[Alt-Text]

Verena Carl Kolumne Geschenk-Gutscheine

Gemeinsam was erleben statt einsam Pralinen futtern: Ein Gutschein scheint ein ideales Geschenk für jede Gelegenheit. Doch die Wert-Papiere haben ihre Tücken, das erlebt VITAL-Kolumnistin Verena Carl immer wieder 

Das vielversprechendste Geschenk, das ich in meinem Leben gekauft habe, kostete mich 70 Pfennig. Es ist eine jener Schwarzweißpostkarten, die Ende der 80er-Jahre so beliebt waren: junge, halb nackte Menschen, die stilvoll in zerwühlten Betten herumlungern. Besonders reizend fand ich die Bildüberschrift: „Gutschein für eine unvergessliche Nacht“. Den Sex-Scheck in der Schreibtischschublade, wartete ich auf den passenden Empfänger.

Lang ist’s her, und seitdem habe ich einiges über Gutscheine gelernt. Sie kommen daher wie die persönlichste Gabe der Welt: Schau her, ich schenke dir ein schönes Erlebnis, allein oder mit mir zusammen. Aber egal, was draufsteht – Liebesnacht oder Wellnesstag, Musicalbesuch oder ayurvedisches Drei-Gänge-Menü –, virtuelle Geschenke sind eine Währung mit starken Kursschwankungen.

Nur selten werden sie schnell eingelöst. Dann nämlich, wenn der Schenker selbst das Event kaum erwarten kann („Zwei Karten für die Howard-Carpendale-Comeback- Tour? Wie lieb, Tante Gisela!“). In klassischen Fällen verkümmern Gutscheine im Laufe der Zeit von einem technicolorbunten Drei-D-Film im Kopf zu einem Stück Pappe. Typischer Geburtstagsdialog unter Freundinnen: „Super, ein Gutschein für ein Yogawochenende! Wann denn?“ „Och, da bin ich flexibel. Sag mal, wann du kannst. Oder ich ruf da an und frag nach.“

Danach fangen beide an zu warten. Papier ist geduldig, und der Gutschein ist der Buddha unter den Papieren. Stufe zwei: Beide sind klammheimlich gekränkt. Typische innere Monologe, Stufe drei: „Ich hab den ganzen Nachmittag Yogawochenenden gegoogelt, und die gnädige Frau kann sich nicht mal einen Termin aussuchen.“ „Tolle Freundin: Sie kritzelt einfach eine Postkarte voll, und ich muss mich um alles kümmern.“

Vor allem nach runden Geburtstagen wird’s logistisch kompliziert: Da schenken oft gleich mehrere Freunde Gutscheine – mit der gleichen Idee. Ich kann da mitreden, drei Monate nach meinem 40. habe ich endlich den ersten von drei Massageterminen vereinbart. Allerdings erst in acht Wochen. Kann ich gut gebrauchen bei dem Stress – allein wegen der vier Theatergutscheine, die ich bis Juli einlösen muss. Gut, dass meine Mutter mir eine Extra- Portion Babysitting aufgeschrieben hat.

Einfacher lassen sich Einkaufsgutscheine bedienen. Sogar der Supermarkt meines Vertrauens bietet sie an. Aber wer freut sich über Ansagen wie „Liebling, mach es dir mal richtig nett, kauf auf meine Kosten ein Pfund Bio- Bananen und ein Sixpack Bier“? Andere sind zwar charmanter (Kosmetik, Möbel), haben allerdings ihre Tücken. Erstens: Man muss selbst in die Stadt fahren oder bei Ikea im Industriegebiet Nord einen Parkplatz suchen. Zweitens: Dort kostet nie irgendetwas 10, 20 oder 50 Euro. Sondern immer nur 8,99 oder 62,50. Verfallen lassen oder draufzahlen, das ist hier die Frage. Dann doch lieber einen Tankgutschein, da klappt’s auch mit der runden Summe.

Den Gutschein für die unvergessliche Nacht habe ich nie verschenkt. Was nicht bedeutet, dass ich in den letzten 20 Jahren nicht ein paar erlebt hätte. Daraus folgt: Viele verdammt schöne Geschenke kosten nicht mal 70 Pfennig. Aufregender Sex gehört dazu. Aber auch ein Blasenpflaster, das er mit in den Urlaub nimmt, weil er schon weiß, dass sie unterwegs wieder neue Schuhe kauft. Oder der Anruf einer Freundin genau im richtigen Moment. Das Beste an diesen Geschenken: Man kann sie sich nicht zum Geburtstag wünschen. Sie passieren einem, ohne Gutschein, und sie kommen von Herzen.

Autor:
Verena Carl