofür“, beklagt sich eine 40-jährige Klientin. Sie macht sich Vorwürfe, weil sie ihren Sohn hinter dem Rücken ihres Mannes finanziell unterstützt. Keines der Gespräche, dass die Frau auf Anraten der Therapeutin mit dem Sohn führte, veränderte etwas. „Ihr Sohn ist ein ganz schön gemeiner Hund. Knurren Sie doch, wenn er Sie wieder anhaut“, rät die Psychologin jetzt.
Zwei Wochen später kommt die Klientin zur nächsten Sitzung. „Ich habe es getan“, berichtet sie mit zufriedenem Lächeln. „Geknurrt wie ein Hund. Sie hätten sein Gesicht sehen sollen. Das nächste Mal belle ich.“ Jetzt lacht auch die Therapeutin. Viel später sagt die Klientin: „Ich habe das als große Bestätigung empfunden. Da habe ich gemerkt, dass Sie mich wirklich verstehen und mögen.“

Gemeinsames Lachen wird zum kreativen Werkzeug 

Diese Szene erlebte die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast in ihrer Praxis. Natürlich setzt sie solche humorvollen Ratschläge bewusst und nur dann ein, wenn Patient und Therapieverlauf es zulassen. Aber dann mit Erfolg. „Der Humor brachte in dieser Situation Vitalität und Hoffnung“, so Kast. „Für uns beide war das ein wichtiger Moment der Gemeinsamkeit. Es löste sich etwas. Anspannung wich Vertrauen.“ Humor in der Psychotherapie? Ja, Sie haben richtig gelesen. In aktuellen Studien erweist er sich durchweg als kraftvoller Motor der Genesung.
Depressive lernen in Gruppentherapien, das Witzige in unterschiedlichen Situationen (wieder) zu entdecken. Immer mehr Ärzte und Therapeuten setzen gezielt Ironie, Witze oder schlicht das Lachen im Rahmen ihrer Behandlung ein. Denn Humor hilft, therapeutische Einsichten zu vermitteln. Er dient als diagnostischer Gradmesser, der anzeigt, wie tiefgreifend eine psychische Erkrankung ist und wie viel die Therapie schon bewirkt hat, und als kreatives Werkzeug, um aus einem anderen Winkel auf das Leben und seine Probleme zu blicken, er macht Festgefahrenes beweglich. „Manchmal öffnet der Humor blitzartig eine neue Perspektive“, sagt auch Prof. Barbara Wild, Neurologin und Psychiaterin an der Universitätsklinik Tübingen. Hilft das, Lebenskrisen zu bewältigen?
Und was, wenn einem das Lachen vergangen ist? Können wir Humor trainieren? Seit Jahren beschäftigt sich Wild mit solchen Fragen. 2007 veröffentlichte sie eine Pilotstudie zu Clowns in der Psychiatrie. Sie untersuchte, wie Depressionen, Schizophrenie und Gewebeveränderungen im Gehirn den Sinn für Humor verändern. „Ich habe es in der Therapie immer wieder erlebt, dass bei den Patienten gerade Deutungen ihres Zustands mit Ironie und einem Augenzwinkern positive Gefühle hervorrufen“, erzählt die Expertin.

Humor macht uns freier und mutiger 

Humor wirkt wie eine Art Schutzzone für die Seele. Denn ein Lachen oder Lächeln ist nicht unbedingt die Reaktion auf gute Witze. „Mithilfe eines Lächelns können wir Ansichten probeweise äußern, sie aber auch wieder zurücknehmen, uns sozusagen im Bereich des Möglichen bewegen“, erklärt Prof. Wild. Humor nimmt uns die Angst, sich dem Unangenehmen zu stellen. Das macht freier, mutiger. Das gilt auch – und gerade – im Alltag. Mal im Ernst: Wie viele Konflikte haben Sie schon mit einem Lachen entschärft? Haben lächelnd etwas gefordert, das unerreichbar schien – und es tatsächlich bekommen? Eben.
Humor ist eine Erfolgsstrategie; im Privaten, im Berufsleben, für ganze Unternehmen“, bestätigt Jumi Vogler, Kommunikations-Trainerin aus Hannover. Bei ihren Vorträgen lässt sie schon mal rote Nasen regnen. Sie will Menschen eine humorvolle Lebensart beibringen. Genauer: Fähigkeiten, die an den Humor geknüpft sind. „Die schlummern in jedem von uns. Meist müssen sie nur wachgeküsst werden“, sagt Vogler, die auch die nachfolgenden Übungen entwickelt hat.
Der Clou: Hat unsere Psyche erst mal wieder Zugriff auf die Kraftquelle Humor, blüht sie regelrecht auf. Wir werden gelassener, kreativer, wirken präsenter.

Humor hinterfragt die Perfektionistin in uns allen 

Heißt das, wir sollen alle mit einem Dauergrinsen durch unser Leben gehen? „Um Himmels willen!“, protestiert Jumi Vogler. Ihr geht es um viel mehr. „Egal, ob Sie eine Rede halten, einen Raum betreten oder zum Chef gehen, um über mehr Gehalt zu verhandeln – Sie werden gesehen.“ Vor allem Frauen neigten dann dazu, sich durch negative Gedanken zu sabotieren („Ich kann das nicht!“). Solche Situationen trainiert Vogler mit ihren Klientinnen, damit sie die wichtigste Eigenschaft des Humors erleben: Er schafft gedankliche Distanz. Er hilft, die Dinge wieder so zu sehen, wie sie sind. „Der humorvolle Mensch sieht sich selbst und andere mit ihren Macken und kann sie trotzdem gern haben.
Echter Humor ist geprägt von Wertschätzung und Fehlertoleranz“, betont Jumi Vogler. Im Kern ist er sogar sehr ernsthaft, weil er genau hinsieht, den Perfektionisten in jedem hinterfragt. „Wer das kann“, verspricht die Expertin, „entwickelt Einfühlungsvermögen, schärft sein Bauchgefühl und stärkt sein Selbst bewusstsein.“ Im Gehirn wirkt Humor ähnlich ganzheitlich, zeigen neurowissenschaftliche Studien. Er aktiviert nicht nur unser Gefühlszentrum, sondern auch Areale, die für logisches Denken, Entscheiden und Kreativität verantwortlich sind. „Humor ist eine uns allen angeborene Fertigkeit, mit seinen Denkfähigkeiten zu spielen und sie auf diese Weise weiterzuentwickeln“, sagt der US-Psycho loge Paul E. McGhee von der Oakland University in Michigan, einer der Pioniere der Humor-Forschung. Soll heißen: Wut beißt sich fest. Humor findet eine Lösung.

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Autor:
Friederike Schön