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Selbsthilfe Ich verstehe Ihre Gefühle

Mit ihrer eigenen Selbsthilfegruppe unterstützt Stephanie Nestler, 47, Menschen mit einer Essstörung – und sich selbst.
Stephanie Nestler

Der Anruf kam letzte Woche. Eine Berlinerin bat Stephanie Nestler voller Sorge um Hilfe. Ihre 16-jährige Nichte werde immer dünner, wiege nur noch 40 Kilogramm. Niemand käme an sie ran. Stephanie Nestler schaffte es. Zweimal durfte sie mit der jungen Frau telefonieren und überzeugte sie schließlich, freiwillig eine Klinik für Patienten mit Essstörungen aufzusuchen. Die 47-Jährige aus Deggendorf in Niederbayern ist stolz und glücklich über diesen Erfolg. Trotzdem muss die ehemalige Bundesgrenzschützerin ständig aufpassen, auf der richtigen, der „guten“ Seite zu bleiben. Noch immer spürt sie, dass ihre Gedanken manchmal abdriften. Dann findet sie ihr Normalgewicht wieder fett, und aus jedem leckeren Essen wird ein hässlicher Kalorienberg. Jeder Kontakt mit Hilfesuchenden bedeutet für Nestler einen Blick in den Spiegel: Bis vor neun Jahren litt sie selbst an Magersucht.

Der Weg aus der Essstörung

2001 verklagte sie ihren Arbeitgeber wegen Mobbing. Sie muss te vor Gericht aussagen, stand enorm unter Druck. Das war der Auslöser. Zweimal musste sie in eine Spezialklinik. „Täglich eine Tasse Quark“, erzählt sie, „so hangelte ich mich zurück in mein Leben.“ Sie schaffte es – und glaubt fest daran, dass andere Betroffene dieses Ziel auch erreichen können. „Du schaffst es, aber du schaffst es nicht allein“, lautet deshalb der Leitsatz der Selbsthilfegruppe, die sie in gegründet hat – für Stephanie Nestler, die Erwerbsminderungsrente erhält, eine Lebensaufgabe und Therapie zugleich. „Es ist enorm wichtig, sich aus der Einsamkeit,der Heimlichkeit zu lösen und wieder Vertrauenzu seinem sozialen Umfeld zu fassen“, das weiß Nestler aus eigener Erfahrung. „Menschen mitEssstörungen fühlen sich von Gesunden unverstanden.

Hilfe gesucht?

STEPHANIE NESTLER ist per E-Mail über nestler_steph@gmx.net oder telefonisch unter 0173/3894194 zu erreichen. Mehr Infos unter www.bzga-esstoerungen.de

Betroffenen helfen

Als Betroffene finde ich einen anderen Zugang zu ihnen. Sich so angenommen zu fühlen, wie sie im Moment sind, bedeutet ihnen viel.“ Wählen Angehörige Stephanie Nestlers Handynummer, rät sie ihnen meist, sich zurückzunehmen. „In einer weniger angespannten Situation geht es Betroffenen häufig schon etwas besser, und sie sind gesprächsbereit.“ Ihre Worte klingen nicht hohl, nicht oberlehrerhaft, sondern ehrlich und ermutigend. „Der erste Schritt ist, die Krankheit zu akzeptieren und Hilfe anzunehmen“, sagt sie. Dass es ihr oft gelingt, anderen die nötige Kraft zu geben, behält sie fast für sich. Längst kommen die Teilnehmer ihrer Selbst - hilfegruppe nicht mehr nur aus dem Umkreis. Manche nehmen lange Anreisen in Kauf, weil sie in einem Deggendorfer Gasthaus oder Biergarten etwas Besonderes bekommen: mitfühlendeMotivation. Da sitzt ihnen eine Frau gegenüber, die weiß, wie hoch die Hürden sind. Dennoch bleibt es für Stephanie Nestler eine Gratwanderung. Doch heute kennt sie die Warnsignale. Wenn sie sich zu weit von der „guten“ Seite entfernt, spricht sie mit ihrem Therapeuten, der sie daran erinnert: Essen ist der Stoff, den wir zum Leben brauchen. „Ich muss lernen, mich abzugrenzen“, sagt Stephanie Nestler, „um weiter helfen zu können.“ So wie sie dem Teenager aus Berlin geholfen hat.