Herkunft und Wurzeln

Heimatliebe

Meine Heimat: Lange hatten wir das Wort aus unseren Köpfen verbannt. Es galt als kitschig, spießig und ewig gestrig. Doch es ist salonfähig geworden, zu zeigen, wo man verwurzelt ist. Und sogar stolz darauf zu sein – nicht nur am 27. August, dem „Tag der Heimat“. Warum spielt dieses Gefühl für unser Wohlbefinden so eine wichtige Rolle? Eine Spurensuche von Vital- Mitarbeiterin Friederike Schön

Heimat

Diesen Sommer traf ich Silvio. Er lebt in Norditalien. Touristen wie ich sind in seiner „Residenza“ immer herzlich willkommen. Er erzählt ihnen von seiner Heimat. Dann leuchten seine Augen, und seine Hände fliegen in alle Himmelsrichtungen. Dahinten liegt die schönste Osteria, da gibt’s den besten Wein, dort die leckersten „Dolci“. Silvio liebt seine Heimat. Das spüre ich sofort.

Insgeheim beneide ich solche Menschen. Ich habe mich mit Heimatliebe immer schwergetan. Dabei bin ich behütet aufgewachsen. Aber mit der Heimat war das so eine Sache. Früher dachte ich dann immer an Schützenvereine, Kitsch und Spießigkeit. Ein Gefühl von Enge und Einschränkung. Modern ging anders. „Nach dem Abi“, hieß es immer, „steht dir die Welt offen.“ Meine Freunde und ich überboten uns gegenseitig mit Fluchtplänen. Alles schien besser als dableiben.

Wer wollte denn schon auf Tuchfühlung mit Ewiggestrigen gehen? Ohne Zögern verließen wir unsere Heimat für Aufenthalte an renommierten BWL- Schulen in London oder New York, ein Semester an der Pariser Sorbonne oder wenigstens Richtung Berlin. Alles fühlte sich verwegen und aufregend an. Umso überraschter war ich, als mir irgendwann klar wurde: Ich vermisse meine Heimat. In mir hatte sich etwas verändert. Viele andere empfanden das offenbar auch so. Sie trugen diese T-Shirts, auf denen einfach nur „Würzburg“ oder „Hannover“ stand. Zu zeigen, wo man geboren wurde, und das mit liebevollem Stolz, gibt vielleicht mehr Sicherheit in einer Welt, die sich scheinbar immer schneller dreht.

„Der Prozess, den wir Globalisierung nennen, ist ein doppelter“, schreibt der Sozialwissenschaftler Ralf Dahrendorf. „Während wirtschaftliche Tätigkeiten immer weitere Räume zur Entfaltung brauchen und dabei jede Bodenhaftung verlieren, suchen Menschen immer kleinere Räume, in denen sie sich zu Hause fühlen und ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickeln können.“ Gerade wegen unseres Lebens in einer globalisierten Welt wächst also der Wunsch nach dem Verbindlichen. „Meine Heimat“ zu sagen ist nicht mehr peinlich. Als junge Erwachsene gehen wir zwar alle auf Distanz zu unseren Wurzeln. „Das ist auch wichtig“, sagt der Berliner Psychologe Uwe Langendorf. „Wie ein Küken seine Schale sprengen wir die Grenzen unserer Herkunft, weil wir neue Reize für unsere Entwicklung brauchen. Es ist möglich, woanders eine zweite Heimat zu finden. Aber die erste tragen wir stets bei uns.“

Doch meistens, hat Langendorf beobachtet, besinnt man sich früher oder später zurück. „Wir spüren dann eine Gefühlsbindung mit der ursprünglichen Heimat, die uns vorher nicht so bewusst war.“ Wie fühlen sich dann wohl die Menschen, die – auch eine Folge der Globalisierung – ihrer Heimat den Rücken kehren, weil sie nur in der Fremde auf ein besseres Leben hoffen können? „Wenn du all das verlässt, was zu dir gehört, verlässt du fast dich selbst“, sagte der ungarische Schriftsteller György Konrad, der 1944 vor den Nationalsozialisten flüchten musste.

Lachende Frau

Psychologe Langendorf kann das nur bestätigen: „Menschen, die sich heimatlos fühlen, sind ständig auf der Suche.“ Ihnen hilft es nicht, dass wir dank des Internets ein Stück Heimat an fast jeden Ort der Welt mitnehmen oder dorthin ordern können. Die Industrie spielt mit, und wir lassen uns nur zu gern verführen. „Heimat ist eine Sehnsuchtslandschaft der Gefühle“, so der Frankfurter Kulturwissenschaftler Prof. Heinz Schilling. „Auch der Siegeszug von sozialen Netzwerken wie Facebook steht für diese Suche nach Vergewisserung, nach Orientierung.“ Trotzdem wollen die meisten ihr mobiles Leben nicht missen. Doch am Ende einer Reise freuen wir uns alle auf „zu Hause“. Wie großartig fühlt sich die erste Nacht im eigenen Bett an!

Inzwischen weiß ich: Das ist kein Widerspruch. Neulich kam ich am Flughafen mit einem Vielflieger ins Gespräch. Während er seinen Blackberry in der Hand schwenkte, erzählte er mir, dass es ihm fehlen würde, nicht mehr durch die Welt zu jetten. „Ich käme mir vor wie im Gefängnis“, sagte er. „Aber ein Zuhause haben Sie schon, oder? Familie, Kinder?“, fragte ich. Da lächelte er: „Na klar. Wenn die nicht auf mich warten würden, hätte ich am Fernweh keinen Spaß mehr.“

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