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Schicksal Unsere Frau des Monats: Ester Peter

Bei einer Not-OP vor fünf Jahren wäre Ester Peter, 46, fast gestorben. Doch sie überlebte – und gründete ein Tageshospiz für unheilbar kranke Kinder.

Hände

Die blonde Frau spricht, als säße jemand mit einer Stoppuhr hinter ihr. Kurze Sätze, sparsame Gesten, konzentriert auf das Wesentliche. Ester Peter hat nicht viel Zeit. Genau genommen dreht sich bei ihr fast jeder Gedanke darum, die Zeit zu bändigen, um wenigstens einen kleinen Aufschub zu gewinnen. „Manchmal bin ich etwas müde“, sagt die 46-Jährige, lächelt kurz und nippt an ihrer Kaffeetasse. 80 bis 100 Stunden arbeitet sie ehrenamtlich pro Woche – und das ist immer noch nicht genug.

 

Die Hamburgerin Ester Peter hat mit „KinderLeben e.V.“ Deutschlands erstes Tageshospiz für unheilbar kranke Kinder und ihre Angehörigen aufgebaut. Alles in den zwei lichtdurchfluteten Loft-Etagen ist ihr Werk, sogar das Laminat hat sie verlegt. Als Heldin will sie aber auf keinen Fall gesehen werden. „Um mich geht’s doch gar nicht“, sagt sie bestimmt. Sondern um die fünf bis sieben Kinder, die hier tagsüber von Krankenschwestern und ehrenamtlichen Helfern betreut werden. Auf der großen Spielwiese, beim Tischfußball, im Musikzimmer oder unter dem bunten „Wunschbaum“ können sie herumtoben, ein Stück Alltag leben und den Tod vergessen.
Nur im Ruhezimmer erinnert eine brennende Kerze in einer stillen Ecke daran, dass diese Normalität zeitlich begrenzt ist. Daneben liegt ein Buch mit Fotos des Jungen, der bis vor Kurzem noch regelmäßig kam. Er war HSV-Fan. Jemand hat einen kleinen Ball dazugelegt. „Wir brauchen viel mehr Zeit zum Trauern“, sagt Ester Peter mit Nachdruck. „Kinder können und wissen das intuitiv viel besser als Erwachsene. Auch wenn sie es nicht aussprechen.“

 

Manche kommen für ein paar Tage, andere über Wochen. Ester Peter hofft jedes Mal, dass daraus Jahre werden. 2010 nahm „KinderLeben e.V.“ die Arbeit auf. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern, die Zeit zum Durchatmen bekommen sollen, für die Geschwister, die oft zu kurz kommen. 25 000 Euro müssen jeden Monat an Spenden zusammenkommen, um die Miete, das sechsköpfige Pflegeteam und zwei Bürokräfte bezahlen zu können. Deshalb schreibt Ester Peter täglich unzählige Mails an mögliche Geldgeber, telefoniert, präsentiert ihren Verein auf Messen, organisiert Benefizturniere und verteilt sogar Flugblätter beim Heavy-Metal-Festival in Wacken. „Luxus ist für mich, wenn ich in Ruhe duschen kann“, sagt sie. Wieder huscht ein leises Lächeln über ihr Gesicht.

 

Dann erzählt sie von der „Kehrtwende in meinem Leben“, mit der vor fünf Jahren alles begann. Sie hatte einen Abszess hinter der Gebärmutter. Schlagartig setzten Krämpfe und Schüttelfrost ein. Sie musste sofort operiert werden. Der Narkosearzt fragte sie, was er ihren drei Kindern als letzte Worte ausrichten soll. „Da begriff ich plötzlich, dass ich sterben könnte. Sofort. Ohne Gnadenfrist“, erinnert sich Ester Peter. „Und ich begann zu verhandeln. Ich habe gebetet, habe Gott einen Tausch angeboten: Wenn er mich leben lässt, werde ich ihm etwas zurückgeben.“ Sie hat Wort gehalten: Jetzt gibt sie ihre Zeit, damit andere mehr davon haben. Ein paar Momente des Glücks. So kurz sie manchmal auch sein mögen.

Infos: hamburg-kinderleben.de, Tel. 0 40/33 42 84 11

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