[Alt-Text]

Gefühl des Monats Offen für mehr

Toleranz ist die Gabe, das Leben leicht und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Denn unser Gefühl des Monats erfordert die Hingabe für das Andere, das Neue und die Veränderung. vital-Autorin Simone Buchholz über die Erkenntnis, warum sich Mitgefühl gut anfühlt.
Frau liegt am Strand

Vor sechs Jahren, als ich feststellte, dass in meinem Bauch ein Kind heranwächst, fing ich bald an, mir Gedanken über Erziehung zu machen. Eine Kollegin sagte damals: „Ganz viel Liebe und Zero Tolerance.“ Super Strategie, dachte ich. Herrlich einfach. „Blödsinn“, sagte ein kluger älterer Herr zu mir, dem ich eine Menge zutraute. „Ganz viel Toleranz, und die Liebe kommt von allein.“ Da saß ich, in der schönsten Zwickmühle zwischen diesen beiden gut klingenden Ideen, lange bevor mein Sohn mit Karacho in die Welt raste. Liebe wirbelte er dabei säckeweise auf – innige, schmerzlich schöne, bedingungslose Liebe, die es mir fast unmöglich machte, überhaupt mal was nicht zu tolerieren. Ich kämpfte mich durch den Berg aus Liebe, während das Kind schrie und Milch spuckte wie ein Besessener und keinen Schlaf zu benötigen schien, im Gegensatz zu meinem Mann und mir.

Das stärkt Ihre Seele
Frau mit Seifenblasen

Öfter entspannen, Selbstbewusstsein tanken, anpacken statt aufschieben – viele gute Vorsätze betreffen unsere Psyche. Der Clou: Mit Sport können wir neue Ziele anbahnen und sie dann leichter erreichen.

Es war wie permanent angeschossen zu werden, aber selbst vollkommen unbewaffnet zu sein. Wenn ich in dieser Zeit des Dämmerzustands für einen Moment einen klaren Gedanken fassen konnte, sah ich das wilde Bündel von meinem Sohn an und dachte: Er soll sein dürfen, wie er ist. Er soll frei entscheiden dürfen, wie er leben will. Er soll ausprobieren, was er will, und sich in alle Richtungen bewegen können, aber er wird auch lernen müssen, dass man mit sich selbst niemanden quälen darf. Vor allem, wenn man nicht vorhat, allein durchs Leben zu gehen, außerhalb jeder sozialen Struktur. Das eigene Leben hat Grenzen, und die liegen da, wo es beginnt, anderes Leben zu verletzen.

Toleranz ist flexibel einsetzbar

Und so nahm ich ihn eines Nachts auf den Arm und sagte mit fester Stimme: „Ist gut jetzt.“ Lief nur halb perfekt, aber ich hatte etwas begriffen: Um aus vollem Herzen Ja zu etwas zu sagen, muss man auch mal Nein sagen, ebenso herzhaft . Seitdem ist das eine der zentralen Fragen meines Lebens: Was lasse ich sein, wie es ist – und was lasse ich nicht einfach durchrutschen? Die Krux dabei: Das lässt sich nicht allgemein festschreiben, in einer Art Verhaltenskodex oder als universelle Handlungsanweisung. Das Wesen der Toleranz ist flexibel. Ich muss situationsabhängig und im Moment entscheiden, was ich in Ordnung finde und was nicht, immer wieder aufs Neue. Das ist anstrengend. Das kostet Kraft , denn ich laufe ja nicht den ganzen Tag durch die Welt und beschäftige mich nur mit meiner inneren Debatte über Toleranz.

 

Schlagworte:
Autor:
Simone Buchholz