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Forschung Das Geheimnis der Glücks-Medizin

Natürlich lässt sich Glück nicht erzwingen, aber mit etwas Übung anlocken. Wer das schafft, trainiert die Ausschüttung von Botenstoffen, die im gesamten Körper wie ein Jungbrunnen wirken.

Glückliche Frau

Die Erasmus-Universität in Rotterdam ist eine Betonwüste. Nicht gerade ein Ort, der gute Laune macht. Doch genau hier, im Gebäude M, 6. Stock, lagern rund 14.000 Forschungsergebnisse zum Thema Glück – die „World Database of Happiness“, die Welt-Glücks-Datenbank. 1980 hat der Soziologe Prof. Ruut Veenhoven sie ins Leben gerufen. Mittlerweile landen bei seinen 14 Mitarbeitern pro Tag im Schnitt ein bis zwei neue Studien. Tendenz steigend. Bei so viel Glück ist Vorsicht angebracht. Was genau macht Menschen lebenszufrieden, wie Fachleute sagen?

Kaum eine andere Frage treibt Wissenschaftler in aller Welt derzeit mehr um. In den Buchläden füllen immer neue Ratgeber, die glücklich machen sollen, inzwischen mehrere Regalmeter. Prof. Tobias Esch, 41, von der Hochschule Coburg, Facharzt für Allgemeinmedizin und Experte für integrative Gesundheitsförderung, weiß das. „Es geht mir nicht um dieses „,Tschaka! Du schaffst das-Gerede“, sagt er deshalb mit Nachdruck. Auch er hat ein Buch über das Glück geschrieben. Schnelle Lösungen sucht man darin allerdings vergebens. „Mir geht es um die Beteiligung des Selbst am eigenen Heilungsprozess, um die Einbindung gesunder Selbstheilungspotenziale“, fasst Esch sein Anliegen zusammen. „Körper, Geist und Seele sind eins, wirken und gehören zusammen. Das hat die moderne Medizin in einigen Disziplinen noch immer nicht vollständig verstanden.“

In unserem Körper wirken Glücksgefühle wie ein Medikament. Nur diesen Schluss lässt die Datenbank in Rotterdam zu. Und das sollten Ärzte und Patienten gleichermaßen nutzen. Die Zeit ist also reif für eine neue Glücks-Medizin. So hatten beispielsweise Teilnehmer einer Langzeitstudie der Columbia University in New York, die mit ihrem Leben eher unzufrieden waren, 22 Prozent mehr Herzinfarkte als jene, die mit ihrem Dasein zufrieden waren. Deren Blut erwies sich als dünner und weniger mit Stresshormonen belastet. Prof. Ruut Veenhoven verglich, welchen Effekt Nichtrauchen und Lebenszufriedenheit („happiness“) auf die Lebenserwartung haben. Das Ergebnis: Glückliche Menschen leben bis zu zehn Jahre länger und gewinnen so viele Jahre dazu wie Nichtraucher gegenüber Rauchern. „Glück wirkt wie eine grüne Ampel auf den Körper“, sagt Veenhoven.
Das kann Prof. Sheldon Cohen von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh in den USA nur bestätigen. Er fragte Probanden ebenfalls, wie „happy“ sie seien, und infizierte sie anschließend mit Grippeviren. Wieder zeigte sich: Wer glücklich war, erkältete sich seltener oder weniger schwer. Knapp 30 Erkrankungen hat Prof. Esch für sein Buch zusammengetragen, bei denen Glücksgefühle und positive Gedanken nachweislich den Heilungsprozess beschleunigen oder unterstützen. Das Tolle: Der Arzt, der uns Glück verordnen kann, sind wir selbst! Genauer: unser Gehirn. Es besitzt gleich mehrere Systeme, die drei Formen von Glück unterscheiden. Jedes dieser „Happiness-Netze“ schüttet hochwirksame Botenstoffe aus, die alle echte Gesundmacher sind.

Körpereigenen Motivations- und Belohnungssysteme fördern die Gesundheit
Erleben wir z. B. das Glücksgefühl „Ich bin angekommen, bin am richtigen Ort“, setzt das Gehirn körpereigenes Morphium frei, das unser Herz-Kreislauf-System stärkt, das Angstzentrum im Kopf schrumpfen lässt und diverse Entzündungen im Körper hemmt. Bei einem kurzen „Glücks-Kick“, z. B. einer Achterbahnfahrt, werden die grauen Zellen mit dem Belohnungsbotenstoff Dopamin geflutet. Das macht sie anpassungsfähiger und stärkt das Immunsystem.
„Die gute Botschaft ist: Das können wir trainieren“, sagt Prof. Esch. Ärzte und andere Therapeuten, die diese Botschaft kennen und im Alltag umsetzen, behandeln ihre Patienten erfolgreicher als Kollegen, die deren Glück dem Zufall überlassen.
Moment! Heißt das, wer krank wird, ist am Ende selbst schuld, weil er nicht genug trainiert hat? „Nein“, sagt Prof. Esch. „Schuld und Unschuld sind in diesem Zusammenhang ungeeignete Kategorien. Aber die Wissenschaft bestätigt nun einmal, dass das Einbinden der körpereigenen Motivations- und Belohnungssysteme die Gesundheit fördert. Es mindert das Ohnmachts- und Hilflosigkeitserleben der Patienten. Das ist kein moralischer Zeigefinger, sondern eine nüchterne Erkenntnis, aus der sich aber nie platte Lebensschablonen ableiten lassen.“ Genauso wenig geht es in der Glücks-Medizin um Schönfärberei. „Sie ignoriert das Unglück in der Welt keineswegs“, betont Prof. Esch. So waren es unter anderem Holocaust-Überlebende, die in den 1970er-Jahren am Applied Social Research Institute in Jerusalem für erste Studien zum Thema Glück und Lebenszufriedenheit befragt wurden. Heute, vier Jahrzehnte später, steht fest: Selbst nach schlimmsten Erlebnissen lassen sich die Glückssysteme im Gehirn noch aktivieren. Unser „innerer Arzt“ gibt nie auf.